• Terror unter den Nazis
  • Die Befreiung durch die Sowjetunion?
  • Der Drang nach Freiheit
  • Das Ende des Landes

Im Zweiten Weltkrieg litt die Tschechoslowakei wie alle Länder, die besetzt waren, unter dem Nazi-Terror. Erst mit der "Befreiung" durch die UDSSR endete er. Doch die Freiheit kam erst mit dem Zerfall der UDSSR und gleichzeitig wurde damit das letzte Kapitel der Tschechoslowakei aufgeschlagen, das Land zerfiel. 

Krieg und Besatzung

Die Tschechoslowakei war unter die Herrschaft des Dritten Reiches geraten. Wie alle anderen Länder, in denen die Nazis einmarschiert waren, litt die Bevölkerung unter der Besetzung. Auch hier wurden Juden und Oppositionelle verfolgt und getötet. Besonders pervers war die Errichtung eines "Vorzeige-Ghettos" in Theresienstadt, dem heutigen Terezín.

Im November 1941 trafen die ersten jüdischen Gefangenen dort ein, die meisten hatten sich unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen, nämlich dass die dort frei leben könnten, freiwillig gemeldet. Doch diente Theresienstadt als Sammel- und Durchgangslager für die Jüdinnen und Juden des besetzen Protektorats "Böhmen und Mähren". Auf der Wannseekonferenz im Januar 1942 wurde eine andere Nutzung des Ghettos beschlossen. Es sollte als Ort für prominente und alte Jüdinnen und Juden dienen. Ihnen wurde suggeriert, dort wäre ein Kultur- und Vorzeigelager und es biete Pflege im Krankheitsfall. Ab Juni 1942 konnten Jüd*innen "Heimeinkaufsverträge" abschließen und sich damit einen Platz in Theresienstadt erkaufen.

Dies galt auch für diejenigen, die Träger von hohen Kriegsauszeichnungen oder Verwundetenabzeichen des Ersten Weltkrieges waren. Man versprach ihnen Selbstverwaltung und ein "jüdisches Siedlungsgebiet". Doch in Wahrheit war Theresienstadt ein völlig überfülltes Ghetto mit unsäglichen Bedingungen. Im Schnitt starben 100 Menschen pro Tag an Unterernährung oder Krankheiten. Insgesamt wurden dort mehr als 140000 Menschen gefangen gehalten und ermordet. 88000 von ihnen wurden in andere Konzentrationslager gebracht und dort getötet. Auf Befehl Himmlers wurden die Transporte in die Konzentrationslager 1942/43 für einige Monate unterbrochen. Die Stadt wurde verschönert, sogar Geschäfte und Kaffeehäuser eingerichtet. Alles wurde für einen Besuch einer Delegation des Deutschen Roten Kreuzes vorbereitet, bei der man Theresienstadt als einen Ort zeigen wollte, in dem Juden in Ruhe und Frieden leben konnten. Auch ein Film wurde gedreht, in welchem Theresienstadt als "normaler" Ort gezeigt werden sollte. Dieser Film wurde zwar fertiggestellt, aber nie in den deutschen Kinos gezeigt. 

Heydrich-Attentat und Vertreibung

Währenddessen gingen Krieg und Besetzung weiter. Als im Mai 1942 auf den "Reichsprotektor Böhmen und Mähren", Reinhard Heydrich, durch die beiden Tschechen Jozef Gabčík und Jan Kubiš ein Attentat verübt wurde, eskalierte die Situation. Heydrich starb am 4. Juni 1942 an den Folgen. Die Attentäter wurden gejagt, eine Spur führte in den Ort Lidice, ein kleines Dorf, 22 Kilometer von Prag entfernt, mit gerade mal 493 Einwohnern. Am 9. Juni, dem Tag von Heydrichs Beisetzung, wurde nach einer Führerbesprechung beschlossen, dass der gesamte Ort ausgelöscht werden sollte. Alle männlichen Bewohner seien zu erschießen, Frauen in ein KZ zu überführen, die Kinder sollten, sofern "eindeutschungsfähig", an SS-Familien ins Reich überstellt werden.

Der Rest sollte "einer anderen Erziehung zugeführt werden", was auch immer dies bedeuten sollte. Der gesamte Ort sei dem Erdboden gleichzumachen. Am 10. Juni wurde dieser Befehl umgesetzt, 173 Männer wurden erschossen, die Frauen und Kinder in der Turnhalle eingesperrt, wo man sie drei Tage später voneinander trennte. Alle Kinder unter einem Jahr und jene, die nicht "umerziehungswürdig" waren, wurden in Chelmno in Polen getötet, die Frauen nach Ravensbrück verschleppt. Das Dorf selber wurde völlig zerstört.

Nachdem am 1. Mai 1945 der Selbstmord Hitlers bekannt wurde, brach an vielen Orten ein unkoordinierter Aufstand gegen die Besatzer los. Am 5. Mai begann er nach einem Aufruf im Rundfunk auch in Prag. Vier Tage lang wurde gekämpft. Am 8. Mai unterschrieb der Oberbefehlshaber der Wehrmacht im Protektorat in Prag die Kapitulation, die sowjetische Armee zog am 9. Mai in die Hauptstadt ein. Den entwaffneten deutschen Soldaten wurde der Abzug nach Westen erlaubt. Zwei Tage später war der restliche Widerstand gebrochen. Doch damit war der Krieg nicht beendet. Aus den Grenzgebieten wurden die Deutschen vertrieben. Es kam vielerorts zu Gewalt, Entmenschlichung und Erniedrigung. Die offizielle Vertreibung begann am 1. Januar 1946 und endete am 1. November. Rund 2,2 Millionen Deutsche mussten ihre Heimat verlassen. 

Der Prager Frühling

Die Vertreibung der Deutschen brachte neue Probleme mit sich. Die neuen Bewohner*innen, die man in den Gebieten ansiedelte, konnten jedoch die Verluste für Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft nicht kompensieren. Auch international wurden die Beziehungen nach dem Krieg schwieriger, da sich der eiserne Vorhang zu senken begann. Hatte man am Anfang noch versucht, eine Art Drehscheibe zwischen Ost und West zu sein, neigte das Land bis 1948 sich immer mehr der Sowjetunion zu. Das Land war zwar als Staat wiederhergestellt, stand aber wie Polen, Rumänien und die anderen von den Sowjets befreiten Länder unter der Aufsicht Moskaus, genauer gesagt unter Stalins Herrschaft. Als dieser 1953 starb, begann die Phase der Entstalinisierung, 1956 wurde auch in der Tschechoslowakei der Personenkult um Stalin verurteilt. 1957 wurde Antonín Novotny Partei- und Staatschef, Anfang der 60er Jahre schaltete er die Stalinisten aus und öffnete das Tor für Liberalisierung und Meinungsfreiheit. 

1967 machten sich in der CSSR erneut zunehmend Unzufriedenheit und Unruhen breit. Diese gingen in der Hauptsache auf Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle um Václav Havel zurück, welche den Unmut formulierten. Novotny stellte sich gegen die Stationierung sowjetischer Raketenbasen, was der Generalsekretär der KpdSU Leonid Breschnew zum Anlass nahm, die Absetzung Novotnys in die Wege zu leiten, der im Januar 1968 zurücktreten musste. Mit Genehmigung durch die Kreml-Führung wurde von der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei (KPTsch) Alexander Dubcek zum neuen Führer (Erster Sekretär) gewählt. Dieser war in Moskau ausgebildet worden, doch schon bald bereute man in Moskau die Bestätigung Dubceks, denn dieser hatte die Absicht, weitreichende wirtschaftliche, kulturelle und politische Veränderungen voranzutreiben. Das Volk stand hinter Dubcek und den Reformen, die als "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" tituliert wurden – oder als "Prager Frühling". Im April 1968 verurteilte die KPTsch in einem Bericht die katastrophalen Zustände im Wohnungswesen, die Stagnierung des Lebensstandards, die Mängel im Transportwesen und die schlechte Qualität von Waren und Dienstleistungen, sprich die gesamte Planwirtschaft. Es schien also unerlässlich, das Wirtschaftssystem liberaler und flexibler zu gestalten. Ferner hieß es, man sei bereit, Rechte, Freiheiten und Interessen zu garantieren und würde auch Richtlinien und Beschlüsse ändern, um die Forderungen des Volkes zu erfüllen. Es wehte ein Hauch von Freiheit durch das Land. 

Doch dem Kreml passten diese Beschlüsse nicht. Zwar versicherte Dubcek, das Land würde weiter Mitglied des Warschauer Paktes und auch im sozialistischen Lager bleiben, doch Breschnew glaubte nicht daran. So begann man, Druck auszuüben. Für die Kreml-Führung gab es keinen anderen Weg, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen als den sowjetischen. Breschnew bestand darauf, dass die Sowjetunion höchster Schiedsrichter in allen Angelegenheiten in Osteuropa wäre, denn schließlich hätte die Rote Armee diese Länder befreit. Er befürchtete, eine Schwächung der kommunistischen Herrschaft in einem kommunistischen Land würde einen Domino-Effekt hervorbringen. Hatte die sowjetische Führung 1956 den ungarischen Aufstand noch im Alleingang durch die Rote Armee niederschlagen lassen, so ging man dieses Mal einen anderen Weg. Ab April 1968 fanden mehrere Gipfeltreffen des Sowjetblocks statt, in denen Moskau versuchte, seine Verbündeten davon zu überzeugen, gemeinsam gegen die tschechoslowakischen Reformen aufzutreten. Bulgarien, Polen und die DDR schlossen sich umgehend an. Rumänien hielt sich heraus, Ungarn versuchte, einen Kompromiss zu finden. Im Juli wurde eine gemeinsame Erklärung, genau genommen eine Warnung, veröffentlicht. Man forderte darin die Tschechoslowakei auf, die "Konterrevolution" zu beenden. Der ungarische Regierungschef Kádár war immer noch der Meinung, man könne die "Krise" nur gemeinsam mit der Prager Führung lösen, doch er wurde zunehmend isolierter und trat schließlich zurück. Er erklärte, Ungarn würde sich den anderen anschließen. Breschnew forderte Anfang August die Wiedereinführung der Zensur sowie die Entlassung führender Reformer. Dubcek kam dem nur halbherzig nach. Am 17. August 1968 beschloss das sowjetische Politbüro, in der Tschechoslowakei militärisch zu intervenieren. In der Nacht auf den 21. August marschierten die Truppen des Warschauer Paktes ein. Insgesamt waren eine halbe Million Soldaten beteiligt. Es gab allerdings keinen bewaffneten Widerstand, nur riesige Demonstrationen in den Städten, über welche die Radio- und Fernsehsender berichteten – bis sie gleichgeschaltet wurden. Da es keine neue Führung gab, musste die Kreml-Führung mit Dubcek verhandeln, der gemeinsam mit seinen Mitstreitern verhaftet und nach Moskau geflogen wurde. Am Ende wurde ein Abkommen unterzeichnet, in dem alle Reformen rückgängig gemacht wurden. Im Gegenzug wurden die Truppen abgezogen. Die neue Moskau-freundliche Führung der Tschechoslowakei kehrte zum alten Sozialismus zurück und blieb dabei bis 1989.

Das Ende der UDSSR und die Teilung

In der zweiten Hälfte der 70er Jahre bildete sich in der Tschechoslowakei eine Bürgerrechtsbewegung heraus. Diese entwickelte sich schnell zur wichtigsten Oppositionskraft. Nachdem Michail Gorbatschow in der UDSSR die Macht übernommen hatte und versicherte, dass sich sein Land nicht mehr in die Angelegenheiten der Ostblockstaaten einmischen würde, gewann diese Bewegung schnell an Bedeutung. Eine neue Revolution bahnte sich an, die sogenannte "samtene Revolution". Es handelte sich dabei um friedliche Massenproteste, die den Übergang in der Tschechoslowakei vom Kommunismus in die Demokratie einleiteten.  Doch diese wurden nicht selten von der Polizei gewaltsam aufgelöst. Am 17. September 1989 zogen Studenten, die wichtigste protestierende Kraft, in Massen durch die Straßen. Viele wurden dabei von Polizisten verprügelt. Das hatte zur Folge, dass die gesamte Opposition unter der Leitung von Vaclac Havel am 20. November zum Massenprotest aufrief. Ende des Monats waren mehr als 750.000 Demonstranten auf den Straßen von Prag und forderten die Regierung zum Rücktritt auf, was letztlich auch erfolgreich war.

Doch die alten Probleme zwischen Tschechien und der Slowakei bestanden weiterhin. Der Zusammenbruch der kommunistischen Regierung hinterließ im Grunde genommen ein Machtvakuum. Die Menschen wurden sich ihrer nationalen Identität bewusst. Sie waren keine "kommunistischen Internationale", sondern Tschechen und Slowaken. Die slowakische Elite wollte mehr Macht im Land. Doch Präsident Vaclav Havel verschärfte die Situation noch, statt sie zu beruhigen. Er schloss die slowakischen Militäranlagen, was zu einer Zunahme der Arbeitslosigkeit führte. Die Slowaken forderten vom Finanzminister Mittel, um die Kosten decken zu können, was dieser verweigerte. Der Beginn der Wirtschaftsreformen beim Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus war für die schon immer ärmere Slowakei schwieriger zu bewältigen, was den Separatismus noch weiter verschärfte. Bei den Wahlen 1992 wurde die Spaltung immer deutlicher, denn während in der Tschechischen Republik eine bürgerlich-demokratische Partei, welche eine Fortsetzung der Reformen und den Erhalt der Föderation forderte, als Sieger hervorging, war es in der Slowakei die "Bewegung für die demokratische Partei", welche eine Konföderation forderte. So kam es in der Villa Tugendhat bei Brünn zu der Übereinkunft, die Föderation zu beenden und zwei eigenständige Staaten zu gründen. Am 1. Januar 1993 wurde die Teilung endgültig vollzogen. Die Tschechoslowakei existierte nicht mehr.

Fazit: In vielerlei Hinsicht sind sich die Geschichten Jugoslawiens und der Tschechoslowakei sehr ähnlich. Entstanden nach dem Ersten Weltkrieg hatten beide Länder sowohl ein ethnisches als auch ein politisches Problem. Beide Länder wurden zeitweise im Zweiten Weltkrieg aufgelöst und standen danach unter einer kommunistischen Herrschaft. Doch während in Jugoslawien später mehrere Kriege tobten, gelang es der Tschechoslowakei, sich in Frieden zu trennen. Heute gilt das Verhältnis der Tschechischen Republik zur Slowakei als ausgezeichnet