Seit vier Jahren wohnt Bäckermeister Mathias Söllner schon nicht mehr über der Bäckerei, die seit Anfang dieser Woche auch nicht mehr seine Bäckerei ist. Die Weichenstellung für diesen Schritt hat er mit Bedacht vorgenommen. Einer jungen Bäckerin, die in seinem Betrieb zur Handwerksmeisterin wurde, hat er seine einstige Wohnung vermietet und nun auch das gesamte Unternehmen verkauft.

Johanna Kornitzky ist 26 Jahre alt und kennt die Bäckerei Söllner seit Kindestagen, denn ihr Vater Siegfried war dort schon Bäcker, als Mathias Söllner erst in den väterlichen Betrieb einstieg. "Der Siggy war immer für mich da, das kann man nicht mit Geld bezahlen", sagt Söllner dankbar. "Zwischen uns hat es nie so etwas wie Rivalität gegeben."

Am 50. Geburtstag jenes treuen Mitarbeiters - vor sieben Jahren - sei er mit dessen Tochter zwanglos über eine mögliche Geschäftsübernahme ins Gespräch gekommen. Sie und ihr Lebenspartner, der ebenfalls Bäcker ist, hätten gleich Interesse bekundet, erzählt der Innungsobermeister. Gleichzeitig, das räumt er ein, sei damals auch noch ein bisschen Hoffnung da gewesen, dass eines seiner drei Kinder eine berufliche Zukunft in dem von seinem Urgroßvater gegründeten Familienbetrieb sehen könnte.

Immerhin ist Sohn Johannes (29) gelernter Bäcker und Tochter Anna (26) schnupperte mal in den Alltag in einer Konditorei. Doch sie wurde dann lieber Krankenschwester, und auch der Sohn hat nach Auslandserfahrungen einen anderen Weg einschlagen. Tochter Lea (21) wird nach einem Jahr als Au-pair-Mädchen in den USA nun Anglistik studieren. Weil aber die Kornitzkys quasi schon zur Familie gehörten, war es letztlich kein schmerzlicher Schritt mehr, den Betrieb nicht an die eigenen Kinder zu übergeben.


Spezialitäten bleiben erhalten

Der Name Söllner werde bleiben - und auch die gewohnten Spezialitäten. Danach hätten die Kunden zuerst gefragt, als der Wechsel zum Jahresende bekannt wurde, berichtet Söllners Frau Jutta. Sie wird weiter an mehreren Tagen in der Woche ab 5 Uhr hinter der Verkaufstheke stehen - als Teil des Teams. Und wenn in der Backstube Not am Mann wäre, da würde der ehemalige Chef die Bitte um Unterstützung wohl nicht abschlagen...

Den ersten gemeinsamen freien Tag hat das Ehepaar Söllner im Thermalbad verbracht. Schwimmen gehen sie - auch im Lichtenfelser Merania - regelmäßig, auch Radfahren oder spazieren. Aber die Bewegung sei in den letzten Jahren in seinem Alltag zu kurz gekommen, räumt der Bäckermeister ein. Gesundheitliche Probleme hatten sich eingestellt. "Ich habe schon mehrere Stents eingesetzt bekommen", berichtet er. Letztlich folgt er mit der Entscheidung, sich mit 57 Jahren aus dem Berufsalltag zurückzuziehen, auch dem Rat seiner Ärzte.

Weniger Stress und mehr Zeit für sich: Die Umsetzung dieses Vorsatzes hat für Söllner mit dem neuen Jahr begonnen. Ein Reha-Aufenthalt steht an. Persönliche Beziehungen, die er in der Vergangenheit vernachlässigt hat, möchte er mehr pflegen - unter Einsatz einer Bahncard, die zu den ersten Anschaffungen des neuen Jahres gehört. Mehr Zeit zum Reisen zu haben, auch das ist nun angenehme Gewissheit. Dabei betont Söllner: "Ich muss nicht auf die Seychellen." Einen Fluss entlang radeln, das stellt er sich schön vor.

Vor mehreren Jahren schon hatte sich die Familie Söllner auf die Suche nach einem Wohnhaus begeben, um die Trennung von der Arbeitsstätte einmal zu erleichtern. Am Ortsrand war sie schließlich fündig geworden. Die Aussicht zu genießen, wird für Mathias Söllner künftig öfter möglich sein. Aber was seine Ehrenämter angeht, will er sich vorerst nicht zur Ruhe setzen. Er wird an mancher Abendveranstaltung eher teilnehmen können, für die er bisher wegen seiner besonderen Arbeitszeiten hätte absagen müssen. Als Stadt- und Kreisrat der Grünen will er auch künftig seine Ideen für seine Heimatstadt einbringen. Als Innungsobermeister der Bäcker wie auch als Kreishandwerksmeister ist er für weitere fünf Jahre gewählt.


Kollegen neutral vertreten

Juristisch gebe es kein Problem damit, dass er diese Funktionen als nicht mehr Praktizierender inne hat: "Ich bleibe in der Handwerksrolle ja weiterhin eingetragen", betont er, und sieht sogar einen Vorteil: "Ich kann jetzt die Kollegen neutral und mit mehr Nachdruck vertreten."

Wer, wie er schon als Kind in der Backstube war, die schönen, kreativen Seiten des Berufs und auch die schwierigen Seiten der Selbstständigkeit mit allem Reglement kennen gelernt hat, der weiß, wovon er spricht. "Wann soll ich eigentlich meine Arbeit machen?", frage sich mancher bei der ganzen Dokumentiererei, sagt Söllner. Oftmals stehe nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt, sondern das Kapital. Er hat versucht, das anders zu sehen, hat auch jungen Leuten mit schwachen schulischen Leistungen eine Chance gegeben, über 40 Lehrlinge ausgebildet. Im Landkreis Lichtenfels gibt es heute nur noch etwa halb so viele Bäckereien wie vor 20 Jahren. Die Schließungen waren häufig dem Nachfolge-Problem geschuldet, auch einem Arbeitsbeginn um Mitternacht oder spätestens um 3 Uhr morgens.

Daneben sind notwendige Modernisierungen für kleine Betriebe finanziell zu einer großen Hürde geworden. In den letzten Jahren glaubte Söllner ein verändertes Verbraucherverhalten zu beobachten, mehr Wertschätzung für die Handwerksbäcker. Und ihm erschien es passend, den Betrieb in dieser guten Phase in gute Hände zu geben.