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Nürnberg
Petition

Tiergarten Nürnberg: Tierschützer fordern Delfinarium-Schließung

Mit einer Petition will die Aktionsgruppe Tierrechte Bayern den Tiergarten Nürnberg dazu bringen, sein Delfinarium zu schließen. Tierschützer Simon Fischer hält das Konzept weder ethisch noch wissenschaftlich für tragbar. Der stellvertretende Leiter des Tiergartens sieht das anders: Er hält die Diskussion für emotional aufgeladen. Einen Anlass zur Schließung gebe es nicht.
 
Delfinarium Nürnberg
Das Delfinarium in Nürnberg ist immer wieder der Kritik von Tierschützern und der Öffentlichkeit ausgesetzt. Die Aktionsgruppe Tierrechte Bayern hat eine Petition gestartet und hofft nun auf Unterstützung aus der Bevölkerung. Foto: Momchil Petkov
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Immer wieder gerät das Delfinarium in Nürnberg in die Kritik von Tierschützern und Öffentlichkeit: Das Wal- und Delfinschutz-Forum WDSF forderte jüngst eine Beendigung der Delfinhaltung und eine Rückführung der Tiere in menschenbetreute Meeresbuchten, TripAdvisor kündigte eine Beendigung der Geschäftsbeziehungen zum Tiergarten Nürnberg an und erklärte öffentlich, dass man auf eine Zukunft ohne Delfinhaltung hoffe, Tanja Breining von der Tierrechtsorganisation Peta erklärte, dass sie etwa die Medikamentengabe oder die kargen Becken von Delfinen kritisch sehe. Die Liste ist lang.

Doch ist das Konzept von Delfinarien tatsächlich veraltet, nicht artgerecht und überschattet somit den Aspekt des Artenschutzes oder eines Bildungsauftrags? Davon überzeugt ist die Aktionsgruppe Tierrechte Bayern. Allen voran Simon Fischer, Mitbegründer und Sprecher der Initiative. In einem Gespräch mit inFranken.de erklärt er, warum er Delfinhaltung für problematisch hält, die Aktionsgruppe dagegen vorgeht - und warum er sich dennoch keine großen Hoffnungen auf eine baldige Veränderung der Lage macht.

Aktionsgruppe Tierrechte Bayern startet Petition gegen Delfinarium Nürnberg

Bereits Ende letzten Jahres, im November 2019, startete die Aktionsgruppe Tierrechte Bayern die Petition mit dem Namen „Nürnberger Delfinarium Schliessen!“ Bislang hat die Petition eher weniger Aufmerksamkeit bekommen – knapp 1800 Unterschriften wurden gesammelt, 1500 werden noch benötigt. „Durch Corona ist die Petition etwas ins Straucheln gekommen, weil wir in der Zeit keine Aktionen durchführen konnten“, erklärt Sprecher Simon Fischer.

Immerhin digital versuchten die Tierschützer, Aufmerksamkeit auf die Situation zu lenken: „Eingesperrt zwischen Betonwand und Glasscheibe, müssen unter Beruhigungsmedikamenten Kunststücke vorführen – für was? Für die Belustigung von Menschen?“, fragt eine Tierschützerin da zum Beispiel.

Hoffnung, die 3300 Stimmen in zwei Monaten noch zu erreichen, habe die Aktionsgruppe nicht mehr. „Vielmehr versuchen wir jetzt, Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken, die in den letzten Jahren leider etwas verloren ging.“ Die Petition soll in zwei Monaten auch mit weniger Unterschriften als geplant auf dem Tisch des Oberbürgermeisters und des Nürnberger Tiergartens landen.

Züchtungs-Stopp und betreute Meeresbuchten: Das will die Petition erreichen

„Wir sind realistisch“, räumt Fischer gleich ein. „Wir glauben nicht, dass wir die Delfinhaltung in den nächsten ein, zwei Jahren stoppen können, aber wir arbeiten auf lange Sicht darauf hin.“ Ein Delfinarium jetzt auf gleich zu schließen, sei auch kaum umsetzbar. Aber: Den Tiergarten dazu zu bewegen, das Züchten einzustellen, liege im Bereich des Möglichen.

Im Interesse des Nürnberger Tiergarten-Direktors, Dr. Dag Encke, liege das laut Fischer allerdings nicht. Encke nämlich wolle, sobald die Umbauarbeiten im Tiergarten und somit der Baulärm vorüber sind, mit der Züchtung von Delfinen fortfahren und hoffe auf zwei, drei Delfin-Junge.

Dass die Delfine, die im Tiergarten Nürnberg leben, nicht einfach so in die Freiheit entlassen werden können, sei der Aktionsgruppe bewusst. Zwar hätte der Tiergarten noch immer zwei Wildfänge („die aus ihrer Gruppe entrissen wurden“), doch insbesondere für Nachzuchten, sei das Auswildern undenkbar. Hier bestehe jedoch die Option, die Tiere in „betreuten Meeresbuchten“ unterzubringen, wie es sie etwa am Roten Meer gibt, wo die Tiere laut Aktionsgruppe langsam auf eine mögliche Auswilderung vorbereitet werden, oder ihren Lebensabend verbringen könnten.

Stellvertretender Tiergarten-Direktor kritisiert Widersprüchlichkeit

Für Jörg Beckmann, seit diesem Jahr stellvertretender Direktor des Nürnberger Tiergartens, halte so eine Aktion nicht für notwendig und kritisiert die Widersprüchlichkeit der Tierschützer: „Man möchte, dass Delfine nicht mehr transportiert werden, aber wie sollen die Tiere denn zu den Meeresbuchten kommen?“, fragt er. Außerdem müsse man die Herkunft eines Delfins beachten: „Ein Delfin aus der Karibik hat im Mittelmeer nichts verloren.“

Für ihn schließt schon allein das Argument der Forschungsmöglichkeit an Wildtieren eine Schließung des Delphinariums aus. Im Tiergarten Nürnberg zum Beispiel wird gerade die Sensorik des großen Tümmlers untersucht. Ziel ist es, herauszufinden, wie sie ihre Umwelt wahrnehmen und ob sie elektrische Felder wahrnehmen.

Verstärkt werde das Argument durch das des Bildungsauftrags, den Zoos zu erfüllen haben, wie Dr. Dag Encke, Leiter des Zoos in einer früheren Stellungnahme erklärte. Damals forderte das Bündnis 90/Die Grünen eine Beendigung der Delfinhaltung in Deutschland. Dort schrieb Encke auch, dass eine Auswilderung den in deutschen Delfinarien lebenden Tieren schaden würde, weil ihre stabilen Sozialverbände aufgelöst werden müssten.

"Delfine zählen zu den intelligentesten Tieren überhaupt"

Fischer auf der anderen Seite ist überzeugt, dass das Halten von Delfinen in Delfinarien alles andere als artgerecht sein kann: „Delfine zählen zu den intelligentesten Tieren überhaupt und verfügen sogar über ein Ich-Bewusstsein. Würden wir ihnen einen Spiegel vorhalten, könnten sie sich selbst erkennen, das können nur wenige Tiere.“ Und weiter: „Sie geben sich selbst und anderen Delfinen ihrer Gruppe Namen und rufen sich damit.

Die Wissenschaft bringt immer neue Erkenntnisse, die zeigen, dass Delfine schlauer sind als lange angenommen.“ Laut Fischer ist das auch der Grund, warum sich in Deutschland Delfinarien nach und nach zu einer Schließung entschieden haben: „Man merkte, dass man den Tieren nicht das bieten kann, was sie benötigen“, glaubt er. Heute gibt es nur noch zwei Delfinarien in ganz Deutschland, eines davon in Nürnberg.

Ein weiteres Argument, Delfinarien zu schließen, sieht Fischer in den „viel zu beengten Becken“, „Musik, Action, Shows und Tricks aufführen“, das alles sei nicht gut für die hochsensiblen Tiere, deren Gehör ebenfalls sehr empfindlich sei.

Delfin-Schau im 21. Jahrhundert noch notwendig?

„Und zuletzt ist es einfach aus ethischen und moralischen Gründen nicht mehr vertretbar“, schließt der Mitbegründer der Aktionsgruppe Tierrechte Bayern. „Wir leben im 21. Jahrhundert, da ist das einfach nicht mehr notwendig. Wer gerne Delfine sehen will, der kann sie sich in hochauflösenden Videos, oder sogar im Ausland mit genügend Abstand anschauen.“

Selbst Zoo-Besucher, mit denen die Tierschützer nach ihrem Besuch sprechen, würden die Delfinarien kritisieren, behauptet der Tierschützer, „aber der Besuch des Delfinariums ist ja im Ticketpreis mit inbegriffen.“

„Sensibel sind doch alle Tiere“, stellt Tiergarten-Leiter Beckmann hingegen fest. Für ihn sei das Ganze eine sehr emotional geführte Debatte. Denn tatsächlich würde es den Delfinen in Nürnberg an nichts fehlen, internationale Standards würden eingehalten. Man habe hier nicht den Eindruck, dass die Tiere leiden würden. Schließlich sei das Delfinarium in Nürnberg neu und in keiner Weise so, wie man Delfinarien vor 50 Jahren gebaut hatte.

Aktionsgruppe kritisiert Psychopharmaka-Behandlung 

Dass die Becken viel zu klein, der Lärm viel zu groß und die Delfin-Schwärme zufällig zusammengewürfelt seien, das würde sich auf die Psyche der Tiere auswirken. Simon Fischer erklärt, dass die Aktionsgruppe Einsicht in die Zoo-Protokolle habe, in denen auch der Einsatz von Psychopharmaka, etwa Diazepam, dokumentiert sei. Darüber hatte Zoo-Direktor Encke bereits offen gesprochen.

Für Encke sei solch eine medizinische Behandlung „völlig normal“, das Diazepam diene lediglich der Appetitanregung. Es müsse etwa eingesetzt werden, wenn dem Tier ein Medikament verabreicht werden müsse, das über den Verdauungstrakt aufgenommen wird. Und bei einer höheren Dosis würde es den Tieren die "Rosa Brille“ aufsetzen. „Es ist aber nicht so, dass wir die Tiere jeden Tag Medizin vollpumpen, damit sie ruhig im Kreis schwimmen“, ergänzt Beckmann. 

Das sieht Fischer anders. Schließlich sei in den Protokollen des Zoos auch von „gestressten Tieren“ die Rede, die mittels des Medikaments wohl beruhigt werden sollen. „Es handelt sich hier um eine willkürlich zusammengesetzte Herde – die Delfine können sich nicht wie in der freien Natur ihre Mitglieder aussuchen – da entstehen Aggressionen.“ 

Nun hofft die Aktionsgruppe Tierrechte Bayern auf Unterstützung aus der Bevölkerung. Sie sind überzeugt: „Eine Haltung dieser hochsozialen Tiere zur Belustigung des Menschen ist ethisch, moralisch und wissenschaftlich im 21. Jahrhundert nicht mehr tragbar.“