Wenn Florian Held Hausbesuche macht, dann kommt dafür der Raum Süddeutschland in Frage. Alternativ noch Frankfurt am Main. Ein gewisses Klientel legt gesteigerten Wert auf die Meinung des 32-Jährigen. Sein Beruf findet in einer absoluten Nische statt: Der Lichtenfelser vermittelt und ermittelt Schallplatten und ihren Wert.
Held wirkt gemütlich, mit hoher Bildung und einer an ihm unvermeidlichen Baseball-Mütze. Auf 40 bis 80 Stunden schätzt er seine Wochenarbeitszeit, und hätte die Schallplatte Anfang der 90er Jahre nicht ihren Niedergang erlebt, so würde er heute wohl einem akademischen Beruf nachgehen.

Auf Flohmärkten habe er den LP-Preisverfall damals mitbekommen, wenige Jahre später "war das Hobby so dicht, dass es mehr war als ein Hobby". Aus diesem Mehr wurde vor ungefähr fünf Jahren noch mehr: die Arbeit für einen Musikanbieter moderner Antiquitäten.

Held muss schmunzeln.
Eigentlich hat er ja mit Vinyl zu tun. Einmal aber vermittelte er ein Musikmöbel, eine echte Jukebox. Wie er das sagt, fällt ihm ein, dass Radiomöbel der Name einer norwegischen Punkband ist. Zu Progressive-, Psychodelic- und Kraut-Rock (Deutsch-Rock) ist er der richtige Ansprechpartner. Und ja, ein wenig auch für Punk. Sein Überblick beginne "ab Little Richard - ich würde mich aber nie in Wissensfragen mit einem Rock-'n'-Roll-Experten messen können", meint der Lichtenfelser, der sich auch für Jazz interessiert, "in der Breite aber die Finger davon lässt", Expertisen zu derlei Schallplatten abzugeben.


Platten und ihre Geschichten

Alles, was ihm an Fachbüchern in die Hände fällt und bezahlbar ist, dient ihm als Quelle zu Bands und ihren Werken, zu Schallplatten und ihren Geschichten. Und Schallplatten gibt es viele: als Erstpressungen, als Nachpressungen, als Sonderpressungen, als limitierte Auflagen. Sogar als Fehler können sie reizvoll für Sammler sein.

Held kramt im Gedächtnis und erinnert sich an eine in Deutschland erschienene frühe Single der Rolling Stones. "I wanna be your man" heißt das Stück, sei ab 350 Euro aufwärts erhältlich und auf der Rückseite des Covers ist beschrieben, wie die Stones begannen, Songs von "Nuddy" Waters zu covern. "Nuddy" ist ein Druckfehler und müsste Muddy heißen. Stellt sich heraus, dass der Fehler in geringer Auflage erschien, könne ein Besitzer vor lauter Seltenheit "ein Fass aufmachen". Dinge wie diese recherchiert Held. 150 Bücher besitzt er zu derlei Zwecken. Nach vorsichtiger Schätzung. "Es könnten auch 200 sein." Genügen die nicht, greift er auf eine spezielle amerikanische Webseite zurück. "Sie bildet bei teuren Sachen den Markt ab."


Teuerste Scheibe für 3500 Euro

Nicht immer kann Held einem hoffnungsfrohen Sammler die Hoffnung erhalten. Einen Traum habe er mal dadurch "eingedampft", dass er den vermuteten Wert von 3000 Euro für eine Anzahl LPs auf 1400 Euro ansetzte. Bei der Bewertung einzelner Scheiben ist es dann so, dass sie als Grundlage für andere Schätzer dienen, Bestand haben und publiziert werden können.

An die reizvollste und teuerste Scheibe, die er selbst einmal in Händen hielt, kann sich Held noch gut erinnern: Es handelte sich um eine in Italien erschienene Krautrock-Scheibe der Gruppe Analogy, mit 200 Stück Auflage. "Eine Hippie-Geschichte mit nackten Frauen auf dem Cover, schwierig zu schätzen, aber 3500 Euro würde ich schon sagen", sagt Held. Ein Poster wurde einer noch kleineren Auflage beigelegt; sie beläuft sich auf nur 30 Exemplare. Das würde noch mal 2000 Euro einbringen, tippt der Lichtenfelser.

Helds Aufgabenfeld ist groß. Wenn er nicht für Kunden recherchiert, ein- oder verkauft, dann kann es sein, dass er den Auftrag hat, Schallplatten gegen andere zu tauschen. Dann, wenn jemand von einer Scheibe mehrere Ausführungen besitzt, oder auch darum, weil sie wegen ihrer Häufigkeit den Preis drücken würden und im Internet nicht loszuschlagen wären. Dafür gibt es Tauschbörsen, und manchmal kann ein Auftrag ganz konkret lauten: "Tausche die erste Stones-Single für die erste Scorpions-LP!"


Geschäft dehnt sich auf CDs aus

Gelegentlich aber werde er von jemandem gebucht, der den Wert seiner Sammlung in Erfahrung bringen möchte, erklärt Held. "Ich kriege ab und zu mal eine Liste zugemailt. Das sind meine Platten, die sind in dem und dem Zustand. Es gibt Menschen, die mit Computern nichts am Hut haben, so richtige Analog-Leute, die haben 35 000 Platten und zwei Monate getippt und sind erst bei LP 600 angekommen. Das ist kein Scherz."

Wie er das sagt, bedeutet er mit Daumen und Zeigefinger die Dicke eines solchen Stapels. Für diese Leute schaut er die Platten nach Kratzern durch, ob die Labels beschädigt sind, welche Katalognummern sie haben, oder ob sie auf schlechten Plattenspielern liefen.

"Für Leute, die auf Akustik richtig Wert legen, gibt es zu Vinyl keine Option", weiß er. Darum reinigt er verschmutzte Platten, bald auch mittels Ultraschall. "Das rüttelt Staub raus."

Mittlerweile geht das Geschäft auch auf CDs über. Darunter gibt es auch Seltenheiten und Preziosen. Eine zukunftsträchtige Branche? Der Trend gehe dazu, LPs als Wertanlagen zu betrachten, erklärt Held. Und dann gibt es da noch etwas, was er "die normative Kraft des Faktischen" nennt: Die Hippies sind alt und sterben. Ihre Sammlerstücke schwemmen bald auf den Markt und verderben die Preise. "Dann wird man sich auf die 90er konzentrieren."

Ein verschrobener und spleeniger Schallplatten-Fan, wie es manche Hobbyisten sein können, will Florian Held nicht werden. "Da bewahre mich der heilige Schellack davor." Darum schenkt er zur Abwechslung abends in seiner Lichtenfelser Stammkneipe aus.