Thomas Huber verliert den Sprungturm nicht aus den Augen. Der Bademeister muss höllisch aufpassen, dass sich alle Badegäste an die Regeln halten. "Es gibt viele, die sich an nichts halten", sagt der 32-Jährige während ein Schüler den großen Sprungturm hochklettert und dann im Freistil herunterspringt. "Leider sieht man auch immer weniger, die wirklich springen können. Die meisten machen nur eine Arschbombe", sagt Huber. Er könne sich immer noch nicht erklären, wie es am Sonntag vor einer Woche zu dem folgenschweren Badeunfall im Nürnberger Westbad kommen konnte.

"Das ist schon tragisch. Am Samstag hatten wir 7500 Gäste im Bad und nur eine Schürfwunde. Am Sonntag waren nur 4500 Gäste hier, aber in einer dreiviertel Stunde gab es gleich drei Unfälle", erzählt der Bademeister. Die tragische Kette der Ereignisse an diesem verhängnisvollen Juli-Sonntag liest sich wie eine Gruselgeschichte aus Murphys Gesetz. Alles ist schiefgegangen, was schiefgehen konnte.

Erst erleidet ein Kleinkind auf der Liegewiese einen Fieberschock. Dann erwischt es einen älteren Herren im Biergarten: Herzinfarkt. Kurze Zeit später passierte der "Horror-Unfall" im Sprungbecken. Ein Unbekannter hüpft vom Sprungturm - nach derzeitigem Ermittlungsstand vom Zehn-Meter-Brett - und erwischt beim Eintauchen ins Wasser einen zwölfjährigen Schüler. "Ein Badegast hat meinen Kollegen auf den Jungen auf dem Grund des Sprungbeckens aufmerksam gemacht", erzählt Huber während in seinem Rücken ein paar Kinder die Rutsche unsicher machen. Der Kollege sei sofort ins Wasser gesprungen und habe den Jungen heraufgeholt. Insgesamt sorgen vier Mitarbeiter an diesem Sonntag für die Sicherheit am Beckenrand. "Mein Kollege hat gut reagiert. Nur den eigentlichen Unfall hat er nicht beobachtet."

Vom Springer fehlt jede Spur
Von dem Unbekannten fehlt bislang jede Spur. Die Polizei sucht nach einem jungen Mann zwischen 16 und 18 Jahren und hat Zeugenaufrufe überall im Westbad aufgehängt. Der Junge wurde bei dem Unfall schwerst verletzt und muss weiterhin in einem Krankenhaus behandelt werden. "Ich hoffe, dass der Junge keine bleibenden Schäden davon trägt", sagt Joachim Lächele vom städtischen Bäderbetrieb. Leider könne man keine 100-prozentige Sicherheit garantieren. "Unsere Mitarbeiter können nicht jeden Zeitpunkt jeden Millimeter im Auge behalten", betont Lächele.

Dieses Dilemma kennt auch Thomas Huber. "Man kann dauernd abgelenkt werden", sagt er und ermahnt ein paar Kids auf der Rutsche, keine "Ketten" zu bilden. Dann dreht er sich schnell wieder um und schaut zum Sprungturm. "Zum Glück haben wir seit 2011 die Ein-Mann-Regel", erzählt Huber während ein Mädchen aus siebeneinhalb Metern ins Becken springt. Dann zeigt er auf die anderen Kinder, die unten warten müssen bis das Mädchen aus dem Wasser ist. "Früher haben sich oben auf dem Turm alle angestellt. Da ist immer wieder etwas passiert", erzählt Huber.

Nach dem Unfall hatte es zunächst Berichte gegeben, der Unbekannte sei vom Turm gesprungen, als die Anlage gesperrt gewesen sei. "Das stimmt nicht. Die Anlage war gesperrt, als der Mann den Herzinfarkt hatte. Danach hat der Kollege den Sprungturm wieder geöffnet." Seit dem Unfall grübeln Huber und seine Kollegen darüber nach, wie es zu dem folgenschweren Unfall kommen konnte. "Die entscheidende Frage ist für uns, ob der Junge schon im Wasser war, bevor der Unbekannte vom Turm gesprungen ist."

Eine Antwort darauf sucht derzeit die Polizei, die erst durch ein Schreiben des Anwalts der Familie des geschädigten Jungen von dem Unfall im Westbad erfahren hatte. "Leider wurden wir nicht alarmiert, um vor Ort direkt nach dem Unfall mögliche Zeugen zu befragen", sagt ein Polizeisprecher. "Jetzt gehen wir jedem Hinweis nach der Person des Springers nach, um den Tathergang genau rekonstruieren zu können." Wer tatsächlich die Schuld an dem Unfall trage, das sei hingegen noch völlig offen.