Irgendwann kam es über den Himalaja und gelangte in die Alte Coburger Straße und zur "Kroateninsel". Das ungefähr wäre die Kurzfassung eines Spiels, das im 6. Jahrhundert entstand und in einer Lichtenfelser Variante existiert. Pachisi heißt das Original, Patschießer heißt es in Lichtenfels. Streifzug durch ein Lichtenfelser Traditionsturnier.
Für den, der die Augen schließt, ist es eigentlich ein lautes Spiel. Denn unablässig ist das Klacken fallender Würfel zu hören, die beim Aufkommen auf der Tischplatte rotierend an der Oberfläche scheuern. Übertönt wird das nur noch von der permanent guten Laune im Wirtssaal des Schützenhauses. Für diese sorgen an fünf Tischen je vier Spieler, die neben der Regelkunde vor allem eines intus haben: ein kultiviertes Jammern darüber, statt dieser Augenzahl jene gewürfelt zu haben, mal wieder vom Nebenmann "geschlagen" worden zu sein und bei Spielverlust einen Euro zu verlieren.


Höhepunkt des Humors

Einen weitgehend unbemerkten Höhepunkt des Humors lieferte an diesem Samstag der Mann, der eine 4 hätte würfeln müssen, um ähnlich dem "Mensch ärgere dich nicht" einen Stein ins Feld zu bekommen, glatt daneben würfelte und trotzdem seinen Stein setzte, dafür von einer Brillenträgerin mit den Worten gemaßregelt wurde, dass sie genau für solche Fälle eine Brille trage. "Na ja, ich brauche ja keine", so der Mann, der Senior und also im vorgerückten Alter ist. So wie fast alle hier. Sie kennen das Spiel aus ihrer Kindheit, kennen es von den Spielbrettern, die ihre Großväter, Väter oder Brüder aus Holzplatten selbst zusammengenagelt und zusammengeleimt haben. Hier, zwischen Anger und Alter Coburger Straße und nirgend woanders in der Stadt.


"Bei der Muusch"

Englische Seefahrer, so heißt es, hätten das Spiel nach Europa gebracht. Und da es dann schon einmal da war, entstanden aus seinem Prinzip "Mensch ärgere dich nicht", "Fang den Hut", "Eile mit Weile" oder "Hexentanz", wurde es in Frankreich, Italien, der Schweiz, England oder eben auch Deutschland populär. Und eben auch in Lichtenfels. "Wir haben das schon Zuhause mit den Eltern gespielt", sagt der 77-jährige Siegfried Grass. Seine Kindheit hat er in der Alten Coburger Straße verbracht und auch er weiß, dass es vor allem zwei Gasthäuser waren, in denen Patschießer gespielt wurde: In der "Kroateninsel" und "Bei der Muusch" - zwei Gasthäuser, die in Süd-Nord-Achse lagen, das damals letzte vor der Mainbrücke und das damals erste nach der Mainbrücke.
Kleinbürgerliches Milieu, fleißige Leute, fromm und handwerklich. Diesen Hintergrund bestätigt auch Hans Fischer, Vorsitzender des Geselligkeitsvereins "Gärtner-Elf", der seit sechs, sieben Jahre Turniere ausrichtet, zwei drei Mal im Jahr und an einem der historischen Stätten. Doch die hat seit 2017 geschlossen und so wich man in das heute allerletzte Gasthaus vor der Mainbrücke aus. Das hat nun auch geschlossen, weshalb das Spiel in das Schützenhaus einkehrte. Am Anger also und in der alten Heimat. Immerhin.
Eine Sechs wird als 12 gewertet und wer drei Sechser in Serie würfelt, der tut sich keinen Gefallen. Dann nämlich muss er den weitest vorgerückten Stein wieder in die Ausgangslage zurückstellen. Auch wird gegen den Uhrzeigersinn gespielt und überhaupt ist vieles anders. Wie sich das Spiel genau schreibt, das kann man auch nicht sagen. Vom einfachen über das scharfe bis zum doppelten "S" steht es zu lesen. All das kümmert die zehnjährige Zoe Schloder nicht. Sie ist aus Bischberg und weil ihr Bruder gerade ein Fußballspiel in Ebensfeld hat, verbringt sie hier Zeit mit ihren Großeltern. "Ich mag Gesellschaftsspiele", sagt sie und erklärt, dass sie auch einen gepflegten Schnauz zu spielen weiß. Man sieht ihr den Spaß an, ihre Wartezeit verflog nach knapp drei Stunden Turnierdauer und mehreren Runden, bei denen die Zusammensetzung der Spieler am Brett stets neu ausgelost wurde. Fünf Euro Startgeld ist die Regel und die Hauptsumme von 30 Euro hat ein Robin Dräger gewonnen.
Das Spiel macht Freude, vor allem aber scheint es schon Legendenbildung zu geben. Hans Fischers Hinweis, wonach "jemand mal gesagt hat, ein Söldner habe es mitgebracht", möchte man einfach glauben. Doch über welche Stationen kam das Spiel wirklich von Indien nach Lichtenfels? Umwerfend die Antwort, die darauf eine Turnierteilnehmerin gab: "Das weiß ich nicht, ich komme ja aus Hof."