• Großbardorf: Fränkische Gemeinde ist komplett unabhängig von Erdgas
  • "Produzieren 15 Mal so viel Strom wie nötig": Nicht nur Wärme ist gesichert
  • "Gemeinschaftsgedanke": Keine Proteste - Bürgermeister verrät, wieso
  • Solar, Biogas, Windkraft: Das ist das Energie-Erfolgsrezept in Großbardorf

Innerhalb kürzester Zeit ist die Gemeinde Großbardorf (Landkreis Rhön-Grabfeld) zu einem bayernweiten Vorbild in Sachen Energie geworden. Seitdem die Gas-Versorgung vielerorts wegen des Ukraine-Kriegs im Winter nicht mehr sicher scheint, wird Josef Demar (CSU) von Anfragen überschüttet, wie er gegenüber inFranken.de erzählt. "Ich bin nur ein ehrenamtlicher Bürgermeister und das ist schon außergewöhnlich", sagt er und lacht. Der Grund: Das unterfränkische Dorf versorgt sich beinahe komplett selbst mit Wärme und Strom. "Proteste hat es bei uns nie gegeben", sagt Demar nicht ohne Stolz in der Stimme. 

Gemeinde Großbardorf war schon 2005 Solar-Vorreiter - mit einem klugen Konzept

"Alle fragen nach: Wie macht ihr das?", so der Kommunalpolitiker, der seit 26 Jahren das Rathaus leitet. Und erläutert: "Alles hat angefangen, weil wir einfach keinen Gas-Anschluss bekommen haben. Wir waren zu wenige Einwohner und hatten keine Industrie in der Nähe."

Die meisten Menschen im Ort hätten mit damals sehr günstigem Öl oder Holz geheizt. Gleichzeitig hatte die Ortschaft bereits Erfahrung mit nachhaltiger Energie, wie Demar erzählt. 2005 ist hier nämlich die laut Gemeinde "erste große Freiflächenphotovoltaikanlage im Landkreis Rhön-Grabfeld" ans Netz gegangen - auf Flächen, die für die Landwirtschaft keine ausreichenden Erträge bringen würden. 

 "Wir haben es geschafft, dabei immer die Bevölkerung mitzunehmen, weil sich auch der Handwerker und kleine Mittelständler mit einem recht geringen Beitrag einen Anteil leisten kann." Dabei habe man stets die Anwohnerschaft bevorzugt - und habe das Angebot erst im Anschluss auch an Menschen von außerhalb weitergetragen. "Bei Großkonzernen und ihren Solarprojekten bleibt ja der normale Arbeiter außen vor." Heute produziere die große Solaranlage "15 Mal so viel Strom wie nötig, um unseren Ort zu versorgen", erzählt Demar.

80 Prozent des Dorfs an Nahwärmenetz angeschlossen - "Win-win-Situation" ohne Erdgas

Der Überschuss werde ins Netz eingespeist, wovon diejenigen profitierten, die sich für Anteile entschieden hätten. "Jeder wurde gefragt, weshalb niemand am Ende sagen kann, er habe nicht mitmachen können." Eine ähnliche Erfolgsgeschichte, die die aktuelle Aufmerksamkeit schafft, ist aus Sicht des Bürgermeisters die Biogasanlage auf Basis eines gemeinschaftlichen Unternehmens von Bauern und Bäuerinnen.

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Sie versorge 80 Prozent des Dorfs über ein Nahwärmenetz - und mache so völlig unabhängig vom Erdgas. "Es ist eine Win-win-Situation. Denn es wird nicht mehr Mais angebaut als früher, wir haben bis zu sieben Stunden Speichermöglichkeit und nach der Umsetzung von Methan wird der Rest als Dünger auf die Felder gebracht", schwärmt der Bürgermeister. Über 40 Landwirte und Landwirtinnen sorgten so dafür, dass es auch im Winter 2022/2023 in den Häusern in Großbarsdorf nicht kalt bleibt. 

Im Sommer bleibe die Biogasanlage hingegen weitgehend aus. Nur, wenn Wärme wirklich gebraucht werde, schalte man sie dazu. Das nachhaltige Energiekonzept bringt auch anderweitig Geld in der Gemeindekasse. "2010 hat bei uns ein Industrieunternehmen eine neue Betriebsstätte gebaut. Und sie hatten Angebote von außen", erzählt der Politiker. "Wir haben sie dann an die Biogasanlage angeschlossen, das ist natürlich ein Riesen-Standortvorteil."

"Gemeinschaftsgedanke" wichtig - selbst Windkraft ruft keine Proteste in Großbardorf hervor

Ähnlich sei es auch bei den Windrädern gelaufen - vier Stück stehen im Umkreis der Gemeinde, in Großbardorf feiert man die Windkraft sogar mit einem Miniaturmodell im Ort. "Die Nachbargemeinde wollte damals Windräder hinstellen und ich habe alle aus dem Ort in die Gemeinderatssitzung eingeladen und gesagt: Ich bin dafür und wir machen das, aber nur, wenn ihr auch dahintersteht."

Es habe sich bisher "noch niemand brüskiert", sagt er. Windräder haben auch eine gewisse Tradition in Großbardorf. Denn bereits 1921 ging hier ein Windrad in Betrieb, das bis 1943 stand. Viel wichtiger noch aber sei der "Gemeinschaftsgedanke", betont Demar. "Man muss alle Leute immer mitnehmen und ihnen nicht irgendwann einfach sagen, da kommt das und das. Jeder muss die Möglichkeit haben, zu profitieren. Und gerade, wenn manche am Anfang äußern, sie haben kein Interesse, dann sehen sie später oft die Rendite und sagen sich, das wäre vielleicht doch was."

Ihm sei klar, dass sich dieses Prinzip nicht unbedingt auf Städte übertragen lasse. Und doch ist er überzeugt davon, dass die Ideen, die in Großbardorf umgesetzt wurden, auch andere Ortschaften in Bayern inspirieren könnten, vielleicht sogar Impulse für die Landespolitik geben. Denn gerade der Windkraftausbau im Freistaat scheitert vor allem am Widerstand von Anwohnern und Anwohnerinnen. 

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