Wenn der Luftballon über den Tisch schwebt, huscht ein Lächeln über Willi J.s Gesicht. Langsam, aber gezielt stupst er den federleichten Ball an, nach einigem Hin und Her landet der auf dem Boden. Macht nichts. Eine Seniorin am Fenster beugt sich hinab und bringt ihn zurück ins Spiel. Der 80-jährige J. nippt an seinem Kaffee. Weiter geht's. Alle Senioren in der Runde wirken nun um einiges frischer als noch beim Frühstück. Fast aufgeweckt. Für einen kurzen Moment gerät die Gemeinsamkeit der Gruppe in Vergessenheit: ihre Diagnose Demenz.

Gundi Haselmann ist an diesem Morgen zufrieden mit ihren Schützlingen. Die Betreuungsassistentin kümmert sich für einige Stunden am Tag um die Menschen der beschützenden Wohngruppe des Awo-Sozialzentrums in Redwitz im Landkreis Lichtenfels. Sie liest mit ihnen, leitet Gedächtnis-Spiele an, hört ihnen beim Spaziergang durch die Frühlingssonne zu. Pflege gehört nicht zu ihren Aufgaben, darum kümmern sich andere.

Einrichtungen trotzen Personalmangel

Es klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Die Realität stationärer Pflege sieht oft anders aus, wie Berichte immer wieder offenlegen. Hauptproblem ist der Personalmangel. Der führt zu Stress, darunter leidet die Qualität. Stets zulasten der Gepflegten. Das weiß auch Steffen Coburger. Der Leiter der im September 2018 eröffneten Einrichtung in Redwitz möchte es anders machen, besser. Trotz aller Herausforderungen. Auffällig ist er schon von außen, der wuchtige Bau am südlichen Rand des 2000-Seelen-Ortes. Auffällig neu. Dieser erste Eindruck bestätigt sich beim Rundgang durchs Gebäude. Große Fenster werfen viel Tageslicht auf die moderne Ausstattung und die in warmen Farben gestrichenen Wände. Steffen Coburger ist stolz. "Pflegeheim möchte ich es nicht nennen. Wohngruppe trifft es eher."

Durchlässig für alle Bedarfslagen soll es sein, das neue Sozialzentrum. Die Awo beherbergt dort neben ihrem ambulanten Dienst auch Tagespflege, betreute Wohnformen und stationäre Pflege. Letztere bietet Platz für 58 Menschen, aufgeteilt in vier Wohngruppen. Eine richtet den Blick speziell auf Demenz. "Denn Menschen mit diesem Krankheitsbild bedürfen besonderer Betreuung", so Coburger.

Herzstück dieses Bereiches bildet eine offene Wohnküche, in der die Bewohner gemeinsam kochen

und essen. Funkarmbänder verhindern unbemerkte Alleingänge und aufgeklebte Türfolien bilden optische Barrieren: Aus der Tür wird ein Bücherschrank. "Eingesperrt ist aber niemand", sagt Coburger. Wer raus will, kann zum Beispiel im Terrassengarten spazieren gehen.

Was ist Demenz? Professor Kolominsky-Rabas klärt auf

Etwa 240 000 Menschen mit Demenz leben laut der Alzheimer Gesellschaft in Bayern. "Beschützende Pflege ist der richtige Ansatz", so Coburger. Dennoch sinkt die Zahl der Stationen in der Region. Problem: Die intensivere Betreuung wirke sich nicht auf den Personalschlüssel aus. Träger müssen sich den Mehraufwand leisten können. Und wollen.

Die Redwitzer Awo will. Anregungen holt sie sich bei dem Coburger Psychogerontologen Dieter Hofmann. Der hat es sich zur Aufgabe gemacht, über den richtigen Umgang mit Demenz aufzuklären. Und Hoffnung zu machen. Zum Beispiel, dass eine Demenz nicht unbedingt negativ konnotiert sein müsste. "Demente Hochbetagte lachen öfter als gleichaltrige, psychisch gesunde. Die Leute scheinen glücklicher zu sein." Das liege daran, dass ihnen abstraktes Denken abhanden kommt. Das Schwelgen in Vergangenem oder eine Vorstellung des Begriffes Liebe. "Sie leben im Hier und Jetzt, die Logik dominiert nicht mehr", so Hofmann.

Da müsse Pflege ansetzen. "Demente profitieren von Dementen." Hofmanns Plädoyer an Angehörige: lieber professionell pflegen lassen, als sich zu Hause aufzureiben. Scham und zu enge Bindungen schüren Konflikte und erschweren den Umgang mit einem zu pflegenden Partner zusätzlich, sagt er. Stationäre Pflege könne abhelfen. "Die schafft innere Nähe bei äußerer Distanz."

Wie Sabine Tischler (Name geändert) aus Bamberg. Ihre Mutter ist stark dement und lebt im Heim. Vorher hatte sich der neue Lebensgefährte um die 79-Jährige gekümmert. Dann muss er ins Krankenhaus, sechs Wochen lang lebt sie daraufhin bei ihr. Immer wieder kracht es. "Es war eine anstrengende und heftige Zeit. Wir konnten sie keine Sekunde alleine lassen", sagt Tischler. Plötzlich wurde ein Heimplatz frei, schnell musste eine Entscheidung her. "Trotz allem sagte ich nur schweren Herzens Ja zum Umzug." Anfangs war die Mutter sauer, nun hat sich das Verhältnis gebessert, die Besuche laufen harmonisch ab.

Gefühlsarbeit ist wichtig

Willi J.s Frau besucht ihn jeden Tag. Sie ist noch rüstig, kümmert sich um ihn. Ob das zu Hause dergestalt leistbar wäre? Bei Dementen ist es erforderlich, sie auf pflegerische Handlungen einzustimmen. Nicht selten ist das ein Balanceakt. "Gefühlsarbeit ist wichtig", sagt Heimleiter Coburger. Konzentrieren sich Angehörige darauf, können sich Fachkräfte aufs Pflegerische konzentrieren.

Problemfelder gibt es viele, das wird im Gespräch mit Dieter Hofmann und Steffen Coburger schnell klar. "Selbst unter den besten Voraussetzungen bekommen die Bewohner nicht immer das, was sie wirklich brauchen", sagt Coburger. Dabei sei das die entscheidende existenzielle Frage unserer alternden Gesellschaft: Wie sie mit ihren Pflegebedürftigen umgeht.

Willi J. werden all die politischen Diskussionen wohl nicht mehr beeindrucken. Nur die Auswirkungen wird er spüren und hoffen müssen, dass Coburgers Plan für demenzgerechte Betreuung aufgeht. Klappt das, kann J. noch so lange wie möglich versuchen, den schwebenden Ballon in der Luft zu halten.

Umgang mit Demenz - Tipps für Angehörige

Respekt mit Namen ansprechen, geduldig sein, Gefühle ernst nehmen, in Tätigkeiten einbeziehen, Interessen wachhalten, Beschuldigungen nicht persönlich nehmen

Verständliche Sprache Demenzkranke finden oft die richtigen Worte nicht: Blickkontakt herstellen, kurze, klare Sätze, langsam und deutlich sprechen,

Warum-Fragen vermeiden, Aufforderungen positiv formulieren

Sicheres Umfeld Demenzkranke können Gefahren nicht richtig einschätzen: Routine beibehalten, gefährliche Gegenstände entfernen, Herdsicherung anbringen, Orientierungshilfen (Beschriftung) benutzen, kein Auto fahren lassen

Vorsorge treffen

Berufstätigkeit Demenz heißt nicht automatisch, den Beruf aufgeben zu müssen. Gespräch mit Chef hilft. Schwerbehindertenausweis beantragen, dann gilt ein besonderer Kündigungsschutz.

Vorsorge-Vollmacht Wer eine gerichtliche Betreuung ausschließen möchte, bestimmt - so lange er noch fit ist - eine Vertrauensperson, die für ihn sprechen und rechtskräftige Entscheidungen in seinem Sinne treffen darf, wenn er das selbst nicht mehr kann.

Betreuungs-Verfügung Darin kann man vorab regeln, wer als Betreuer eingesetzt werden soll - oder wer auf keinen Fall. Ist niemand festgelegt, setzt das Gericht jemanden ein.

Patienten-Verfügung Die legt für die Zukunft fest, wenn man nicht mehr selbst entscheiden kann, welche medizinischen Maßnahmen genutzt werden sollen. Vollmachten/Verfügungen können jederzeit geändert werden, solange man noch geschäftsfähig ist.

Behinderung Demente haben Anspruch auf einen Schwerbehinderten-Ausweis. Der berechtigt etwa zur kostenfreien Nutzung des ÖPNV, kostenfreien Mitnahme einer Begleitperson und bringt Steuererleichterungen.

Landespflegegeld 1000 Euro gibt es für in Bayern lebende Pflegebedüftige ab Pflegegrad 2. Es muss einmal beantragt werden und wird jährlich weitergezahlt, solange Voraussetzungen bestehen. Der Pflegebedürftige kann stationär untergebracht sein oder zu Hause leben und versorgt werden.

Akkus aufladen - Hilfsangebote nutzen

Hilfsangebote Demenz verändert das Leben aller Beteiligten. Hilfsangebote bieten lokale Träger wie Awo, Caritas und Diakonie sowie die Alzheimer Gesellschaft an.

EduKation demenz "Entlastung durch Förderung der Kommunikation bei Demenz", heißen Schulungen für Angehörige. Angeboten werden die unter anderem in Bamberg, Coburg, Bayreuth, Erlangen, Fürth und Würzburg.

Qualifizierte Helfer unterstützen bei der Betreuung (von der Pflegeversicherung anerkannt).

In Angehörigengruppen können sich Betroffene austauschen und Ratschläge holen.