Über dem Eingang zur "Drogerie mit Reformhaus Ehnes" in der Bahnhofstraße hängt ein Schild, das wohl viele Staffelsteiner ein wenig in Wehmut versetzt: "Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe", steht darauf in weißen Lettern auf dem auffälligen roten Hintergrund. Nach über 70 Jahren muss der "Ehnes" schließen.

Die Inhaberin, Adelgunde Ehnes, hat sich zu diesen Schritt entschlossen, nachdem sie nun selbst seit 50 Jahren ihre Kunden täglich mit Lebensmitteln und anderem versorgt hat. Heute tauchen in ihren Regalen schon ein paar kleine Lücken auf. Alle Produkte hat sie mittlerweile nicht mehr im Lager vorrätig. Dafür fand sie dort allerhand Schätze aus der Vergangenheit, als sie ausräumte.


Anleitung zum Drogisten

Zum Beispiel eine alte Babywaage aus den 1930er-Jahren. Diese konnte man beim "Ehnes" ausleihen. Für ein paar Tage kostenlos, über einen längeren Zeitraum für zwei Reichsmark im Monat. So steht es auf einem beigehängten Zettel. Sogar eine Fotoanleitung, wie das Gerät zu benutzen ist, ist auf der Holzkiste festgenagelt.

Zwei alte Bücher hat Adelgund Ehnes ebenfalls entdeckt. Das eine ist ein Lehrbuch für Drogisten aus den 1920ern. Darin stehen allerhand chemische Formeln, Lehrstoff aus der Biologie und Anleitungen, wie man eine Drogerie richtig betreibt. Passend dazu fand Ehnes auch ein altes Notizbuch für die Buchführung aus dem 19. Jahrhundert. "Der Computer von damals", beschreibt sie es.


Mit 14 fing alles an

Im Laufe der Zeit hat sich vieles im kleinen Familienunternehmen verändert. 1936 übernahmen die Schwiegereltern die Filiale der Altenkunstadter Bavaria-Drogerie in Bad Staffelstein, ehe sie nach dem Krieg ihren eigenen Laden, zwei Häuser weiter, eröffneten. Mit 14 Jahren stieg Adelgunde Ehnes als Lehrling in den Betrieb mit ein und heiratete später sogar den Sohn der beiden Firmengründer. Als dieser 1981 starb, übernahm Adelgunde die Geschäfte.

"Von früh bis abends war ich hier. Man hatte wenig Freizeit", beschreibt sie ihren Arbeitsalltag. Damals versorgte der "Ehnes" die Gastronomie noch mit Fisch und Schnaps. Die Bevölkerung kaufte dort Zucker, Mehl oder Tee ein. Alles lose verpackt, so wie es heute wieder Trend ist. Die Behälter, in denen die Nahrungsmittel damals abgefüllt wurden, stehen immer noch im Hinterraum in den Regalen.

Als das Zeitalter der Supermärkte anbrach, die ihre Ware billiger verkaufen konnten als Ehnes, musste sie handeln. Von der Drogerie alleine konnte sie fortan nicht mehr leben: "Früher hatten wir nur das normale Drogerieangebot. Aber dann musste wir uns immer mehr spezialisieren", erzählt sie.


Ohrlöcher stechen und auf der Sonnenbank bräunen

Zum Beispiel auf gesunde Ernährung. 1970 kam zur Drogerie das Reformhaus hinzu. Adelgunde Ehnes hat selbst noch eine Ausbildung zur Kosmetikerin gemacht und ihre Kunden im Laden behandelt. Man konnte sich beim "Ehnes" eine Zeit lang auch Ohrlöcher stechen lassen, auf die Sonnenbank legen oder seine Fotos entwickeln lassen.

All das habe immer nur eine Zeit lang funktioniert, erzählt Ehnes. Dann haben die größeren Ketten diese Nischen ebenfalls entdeckt. Dazu gebe es heute immer mehr Auflagen. Sie müsse einiges in ihrem Laden umrüsten, um auf den neuesten Stand zu bleiben. Doch dafür fehlt ihr mit 64 Jahren die Kraft. Einen Nachfolger für sie gibt es nicht. Also sperrt sie im Sommer den Laden zu, wenn das letzte Regal leer geräumt ist.

Adelgunde Ehnes möchte ihren Ruhestand genießen. Vielleicht in der Karibik, vielleicht kümmert sie sich auch einfach um ihre fünf Enkel. "Wahrscheinlich werden es eher die Enkel", sagt sie und lacht.