Vor 1946 wurden die Landräte in Bayern nicht gewählt. Der Vorstand des Bezirksamts, wie das heutige Landratsamt bis 1939 hieß, war vielmehr ein Staatsbeamter. Er wurde auf Vorschlag des Innenministers ernannt, bis 1918 vom König, dann vom Ministerpräsidenten. Die Juristen, die ein solches Amt bekleideten, hatten eine Laufbahn hinter sich, und manche hatten noch eine Karriere vor sich. Eine dieser Beamten-Persönlichkeiten soll hier vorgestellt werden: Eugen Horber, der von 1928 bis 1933 an der Spitze des Bezirksamts Lichtenfels stand.

Eine Beamtenlaufbahn

Horber kam 1879 als Sohn eines Volksschullehrers in Oberhausen bei Weißenhorn in Schwaben zur Welt. Er studierte Rechtswissenschaften in München und Würzburg, hörte aber auch historische Vorlesungen. Nach dem Vorbereitungsdienst in Weißenhorn, Lindau und München legte er Ende 1906 das Staatsexamen ab. Fünf Jahre lang arbeitete er in nachgeordneter Position bei der Regierung von Schwaben und Neuburg in Augsburg. Dann wurde er 1912 als Bezirksamtsassessor nach Tirschenreuth versetzt. Er fungierte also am dortigen Bezirksamt gewissermaßen als Abteilungsleiter.

Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, leistete Horber Kriegsdienst, und zwar beim Grenzschutz in Freilassing, dann in Passau. Gefechte hatte er demnach wohl nicht zu bestehen. Er stieg, zuvor bereits Reserveoffizier, bis Kriegsende zum Major auf. Ende 1918 nahm er seinen Dienst in der nördlichen Oberpfalz wieder auf. Im März 1919 wurde er nach Miesbach in Oberbayern versetzt. Dort attestierten ihm Vorgesetzte, er habe sich "mit hervorragender Tüchtigkeit, Gewandtheit, Entschiedenheit" um die Stromgewinnung im Leitzachtal gekümmert. Diese war für die Versorgung der Landeshauptstadt München mit Elektrizität von großer Bedeutung. Sein beruflicher Weg führte Horber weiter nach Speyer: Er stieg im Januar 1922 zum Regierungsrat 1. Klasse bei der Regierung der Pfalz auf. Die Pfalz gehörte ja bis 1946 zu Bayern. Horber wollte offenbar lieber ein Bezirksamt leiten als ein Rad im Regierungsgetriebe zu sein. Schon im März 1922 bewarb er sich, allerdings vergeblich, um die Stelle des Vorstands des Bezirksamts Ludwigshafen. Als im März 1923 das Bezirksamt Frankenthal vorübergehend ohne Leitung war, übernahm er für ein Vierteljahr kommissarisch diese Aufgabe, um dann zur Regierung zurückzukehren. In der Pfalz gab es dort nach dem Ersten Weltkrieg Bestrebungen, einen selbstständigen Staat zu errichten, der sich von Bayern, ja sogar vom Deutschen Reich ablösen und als eigenes Staatswesen, angelehnt an Frankreich, existieren sollte. Ein pfälzischer Landwirt brachte mit paramilitärischen Einheiten einen Teil der bayerischen Pfalz unter seine Kontrolle und rief im November 1923 in Speyer die "Autonome Pfalz" aus. Das Regierungsgebäude wurde besetzt, Geiseln genommen. Unter ihnen war Eugen Horber. Die Regierung wich ins benachbarte Baden, nämlich nach Heidelberg, aus. Dorthin ging auch Horber, als ihn die Separatisten im Dezember 1923 aus der Pfalz auswiesen.

Zurück nach Bayern

Nachdem die bayerische Staatsregierung die separatistische Bewegung blutig niedergeschlagen hatte, kehrte das Personal der Regierung im Frühjahr 1924 nach Speyer zurück; Horber war unter den ersten Beamten, die dort eintrafen. Doch Horber wollte zurück ins rechtsrheinische Bayern. Ende 1927 beantragte er seine Versetzung, denn seine Mutter sei gestorben, und sein Vater brauche seine Unterstützung. Ein halbes Jahr darauf wurde sein Wunsch erfüllt: Er wurde mit Wirkung vom 16. Juni 1928 als Bezirksoberamtmann nach Lichtenfels entsandt.

Die Hauptindustrie des Raums, nämlich die Korbmacherei, kriselte seit Kriegsende, und die Lage verschlimmerte sich zusehends seit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929. Am letzten Tag dieses Jahres berichtete Horber nach Bayreuth: "Das Jahresende hat eine schlagartige Verschlechterung des Arbeitsmarktes gebracht. Mit der Ablieferung der Weihnachtsaufträge sind die Heimarbeiter in der Korbindustrie zu ca. 80 % arbeitslos geworden." Das Arbeitsamt befand sich im "Wohlfahrtshaus" an der Ecke Kronacher Straße/Martin-Luther-Straße, schräg gegenüber vom Bezirksamt. Horber bekam also aus nächster Nähe mit, welche Szenen sich dort abspielten. Es war, so berichtete er der Regierung von Oberfranken, "eine erschreckende Zunahme der Fürsorgeanmeldungen wahrzunehmen, sodaß auch zur Aufrechterhaltung der Ordnung beim Arbeitsamt die Gendarmerie eingreifen mußte."

Neben der Sorge um die wirtschaftliche und soziale Lage in seinem Bezirk legte Horber einen besonderen Schwerpunkt auf den Straßenbau und das Verkehrswesen. Der Regierungspräsident bescheinigte ihm 1930, er sei "besorgt um die Hebung des Bezirksstraßenwesens. Hervorzuheben ist sein energisches Eintreten für die Verbesserung des Bahnüberführungsprojektes Lichtenfels." Da sich am ebenerdigen Bahnübergang in der Coburger Straße in Lichtenfels die Fahrzeuge stauten, gab es Pläne, eine Straßenüberführung zu errichten. Später kam man von diesem Vorhaben ab und entschied sich stattdessen für eine Unterführung. Sie allerdings wurde erst Jahre nach Horbers Tod eröffnet.

Der Bezirksamtsvorstand entschärfte die schwierige Situation am Unteren Tor, dessen Durchgang gleichermaßen von Fahrzeugen und Fußgängern genutzt werden musste: Horber sorgte dafür, dass neben dem Tor die bis heute bestehende Fußgängerpassage geschaffen wurde. Erfolg hatte Horber auch mit seinem Bemühen, den Wallfahrerweg vom Seubelsdorfer Kreuz nach Vierzehnheiligen neu zu gestalten. Auf sein Betreiben hin entstand ein "doppelspuriger" Weg, so dass sich Wallfahrer und Landwirte nicht ins Gehege kamen. Eine Reihe von 80 Linden trennte beide Wege. Die Baumreihe besteht zum großen Teil bis heute und bildet eine reizvolle Landmarke. Der Spatenstich fand am 13. März 1933 statt. Wenige Tage darauf starb Eugen Horber.

Von seinem vorgesetzten Regierungspräsidenten wurde er als "kluger, tatkräftiger, entschlußfreudiger Verwaltungsbeamter von sicherem Auftreten" eingeschätzt. Lichtenfels hätte also nicht das Karriereende für ihn bedeuten müssen. Doch am Morgen des 18. März 1933 wurde der unverheiratete Horber tot in seinem Bett gefunden, erst 54 Jahre alt. Wie die Untersuchung der Leiche ergab, hatte ein Schlaganfall seinem Leben ein Ende gesetzt. Er wurde zur Beisetzung nach Weißenhorn überführt, wo seine Mutter begraben lag und wo sein betagter Vater noch lebte. Der Katholik Eugen Horber hatte neun Geschwister. Von ihnen lebten bei seinem Tod noch acht, zwei davon in Bosnien, vier in München. Niemand von ihnen hatte Kinder. So lässt sich nicht ermitteln, was aus seinem schriftlichen Nachlass geworden ist.