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Hochstadt am Main
Corona-Krise

Obersdorfer Zauberer feilt an künftigen Shows

Rudolf Konthur gilt als "Gentleman der Zauberkunst", aber auch ein Gentleman benötigt Einkünfte. Und gerade Künstler haben es derzeit schwer.
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Dass die Karten so zum Liegen kommen, ist eine Frage der Fingerfertigkeit. Die kann geübt werden. Auch darin besteht derzeit für Zauberer Rudolf Konthur die Aufgabe. Fotos: Markus Häggberg
Dass die Karten so zum Liegen kommen, ist eine Frage der Fingerfertigkeit. Die kann geübt werden. Auch darin besteht derzeit für Zauberer Rudolf Konthur die Aufgabe. Fotos: Markus Häggberg
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Am 13. März, sagt Rudolf Konthur, habe er seinen letzten Auftritt erlebt. Jetzt ist es Juni, und ohne Corona hätte er, "wenn alles normal weitergegangen wäre", bis dato 25 Auftritte absolviert.

Sein Atelier ist Kreativbude, Rückzugsort, eine Stätte des Tüftelns, des Nachsinnens und des Probens. Auf diesen knapp 50 Quadratmetern verbringt Konthur derzeit mehr Zeit als üblich. Überall gibt es Nischen, in denen Reminiszenzen zu finden sind: Das Plakat von Siegfried & Roy, der Tisch mit dem Porzellanzylinder samt Handschuhen und die Flightcases, diese stabilen Metallkisten zum sicheren Transport von Ausrüstung. Dann auch all die Fotos mit Prominenten und Persönlichkeiten. Und über dem Gebälk hängen Plakate über Plakate, in den Buffets und Vitrinen finden sich Arbeitsmittel wie bunte Bälle, Dutzende an Kartendecks oder auch Sprühkleber. An mehreren Balken hängen Scheinwerfer - blendende, gleißende Scheinwerfer.

"Proben unter realen Bedingungen", gibt Konthur zu verstehen. Und der Mann probt auch derzeit, hält sich fingerfertig und geschmeidig. "Weich bleiben" sollen die Finger durch Übungen. Wie er das erklärt, rollt er einen wie mit Samt bezogenen Wagen heran. Es ist eine Art Tisch, an dem Karten- oder Würfelkunststücke präsentiert werden. Tischzauberei nennt man das, mitunter auch Close-up-Zauberei. Dann fällt der Blick auf einen Aktenordner, der aufgeschlagen auf dem Schreibtisch liegt.

Stoisch und sogar nachsichtig

Ja, Corona hat vieles vermasselt. Aber es gibt auch glückliche Wendungen. "Bei mir ist es so gekommen, dass es sich verlagert hat", erklärt Konthur zu einem Auftrag in einem Schlosshotel. "Machen wir es im kommenden Jahr?", war eine Frage dazu, und dann musste nur noch das Datum im Vertrag geändert werden.

Konthur wirkt nicht angespannt. Es gibt Menschen, die bei solchen Gelegenheiten schimpfen und Beschwerde über die neue Zeit führen würden. Aber Konthur wirkt stoisch mit einer Prise guter Laune. Und Nachsicht: "Ein Kunde muss seine Räumlichkeiten, in denen ich auftreten soll, ja auch erst wieder frei bekommen", zeigt er sich verständnisvoll.

Vorträge und Shows überarbeiten

Doch nur weil er derzeit nicht auftreten kann, heißt das nicht, dass die Zeit verloren ist. Dabei deutet er auf den Ordner und zieht an einem Bambusrollo. Dutzende dicke Ordner kommen zum Vorschein. Übungen, Vorträge, Ideen, Seminare, Bühnenprogramme - was sich im Laufe der Jahrzehnte so ansammelte. Allein zwölf Vortragsordner sind es, und in jedem sind drei bis fünf Themen enthalten.

"Ich nehme sie mir alle vor", sagt Konthur mit Bestimmtheit. Was er damit meint, ist, dass er sie jetzt in dieser Zeit überarbeitet. Dabei im Blick hat er die Sprache: "Sie entwickelt sich im Laufe der Jahre weiter, man redet ja nicht mehr wie früher." Und er möchte sich nicht wie jemand anhören, der sich "im Laufe der Jahre selbst überlebt hat". So feilt er an neuen, besseren Begriffen und überlegt, ob sich diese auch ungezwungen anhören. Sprache fesselt, ist psychologisch, ist dramatisches Element - ohne sie wäre seine Kunst und die Nähe zum Publikum nicht denkbar.

Man kann nicht sagen, dass Konthur sich den Lockdown gewünscht hätte, aber jetzt, wo er schon mal da ist, weiß er sich zu beschäftigen. Es ist ein Ärmelhochkrempeln, eine Art praktizierter Optimismus.

Musik. Noch so ein Thema. Wenn Konthur darauf eingeht, welche Bedeutung der Musik in seinen Nummern beikommt, dann drückt er es so aus: "Musik muss einen Takt machen, der die Aussage ergänzt." Unter diesem Gesichtspunkt prüft er jetzt auch die Einspielmusik auf der Bühne. Zudem mögliche neue Bühnenabläufe. Wenn Konthur probt, dann besitzt das Schauwert.

"Ganz normale Arbeitstage"

Die Scheinwerfer sind an. Blendend. In ihre Richtung spricht er. Und er tut es laut. "Das verstärkt die Bühnenpräsenz." Konthur imaginiert sein Publikum. Es ist kein Hudeln, es ist ein Ernstnehmen des Moments, egal ob jemand anwesend ist oder nicht. Befragt nach seinem derzeitigen häuslichen Arbeitspensum fächert er auf: "Gelenkigkeit und Fingerfertig eine Stunde, Kunststücke vier Stunden, danach drei bis vier Stunden Bearbeitung der Literatur. Das summiert sich zu einem ganz normalen Arbeitstag im Homeoffice. Hauptarbeitsstätte dabei ist jener Ort unter dem Dach. "Wenn ich hier raufgehe, ist es nicht mehr Obersdorf", sagt der Zauberer.

Die chromartige Maske

Dann und wann aber, so gibt er zu, treibe ihn die Neugierde die Treppen hinunter, dorthin, wo er seiner Frau und einstigen Bühnenpartnerin unter die Augen kommt. Dann lässt er von ihr einschätzen, was von einem dramaturgischen oder trickreichen Gedanken zu halten ist.

Mit Corona ist er im Frieden: "Ich empfinde es als wertvolle Zeit", sagt er zu seiner beruflichen Auszeit.

Mit 14 Jahren fing er zu zaubern an - heimlich: "Ich musste mich einschließen, weil mein Vater es fast verteufelt hat." Der Zauberei blieb er treu, auch wenn er Maschinenbau studiert hat. Und irgendwann war auch sein Vater von seinem Können begeistert, erzählt Konthur.

Reich an Erlebnissen und Anekdoten ist sein berufliches Leben auch. Da wäre die chromartige Maske, die sein Gesicht entmenschlicht. Immerhin zersägt ein Gentleman keine Ehefrauen auf der Bühne. Aber mit dieser Maske kommt man über diese Hürde hinweg. Der Chef des Schauspielhauses Köln hat sie ihm anfertigen lassen. Dazu wurden Abdrücke genommen, dann wurde das Material langgezogen. Ein teurer Spaß. Im Regelfall. Hier nicht, denn angesprochen darauf, was er zahlen solle, habe Konthur zu hören bekommen: "Nichts. Sie sind Künstler, Sie haben mich verzaubert."

Gefragt nach dem weitestentfernten Auftrittsort, nennt Konthur Punta Arenas im südlichsten Chile: "18 Flugstunden."

Corona hat seine Branche verändert. Konthur wird erst am 25. Juli wieder auftreten - voraussichtlich. "Ich möchte ja auch niemanden anstecken."