Das Nürnberger Busunternehmen "Crazy Tours" ist mit drei großen Reisebussen an die polnisch-ukrainische Grenze gefahren, um Notleidende in der Ukraine mit Hilfsgütern zu versorgen. Auf dem Rückweg sollten dann Menschen aus dem Grenzgebiet nach Deutschland gefahren werden. Hierbei erlebten die fränkischen Helfer laut eigener Aussage allerdings eine "ernüchternde Resonanz". "Wir waren an zwei verschiedenen Grenzstellen - in Mlyny und Przemysl", berichtet "Crazy Tours"-Inhaber Marco Eichhorn inFranken.de. "Da haben wir allerdings gerade einmal 56 Frauen und Kinder mitnehmen können." Auch ein Hund und eine Katze fuhren in den Bussen mit.

Platz hätte der Hilfskonvoi gleichwohl für 164 geflüchtete Menschen geboten, wie inFranken.de bereits vorab berichtete. Zahlreiche Frauen aus dem ukrainischen Krisengebiet lehnten allerdings das Rettungsangebot des fränkischen Busunternehmens ab. Der Grund: Angst. Sie fürchteten, in die Fänge von Menschenhändlern zu geraten. Entsprechende böse Gerüchte machten offenbar vor Ort die Runde. "Das Problem ist, die Menschen sind schlecht aufgeklärt, haben Angst und sind verunsichert", heißt es auf der Facebook-Seite von Crazy Tours. "Es kursieren Gerüchte, dass Busse kommen und Flüchtlinge dann im Nirgendwo aussetzen oder auf den Strich schicken."

Aus Angst vor Menschenhändlern: Ukrainische Frauen lehnen Nürnberger Hilfsangebot ab

Von den kursierenden Gerüchten habe er durch seinen Dolmetscher erfahren, erklärt Eichhorn inFranken.de. "Davon haben die Securitys und die Helfer, aber auch die Frauen selbst berichtet." Obwohl Personalausweise, Führerscheine und Kfz-Kennzeichen der "Crazy Tours"-Mitarbeiter von den polnischen Behörden aufgenommen worden seien, habe bei vielen Betroffenen schlicht und einfach die Angst überwogen. In den Gerüchten hatte es zuvor offenbar geheißen, dass Frauen, für die es keine Verwendung gebe, von den Deutschen im Niemandsland ausgesetzt würden. Alle anderen Frauen müssten wiederum nach ihrer Überbringung "anschaffen gehen". "Die Frauen haben zu uns gesagt, dass sie nicht mitfahren", sagt Eichhorn. "Wir haben ihnen versichert, dass wir keine bösen Absichten haben und wir sie einfach nur nach Deutschland bringen wollen, damit es ihnen gutgeht." Viele der Frauen ließen sich jedoch auch dadurch augenscheinlich nicht umstimmen. 

"Klar ist man enttäuscht, wenn man die Hand reicht und sie nicht angenommen wird", gibt Eichhorn zu. "Da denkt man sich: Leute, ihr könntet es so einfach haben", konstatiert er mit Blick auf die behelfsmäßigen Behausungen im Grenzgebiet. Trotz der verhaltenen Resonanz auf sein Hilfsangebot, hat der Busunternehmer zugleich Verständnis für die Skepsis der geflohenen Frauen. "Das ist natürlich nachvollziehbar. Wenn ich traumatisiert bin und sowieso schon Angst habe und dann noch solche Gerüchte in die Welt gesetzt werden, ist es natürlich verständlich, dass die Frauen dann nicht mitfahren." Ob die Gerüchte dabei mutwillig in böser Absicht gestreut wurden oder ob diesbezüglich in erster Linie tatsächlich der Schutz der ukrainischen Frauen im Vordergrund stand, sei indes unklar. 

EU-Innenkommissarin Ylva Johansson hat unterdessen in eindringlichen Worten einen besseren Schutz flüchtender ukrainischer Kinder vor Menschenhändlern angemahnt. Das berichtet die Deutsche Presse-Agentur. "Wir wissen, dass unbegleitete Minderjährige in solchen Situationen leider besonders gefährdet sind, Opfer von Kriminellen zu werden", sagte Johansson am Dienstag (8. März 2022) im EU-Parlament. So gebe es Berichte von Straftätern, die sich seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs als Angehörige von Waisen ausgäben und diese dann in anderen Ländern ausbeuteten.

"Würde ich sofort wieder machen": Busunternehmer zieht trotz "ernüchternder Resonanz" positives Fazit

Das Fazit seiner Hilfsaktion fällt für "Crazy Tours"-Inhaber Einchhorn dennoch positiv aus. "Leider haben wir die Busse nicht vollbekommen. Aber diesen 55 Menschen konnten wir helfen. Dafür sind sie sehr dankbar", berichtet das Unternehmen auf Facebook. Jeder der drei Busse hatte zwei Fahrer an Bord. Hinzu kamen Sanitäter und sogar Erzieherinnen zur Betreuung traumatisierter Kinder. Eichhorn lobt in diesem Zusammenhang die strukturierte Organisation der polnischen Behörden an den Grenzübergängen  Mlyny und Przemysl. "Soldaten haben uns sofort beim Ausladen geholfen."

In Absprache mit der Stadt Nürnberg sei im Vorfeld sichergestellt worden, dass sich um die Geflüchteten auch nach ihrer Ankunft in Deutschland gekümmert werde. Hierfür wurde demnach eigens die Unterbringung in der Bertolt-Brecht-Schule vorbereitet. In Nürnberg seien die Geflüchteten bereits von Sanitätern und Feuerwehrkräften erwartet worden. Die erschöpften Frauen und Kinder seien umgehend mit warmem Essen und Getränken versorgt worden. "Da muss ich sagen: Da hat die Stadt Nürnberg richtig geile Arbeit geleistet", lobt Eichhorn die Arbeit der Behörden. "Da fühlt man sich angekommen und willkommen." 

Die 56 nach Nürnberg gebrachten Frauen und Kinder seien inzwischen größtenteils zur weiteren Unterbringung verteilt worden. "Wir werden sicher noch einige Zeit brauchen, um die Erlebnisse und Eindrücke zu verarbeiten", hält Marco Eichhorn auf Facebook fest. Für den Fall, dass die Stadt Nürnberg noch einmal auf ihn zukomme und ihn frage, ob er ein weiteres Mal an die ukrainische Grenze fahre, steht für den Busunternehmer indes schon jetzt fest: "Das würde ich sofort wieder machen."