Aufgeben - das kommt für Margitta Gückel aus dem Altenkunstadter Ortsteil Woffendorf nicht infrage. Für die 69-Jährige gilt vielmehr: Nur mit Hartnäckigkeit gelangt man ans Ziel! "Über das ganze Chaos schreibe ich ein Buch!"

Die Worte, mit denen sie den Anwalt angeschnaubt hat, sind ihr noch gut in Erinnerung. "Dürfen sie nicht", folgt in scharfem Ton sein Kontra. Doch Gückel hält Wort. In ihren Händen hält sie, verpackt in zwei Buchdeckeln, die Biografie ihres nicht immer einfachen Lebens. Erzählt von Margitta Gückel und in deutliche Worte gegossen von dem Biografen Lars Röper aus Schwielowsee bei Potsdam. Es führte sie nach sechs Jahrzehnten auf verschlungenen Wegen zu ihren Halbgeschwistern. Nicht nur davon berichtet das 100 Seiten dicke Büchlein.

War die Stasi involviert?

In fettem Schwarz prangt ein Fragezeichen auf der Titelseite. Zu Recht. Ranken sich doch jede Menge Fragen um das Leben ihres Vaters. "Hatte die Stasi die Finger im Spiel?", "War Hubert einer von ihnen?", lauten die im Buch aufgeworfenen Fragen. Von den Lesern erhofft sie sich Antworten darauf. "Ich will wissen, was war. Andernfalls lässt es mir keine Ruhe", beschreibt sie ihren Antrieb, Dingen auf den Grund zu gehen. Drei Tage lang gewährte sie Röper Einblicke in ihr Leben. Und ihre Seele fing an zu seufzen. "Ich musste immer wieder heulen, so aufgewühlt haben mich die Erinnerungen", erinnert sich Gückel.

"Missraten und nichtsnutzig"

Nach der Seelenreinigung habe sie sich unheimlich erleichtert gefühlt, sich einmal all das vom Herzen geredet zu haben, was sie ein Leben lang innerlich aufgewühlt habe. Immer wieder habe sie sich von ihrer Mutter den Satz, der sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht, anhören müssen "Margitta, du bist genauso missraten und nichtsnutzig wie dein Vater."

Überschrieben ist die Biografie mit einem Satz aus dem gemeinsamen Testament ihres Vaters mit seiner letzten Frau: "Um unseren Kindern gerecht zu werden." Für Gückel sind das heuchlerische Worte. Nur die vier Stiefkinder finden Erwähnung. Sie und ihre vier noch lebenden Halbgeschwister hingegen werden unter den Teppich gekehrt. Dass die Familiengeschichte so verworren ist, liegt am Vater Horst Hubert Müller.

Er war viermal verheiratet, davon zweimal mit der gleichen Frau. Margit Gückel wurde 1951 unehelich im sächsischen Obergräfen geboren. Ihren leiblichen Vater hatte sie nie kennengelernt. Dieser war 1951 nach Detmold gezogen, wo er die Mutter ihrer Halbgeschwister heiratete. Margit hingegen zog es mit ihrer Mutter Ursula Förster ebenfalls in den Westen, wo sie die ersten Jahre ihres Lebens in Schirradorf im Landkreis Kulmbach verbrachte. Den Stein ins Rollen brachte ein Kuvert mit Unterlagen ihres Vaters, das ihr ihre Mutter kurz vor ihrem Tode im Jahre 2009 übergeben hatte. Darin befand sich ein amtliches Schreiben, in dem beglaubigt wird, dass ihr Vater in Detmold verheiratet sei und zwei Kinder habe. Es löste in der Woffendorferin einen Suchinstinkt aus.

"2014 entschloss ich mich, nach meinem Vater zu suchen." Zu einem Wiedersehen sollte es nicht mehr kommen. Das Standesamt in Aue, wo ihr Vater zuletzt gewohnt hatte, teilte ihr mit, dass dieser bereits am 8. Januar 2014 verstorben sei. "Ich war ein Dreivierteljahr zu spät dran", klingt es betrübt aus dem Munde von Margitta Gückel. Sie fuhr nach Aue, wo sie auf dem Friedhof das Grab ihres Vaters entdeckte. Mit der Hoffnung, eine Nachricht zu erhalten, steckte sie eine Visitenkarte in einen Blumentopf - doch vergeblich: Es meldete sich niemand. Davon unterkriegen ließ sich die heute 69-Jährige nicht.

Sie wandte sich erneut an das Standesamt in Aue, wo sie ein weiteres Mal eine niederschmetternde Antwort erhielt: "Mir wurde mitgeteilt, dass mein Vater laut einer Stieftochter angeblich keine Kinder gehabt hätte." "Jetzt erst recht!", sagte sich die Woffendorferin. Über das Standesamt in Detmold und das Einwohnermeldeamt in Flensburg gelangte sie schließlich an die Adresse ihrer Halbschwester Doris Lindenberg (64). Diese hatte gerade mit ihrem Mann Rainer Urlaub in den Niederlanden gemacht, als sie von Margitta Gückel mit einem Telefonanruf überrascht wurde. Im Land der Grachten und Tulpen wohnen zwei weitere Halbschwestern. Heike Neubauer (51) lebt in der Nähe von Rotterdam, Anne Müller (59) fühlt sich in Bergen op Zoon wohl. Halbbruder Udo Müller (63) wohnt in Offenbach. Drei Halbgeschwister leben schon nicht mehr.

Seit der Trennung ihrer Eltern hatte Doris keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern. "Ich war schockiert, als ich von Margitta vom Tod meines Vaters erfuhr." Auch die beiden Schwestern, die das Telefonat hautnah mitverfolgt hätten, seien perplex gewesen, als sie von ihrer Halbschwester in Oberfranken erfahren hätten.

Auflage: 100 Exemplare

Die Biografie kommt gut an. Sowohl bei ihren Kunden - Gückel hat einen kleinen Friseursalon - als auch in ihrer Verwandtschaft. Von den 100 Exemplaren sind bereits 46 verschenkt oder verkauft. Woher nimmt sie die Vermutung, die Stasi könnte bei ihrem Vater die Finger im Spiel gehabt haben? "Während viele in den Westen gingen, flüchtete er 1959 mit seiner Frau und meinen Halbgeschwistern in einer Nacht- und Nebelaktion mit einem Lkw, auf dem sämtliche Möbel aufgeladen waren, in den Osten. Das kommt mir spanisch vor." In der Stasi-Unterlagenbehörde will sie dieser Frage auf den Grund gehen. Schließlich ist Hartnäckigkeit ihre Stärke.