Pünktlich zu ihrem 300. Todestag am 13. Januar wird die Malerin und Forscherin Maria Sibylla Merian mit einer Ausstellung in der Stadtbibliothek im Bildungscampus in Nürnberg gewürdigt. Im Ausstellungskabinett sind unter dem Titel "Maria Sibylla Merian. Blumen, Raupen, Schmetterlinge" über 40 Exponate zu sehen. Wir haben mit der Ausstellungskuratorin Christine Sauer über die bahnbrechenden Arbeiten der Künstlerin und ihre Vorreiterrolle als Frau und Forscherin gesprochen.

Frau Sauer, was hat Sie beim Konzipieren der Ausstellung sowie der Arbeit an dem umfangreichen Begleitkatalog am meisten fasziniert an der Person Maria Sibylla Merian?
Christine Sauer: Je länger man sich mit Leben und Werk der Künstlerin beschäftigt, umso facettenreicher wird der Gesamteindruck. Die wissenschaftliche Erforschung von Insekten steckte im 17. Jahrhundert noch in den Kinderschuhen. Maria Sibylla Merian hat somit im doppelten Sinn Neuland betreten. Sie hat nicht nur Pionierleistungen auf diesem naturwissenschaftlichen Gebiet erbracht, als Frau hat sie sich außerdem eines bis dahin nahezu ausschließlich von männlichen Gelehrten behandelten Themas angenommen. Die Entscheidung für eine konsequente Erforschung der Verwandlung von Insekten fiel in Nürnberg. Seit 1674 bereitete sie eine Publikation ihrer Beobachtungen in Wort und Bild vor. 1679 erschien dann der erste Teil ihres bahnbrechenden Werks über die Raupen und deren Verwandlung.

Woher kam bei ihr dieser "Spleen" für Raupen?
Maria Sibylla Merian faszinierte die Verwandlung und die Veränderung in der Gestalt: Aus einem Ei schlüpft eine Raupe, die sich nach der Verpuppung wiederum in einen Falter verwandelt. Diese Metamorphose erfuhr auch eine religiöse Deutung. Das Schlüpfen des Schmetterlings aus der Puppe wurde als Sinnbild für die Wiederauferstehung des Leibes in erneuerter und verklärter Gestalt verstanden. Ein Aspekt dieser Faszination ist sicherlich die Unvorhersehbarkeit: Nicht aus jeder Raupe wird ein wunderschöner Schmetterling, manchmal schlüpft aber auch ein unansehnliches Insekt aus einer farbenfrohen Raupe.

Was fasziniert Sie mehr - die Frau oder die Forscherin?
Maria Sibylla Merian hat ihre Interessen sehr konsequent verfolgt. Sie hat eine Scheidung in Kauf genommen und ihre zwei Töchter alleine erzogen, nachdem die Ehe mit dem Maler Johann Andreas Graff um 1685 gescheitert war. 1699 wagte sie eine Schiffsreise nach Südamerika, um in Surinam zwei Jahre lang über Insekten zu forschen. Beeindruckend finde ich auch, wie es die Künstlerin geschafft hat, in Nürnberg so schnell Fuß zu fassen. Mit 21 Jahren kam sie als junge Ehefrau und Mutter in die Reichsstadt an der Pegnitz. Schnell war sie als Blumenmalerin erfolgreich. Als Lehrerin im Malen und Zeichnen versammelte sie eine Gruppe von gleichaltrigen Frauen und Mädchen um sich, darunter auch Töchter aus Patrizierfamilien. Den Kreis ihrer Schülerinnen bezeichnete sie selbst als ,Jungfern Combanny`. So schwierig eine Annäherung an ihre Person aufgrund der lückenhaften Quellen auch ist, so sind es diese kleinen Mosaiksteinchen, die den Eindruck von einer starken Persönlichkeit entstehen lassen.

Was weiß man noch über ihr Leben in Nürnberg?
Gewohnt hat das Ehepaar Graff in der Nähe des heutigen Albrecht-Dürer-Platzes. Das Haus an der Bergstraße 10 steht übrigens heute noch. Nicht weit davon entfernt befand sich der von der Familie genutzte Garten auf der Kaiserburg. Im Wohnhaus führte Maria Sibylla Merian ihre Beobachtungen zu Ernährung und Verwandlung der in den Gärten gefundenen Raupen durch. Auch wenn sie durch ihre Interessen als Künstlerin und Forscherin auffiel, hat Maria Sibylla Merian ihre Aufgaben als Hausfrau nicht vernachlässigt. In den Quellen wird sie als hervorragende Hausfrau und exzellente Künstlerin, als ,kunst- und tugendreiches Frauenzimmer` gerühmt.

Warum ist sie eigentlich nach Nürnberg gekommen?
Der Liebe und des Geschäfts wegen. Die in Frankfurt am Main geborene Tochter des Verlegers und Kupferstechers Matthäus Merian folgte im Alter von 21 Jahren ihrem Mann, dem Maler Johann Andreas Graff, in dessen Geburtsstadt Nürnberg. Sicherlich hatte das Ehepaar aber auch die Hoffnung, sich in der aufstrebenden Reichsstadt an der Pegnitz künstlerisch zu etablieren.

Warum hat sich das Paar später getrennt?
Die genauen Umstände sind nicht bekannt. Man weiß, dass die Familie 1682 gemeinsam wieder nach Frankfurt gezogen ist, um das Erbe des gerade verstorbenen Stiefvaters von Maria Sibylla Merian zu regeln. Während dieser Zeit hat sich die Künstlerin pietistischen Kreisen angenähert. Für die Anhänger des niederländischen Mystikers Jean Labadie waren Naturverehrung, Forscherdrang und echte Frömmigkeit keine Gegensätze. Mit ihrer Mutter und den beiden Töchtern ist sie in Westfriesland einer labadistischen Gemeinde beigetreten und hat in einer Art Kommune könnte man heute sagen gelebt. Ihr Mann fand, warum auch immer, keine Aufnahme in diese Sekte. Er ist nach Nürnberg zurückgekehrt und strebte seit 1692 die Scheidung an, die zwei Jahre später dann auch erfolgte.

Apropos Kommune: Ist Merian nicht nur eine Ikone der Frauen in der Wissenschaft sondern auch eine Vorreiterin der Hippiebewegung?
(lacht) Nein, das nun wieder nicht. Bei den Labadisten handelte es sich um eine religiöse Gemeinschaft. Als Frau zählt sie aber zu den Pionieren der Insektenforschung. In den Kupferstichen des Raupenbuchs kombinierte sie als erste die verschiedenen Stadien der Insektenmetamorphose mit der zugehörigen Wirtspflanze. Sie vereinigte dabei wissenschaftlichen Anspruch mit künstlerischem Wissen. Exakte naturhistorische Beobachtungen und aus der Blumenmalerei bekannte Kompositionsprinzipien bilden keinen Widerspruch. Bei Merian treten Kunst und Natur in einen Dialog.


Informationen zur Ausstellung "Maria Sibylla Merian. Blumen, Raupen, Schmetterlinge"

In der Stadtbibliothek Nürnberg sind in einer kleinen, aber feinen Präsentation ab sofort über 40 Exponate zu sehen, die die Entwicklung und die Breitenwirkung von Merians Schaffen zeigen - von Blumenbildern, die als Stickvorlagen dienten, bis zu naturwissenschaftlich exakten Darstellungen von Pflanzen und Insekten. Zum ersten Mal seit 1967 wird ein Teil ihrer Kupferstiche von Blumen und Raupen eingebettet in eine Gesamtschau der Nürnberger Öffentlichkeit zugänglich.

Zur Ausstellung erscheint ein 80-seitiger Katalog mit Essays von Prof. Dr. Anja Grebe, Leiterin des Departments für Kunst- und Kulturwissenschaften an der Donau-Universität Krems, und Dr. Christine Sauer, Leiterin der Historisch-Wissenschaftlichen Bibliothek der Stadtbibliothek Nürnberg. Die Publikation ist zum Preis von 14,80 Euro in der Stadtbibliothek Zentrum erhältlich. Als Begleitprogramm zur Ausstellung bietet das Bildungszentrum Vorträge, Kunstgespräche und Exkursionen an.

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