Wie Friedenstauben flattern die drei Handschellen, die wie Brüste aussehen, über den weißen Horizont. Erst jetzt erkennt das Auge die Schrift. "Free Pussy Riot" steht in kleinen Buchstaben ganz rechts oben im Eck. Die Arbeit von Lex Drewinski zeigt anschaulich, wie ein Plakat eine komplexe Botschaft auf das Wesentliche reduzieren muss, um nicht nur gesehen sondern auch sofort verstanden zu werden. Im Neuen Museum in Nürnberg zeigt die Ausstellung "100 beste Plakate", was ein Poster zum Kunstwerk macht.

Dem Ideenreichtum der Plakat-Designer sind dabei scheinbar keine Grenzen gesetzt. Nur der Inhalt und die Gestaltung müssen irgendwie Hand in Hand gehen. Denn der erste Eindruck zählt. Ein Plakat muss die Aufmerksamkeit und das Interesse des Betrachters im Bruchteil einer Sekunde wecken. In der Theorie hört sich das vielleicht leicht an.
Welch präzises Handwerk und innovative Ideen hinter dieser Kunstform stecken, das illustrieren die 100 besten Plakatentwürfe aus Deutschland, Österreich und Schweiz, die derzeit im Neuen Museum gezeigt werden.

Die Präsentation basiert auf dem jährlichen Wettbewerb des Vereins 100 Beste Plakate. Eine internationale Jury entscheidet jedes Jahr darüber, welche Arbeiten prämiert und ausgestellt werden. Keine leichte Aufgabe für Verena Panholzer. Die Jury-Vorsitzende aus Wien hatte heuer die zweifelhafte Freude, aus der Flut der 1700 eingesandten Plakatentwürfe die 100 besten Arbeiten auszuwählen. Was macht ein Plakat also besser als ein anderes? "Es kommuniziert, hat eine Idee und das Design entspricht dem Zeitgeist", sagt Panholzer. Dabei dürfe das Plakat nicht billig um Beachtung betteln. "Auffällig heißt nicht gut", ist sich die Jury-Vorsitzende sicher. Je innovativer ein Plakat einen Sachverhalt an den Betrachter bringe, desto aufmerksamstärker und damit besser sei es. "Gesucht werden smarte Ideen, die uns zum Schmunzeln bringen", betont die Österreicherin.

Freilich komme nicht jedes Poster gleich als Kunstwerk auf die Welt. Aber gute Werbung von heute könne immer auch die Kunst von morgen werden. Das spiegelt sich auch in der Ausstellung wider. Die Präsentation der 100 Siegermotive gliedert sich in drei Kategorien: auftragsgebundene Arbeiten, Eigenaufträge bzw. freie künstlerische Plakate und Poster von Studierenden. Von den prämierten 100 Plakaten und Plakatserien kommen 55 aus Deutschland, 41 aus der Schweiz und vier aus Österreich.

Im Jahr 1966 wurden in der DDR erstmals herausragende Plakate ausgezeichnet und ausgestellt. Heute hat sich das Plakat im Verlauf seiner über 100jährigen Geschichte als eine feste Größe in der visuellen Kultur der Moderne etabliert. Plakate sind längst zu begehrten Objekten von Kunstsammlern geworden. Das Schöne an der Plakat-Kunst ist freilich: Jeder kann zum Kunstkenner werden. Denn ein Plakat kostet keine Millionen. Es muss nur überraschen, um sich im Poster-Dschungel der Großstadt die gebührende Beachtung zu verdienen. Dann ist der Weg ins Museum auch nicht mehr weit.

Die Ausstellung der 100 besten Plakate aus Deutschland, Österreich und der Schweiz findet heuer bereits zum vierten Mal im Neuen Museum in Nürnberg statt. Die Schau basiert auf einem Wettbewerb, den der Verein 100 Beste Plakate jährlich veranstaltet. Die Ausstellung repräsentiert eine breite stilistische Palette des aktuellen Plakat-Designs im deutschsprachigen Raum und zeigt die Arbeiten von professionellen Gestaltern und Studierenden gleichberechtigt nebeneinander. Die Ausstellung im Foyer des Neuen Museums in Nürnberg läuft noch bis zum 7. September. Der Eintritt ist frei.