Nicht nur um Neuigkeiten auf dem Buchmarkt zu entdecken, ist Christine Wittenbauer regelmäßig nach Leipzig gefahren. Die dortige Buchmesse war bisher für die Leiterin der Stadtbücherei die wichtigste Begegnungsstätte, um Kontakte zu Autoren zu knüpfen, um diese vielleicht einmal nach Lichtenfels zu holen. Wie viele Lesungen sie bereits organisiert hat? Bei dieser Frage muss Wittenbauer passen: "Unzählige!" Heuer leider ist an Lesungen nicht zu denken. Wegen der Corona-Pandemie war auch schon die Buchmesse im März abgesagt worden. Die redaktionelle Themenwoche "Technik & Medien" ist Anlass zu einem Blick hinter die Kulissen einer Einrichtung zur Lese- und Medienförderung, die im vergangenen Jahr 87 Veranstaltungen mit 2234 Teilnehmern durchgeführt hat und in der der Betrieb heuer trotz mancher Einschränkungen nicht stillsteht.

Es klingelt am Abholfenster, während wir mit der Leiterin der Bibliothek sprechen. Der Service für weitgehend kontaktlose Entleihe wird genutzt. In die Bücherei dürfen maximal acht Besucher. Das ist die neue Realität. An Lesungen ist unter solchen Umständen nicht zu denken - aber ein bisschen in Erinnerungen schwelgen darf man schon.

Wer alles da war

Sarah Kirsch († 2013) , eine der bedeutendsten deutschen Lyrikerinnen, war da, auch Hertha Müller, und zwar lange bevor diese 2009 den Literaturnobelpreis bekam, wie sich Christine Wittenbauer erinnert. "Da sagt man dann schon Wow!" Ein Highlight war für sie persönlich auch Gudrun Pausewang, eine der großen Kinderbuchautorinnen. Und dann noch das sympathische Autorenduo der Historienromanreihe "Die Wanderhure", Iny Klocke und Elmar Wohlrath, die unter ihrem Pseudonym Iny Lorentz eine Widmung im 2012 erschienen Roman "Feuertochter" hinterlassen haben. Premierenlesung in Lichtenfels, das war schon was! In der Buchhandlung Schulze, wo die gemeinschaftlich veranstalteten Lesungen stattfanden, wenn mehr Besucher zu erwarten waren, als die Stadtbücherei zu fassen vermochte, reichten die Stühle nicht aus. Als die Fantasy-Autoren Wolfgang Holbein und Markus Heitz dort lasen, saßen die Leute sogar die Treppen hinauf, "bestimmt 200, wenn nicht mehr", erzählt Wittenbauer. Das waren die Top-Lesungen. Doch auch die heimischen Krimi-Autoren Vorndran, Schmöe und Backert erwiesen sich als zugkräftig.

Es gibt also in Lichtenfels ein Publikum für persönliche Begegnungen mit Autoren. "Man muss aber sagen: Als ich vor 30 Jahren angefangen hab, war die Begeisterung größer", merkt Christine Wittenbauer an. "Wir hatten auch schon Lesungen, da waren keine zehn Leute da." Konkret ist ihr da eine Kapitänin in Erinnerung geblieben, die über ihre Karriere und ihr Leben eine Biografie geschrieben hat. "Hochinteressant. Eine äußerst sympathische Frau, die extra aus Norddeutschland hierher kam. Das tut uns dann leid, und man überlegt, ob man in der Werbung einen Fehler gemacht hat." So sehr das Bücherei-Team auch darum bemüht war, dass sich die Autoren in Lichtenfels wohlfühlten, Hotel-Übernachtung buchten, einen Tisch im Restaurant reservierten, manche Faktoren - ob Glatteis, Hitze oder Parallelveranstaltungen - sind eben nicht zu beeinflussen.

Keine Starallüren

Autoren mit Starallüren sind Christine Wittenbauer übrigens noch keine untergekommen. "Die meisten sind äußerst nett und umgänglich. Mit denen kann man sich wirklich gut unterhalten." Und man komme durchaus auch direkt an sie heran, nicht bloß über irgendwelche Agenturen. Es sei auch vorgekommen, dass sie selbst auf einen zukamen, um ein neues Buch vorzustellen. Oder dass benachbarte Büchereien Lesungen organisierten und, um die Reisekosten zu minimieren, dann auch in Lichtenfels anfragten, ob man sich anschließen würde. Bei Lesungen speziell für Schüler habe man nach Absprache mit den Lehrern mitunter gezielt Autoren zu einem bestimmten Thema gesucht und angeschrieben. Fabian Lenk etwa, sei sehr gut auf die Jugendlichen eingegangen. Im Grundschulbereich kamen Susanne Rebscher alias Suza Kolb ("Haferhorde") und die aus Bad Staffelstein stammende Judith Allert super an. Wie Kinder bei solchen Begegnungen reagieren ist für Wittenbauer und ihr Team immer wieder phänomenal. "Da kommt jemand, der hat das Buch geschrieben, das sie kennen, sich die Geschichten ausgedacht, die sie lieben. Was die dann alles wissen wollen!" Eine Lesung bleibt vielen noch lange über die Schulzeit hinaus in Erinnerung.

Für Christine Wittenbauer persönlich macht es immer noch einen großen Unterschied, ob sie selbst liest oder derjenige, der es geschrieben hat. "Wenn das toll vorgetragen wird, läuft ein Film vor deinem geistigen Auge ab, du siehst die Figuren. Da bist du wirklich in der Geschichte drin und weißt genau, warum derjenige das an dieser Stelle so geschrieben hat." Eine kleine Einschränkung macht sie an dieser Stelle: Es gebe halt auch Autoren, die einfach nicht gut vorlesen können. "Da kam's nicht rüber."

Prominente Schriftsteller nach Lichtenfels zu holen, ist "nicht ganz einfach, vor allem finanziell". Zu den genauen Kosten äußert sich Wittenbauer nicht, weil die von vielen Faktoren abhingen und Verhandlungssache seien. Manchmal gebe es eine Bezuschussung. Generell aber müsse man sehr gut planen, um mit dem Jahresbudget, über das die Bücherei verfügt, auskommen. "In den letzten Jahren konzentrieren wir uns mehr auf Kinderlesungen im Rahmen der Leseförderung." Kinder erfahren dann, wie ein Buch entsteht. "Dass man dabei konzentriert und diszipliniert arbeiten muss, dass eine tolle Idee allein nicht reicht, wenn die nicht richtig unterfüttert wird." Die Bücherei als Lernort fürs Leben also. Auch in der neuen Bücherei, die am Marktplatz geplant ist, soll dafür Raum sein. Weiterhin aber auch für neue Medien. Für die Leiterin kein Widerspruch, sondern Ergänzung. So könne man zu einem Kinderbuch womöglich einen Film, ein Hörspiel, Nintendo, Sachbuch oder Zeitschrift dazu packen. "Wir müssen immer offen und neugierig auf Neues sein. Das heißt nicht, dass wir alles, was auf dem Technikmarkt neu ist, sofort in der Bücherei haben wollen. Wir sondieren, informieren uns und entscheiden dann, ob es zu unserem Thema Leseförderung und Medienförderung passt. Das muss man als großes Ganzes sehen." Manche könne man auch über die neuen Medien zum Buch führen. Umgekehrt brauchen Ältere, die mit dem E-Book-Reader oder der App auf dem Smartphone nicht klarkommen, keine Scheu zu haben, in der Bücherei Hilfestellung in Anspruch zu nehmen. Auf das Miteinander in großer Runde muss allerdings vorerst verzichtet werden.

"Durch Corona ausgebremst"

"Wir sind durch Corona momentan komplett ausgebremst", so die Bücherei-Leiterin. Man sehe keine Möglichkeit, eine Lesung anzubieten oder zu planen. Auch die für September angedachte Abschlussparty zum beliebten "Sommerferien-Leseclub" habe schweren Herzens abgesagt werden müssen. Eine Comic-Zeichnerin war dazu bereits eingeladen. Aber mit den üblicherweise zu erwartenden 100 Anmeldungen ist so etwas derzeit nicht zu verantworten. "Wir können da beim besten Willen keinen Abstand gewährleisten", sagt Wittenbauer. Das tut uns unheimlich leid. " Dafür gebe es aber heuer etwas anspruchsvollere Preise für alle, die beim Leseclub mitmachen.