Das größte Lob kommt von Ferdinand Fischer. Der Klassenlehrer der ECN-Klasse an der Johann-Puppert-Schule in Michelau geht nach diesem Schuljahr in Pension. Jetzt steht er im ersten Stock der Schule und sagt: Es komme immer ein wenig auf die Leithammel in der Klasse an. Die würden bestimmen, wie das Jahr läuft. Und das sei in diesem Schuljahr sehr gut gelaufen.

"Das ist ein würdiger Abschluss", sagt Fischer in Hinblick auf seinen Ruhestand. Er steht mit offenen Armen da, als ob er die beiden Schüler vor ihm umarmen wollte. Es ist ein großes Lob, das Dominik Geyer und Sven Brennig zum zweiten Mal an diesem Tag in Verlegenheit bringt. Schließlich waren die beiden Schüler in diesem Jahr die angesprochenen Leithammel.

Am 19.
Juli gibt's die Zeugnisse

Die Verlegenheit kam zum ersten Mal über die beiden Schüler, als Sozialpädagogin Julia Nielsen im Klassenzimmer zur Lobeshymne ansetzt. Dass sie es noch nie erlebt habe, dass ein Schüler von Anfang an so höflich war und ihr die Tür aufgehalten hat (Sven). Oder dass sich einer so reingehängt hat, wo sie noch am Anfang dachte: Das könnte schwierig werden (Dominik). Beide schauen zu Boden. Das ist dann doch etwas zu viel.

Doch die Bescheidenheit sollte Platz machen für Stolz über den Abschluss, den sie jetzt in der Tasche haben: Am 19. Juli bekommen sie ihre Zeugnisse, dann ist es ganz offiziell: bestanden!

Doch die beiden haben es nicht nur einfach geschafft. Sven, 18, und Dominik, 17, haben beide mit einem Notendurchschnitt von 2,3 überzeugt. Das ist bemerkenswert. Finden auch Julia Nielsen und Ferdinand Fischer. Denn die "Leithammel" haben vorgemacht, wie es geht. Und die Klasse folgte: Von ursprünglich 14 Schülern haben sieben den Quali und fünf den Hauptschulabschluss in der "Extra-Chancen-nutzen-Klasse" (ECN-Klasse) der Johann-Puppert-Mittelschule bestanden.

Hier kommen Schüler her, die ihren Quali oder den Hauptschulabschluss nicht geschafft haben. Es ist meist so etwas wie die letzte Chance. Der Wechsel auf eine andere Schule sei meist angeraten, wenn es um den letzten Versuch geht, sagt Sozialpädagogin Nielsen, die die Schüler der ECN-Klasse mit ihrer Kollegin Lusia Weber betreut. Raus aus dem alten Milieu, aus alten Strukturen, wer etwas erreichen möchte, muss alles ändern.

Es muss alles geändert werden

Alles ändern - das wollten auch Dominik und Sven. So kamen sie schließlich nach Michelau. Sie wollten ihren Qualifizierenden Hauptschulabschluss schaffen, denn sie wussten, ohne den wird es schwer in der Arbeitswelt. "Der Quali wird oft vorausgesetzt", sagt Dominik. So auch bei seiner Berufswahl. Er wird nun Baugeräteführer. Auch hier ist ein Quali Voraussetzung.

Die Schüler müssen sich bereits vor Beginn des Schuljahrs für die ECN-Klasse einen Praktikumsplatz in einem Betrieb suchen, der auch ausbildet. "Das ist Voraussetzung", sagt Julia Nielsen. Das Besondere an der ECN-Klasse ist nämlich der hohe Praxisanteil. Über zwei Mal elf Wochen sind die Schüler fast die Hälfte der Woche in der Praktikumsstätte. Dafür gebe es hier keinen Englischunterricht, sagt die Sozialpädagogin.

Für Sven war es zunächst gar nicht einfach, eine Schule zu finden, bei der er seine extra Chance bekommt. "Ich hab' in ganz Coburg rumtelefoniert - es war kein Platz mehr frei", erzählt der 18-Jährige. Er ist schließlich hier in Michelau gelandet und hat einiges auf sich genommen.

Der Schüler aus Coburg muss morgens um fünf Uhr aufstehen. Mit dem Zug hierher fahren. Dann die Nachmittagsbetreuung bis zehn nach drei. Jeden Tag. "Mein Dad hat gesagt, ich soll mir keinen Stress machen", sagt Sven jetzt ganz ruhig. Daran hat er sich immer gehalten. Immer schön gelernt im Nachmittagsunterricht. "Das hat schon geholfen."

"Er war wahnsinnig strebsam", sagt Julia Nielsen. Und Sven ist schon wieder verlegen. Dabei wusste der Schüler jederzeit, um was es gehen würde. "Ich hätte auch nur mit Hauptschulabschluss eine Arbeit suchen können." Doch das sei ihm zu unsicher gewesen, denn: "Wenn ich dann mal mehr Geld verdienen will oder mir was anderes suchen muss und hab' nur einen Hauptschulabschluss, dann sitz ich da." So wird Sven nun Gärtner bei der Stadt Coburg.

Dass Dominik, Sven und die anderen Schüler ihren Quali oder den Hauptschulabschluss geschafft haben, ist umso bemerkenswerter, da alles freiwillig geschieht. Keiner muss hier sein. "Wir konnten jederzeit aus der Tür gehen und aufhören", sagt Dominik.

Das haben sie beide nicht getan. Gott sei Dank. Sie schauen sich an. Freunde sind sie auch noch geworden in der Zeit. Das soll auch so bleiben. "Wir werden in Kontakt bleiben", ist sich Sven sicher. Auch wenn dann vielleicht weniger Zeit sein wird: Sie haben schließlich beide demnächst einen Job.




ECN-Klasse ECN steht für "extra Chancen nutzen in Schule und Beruf" Das Projekt besteht wieder seit dem Schuljahr 2011/2012 an der Johann-Puppert-Schule in enger Kooperation mit dem evangelischen Dekanat Michelau, der Kommune Michelau und der Agentur für Arbeit.

Besonderheiten Drei Tage Schule, zwei Tage Praktikum pro Woche. Dazu nachmittags eine begleitete Hausaufgabenzeit. Gezielte Betreuung.

Ziele Entdecken und Aufzeigen eigener Stärken, Wiedererlangen der Motivation, Berufsorientierung, Unterstützung bei der Ausbildungsplatzsuche.

Information Auskunft über die ECN-Klasse gibt es für Interessierte in der Johann-Puppert-Schule unter der Telefonnummer 09571/8039 oder direkt bei Sozialpädagogin Julia Nielsen (09571/8969888). Sie ist auch unter der Mail-Adresse ecn-klasse.michelau@elkb.de erreichbar. ft