"Söder hat im Fernsehen noch nicht den Mund zugemacht, da klingelt bei uns schon das Telefon": Landrat Christian Meißner (CSU) beschreibt bildlich, wie groß der Informationsbedarf in der Corona-Krise derzeit ist. Kaum eine Regierungserklärung mit neuen Anordnungen, zu der es nicht umgehend auf lokaler Ebene Detailfragen gibt. Doch auch die Abteilungsleiter und Juristen in der Kreisbehörde können die Antworten nicht aus dem Ärmel schütteln und sofort "den Spezialfall vom Spezialfall" klären. Manche Fragen, die in der Hotline (Tel. 09571/18190) aufschlagen, müssen erst einmal weitergeleitet und bearbeitet werden.

Je weniger präzise die Ausführungen aus den Ministerien waren, umso mehr Nachfragen gab es dazu. Das hat Helmut Kurz von der Wirtschaftsförderung des Landkreises feststellt. Beispiel Gärtnereien: Hieß es zuerst, sie dürften nicht öffnen, wurden nach einigem Hin und Her die Landratsämter mit der Regelung betraut. So kam es dann zu unterschiedlichen Entscheidungen. Seit dem 20. April dürfen sie jetzt wieder öffnen.

Da Helmut Kurz am Landratsamt auch für den Bereich ÖPNV zuständig und in der Pressestelle mit tätig ist, bestimmt das Thema Corona derzeit zu 99 Prozent seinen Arbeitstag. Wie dürfen die Schulbusse fahren, wie sieht es mit dem Rufbus aus? Darf man zurzeit Reitstunden geben? Der neueste Streitfall sind die Blumenläden. "Der Schwerpunkt aller Nachfragen liegt bei Handel und Dienstleistungen." Etliche Fragen gab es außerdem zum Kurzarbeitergeld - hier habe man Kontakte herstellen können. Manchmal habe die Kreisbehörde sich auch direkt wieder nach München gewandt und um eine generelle Anweisung - etwa an die Versicherungswirtschaft in Sachen Betriebsausfallversicherungen - gebeten: "Wenn eine Allgemeinverfügung da ist, brauchen wir keine Einzelbescheide herauszugeben", erklärt Kurz. Und natürlich gehört eine ständige Aktualisierung der Landkreis-Homepage mit Verlinkungen zu weiteren Ansprechpartnern bei Regierung oder IHK zu den Aufgaben im Amt. Zusätzlich seien mehrere Info-Briefe an Unternehmer versandt worden. "Es hat sich gezeigt, wie gut es ist, ein Netzwerk zu haben und jemanden zu kennen, der weiterhelfen kann", sagt Kurz.

Die Anruferzahlen schwanken. "In der Woche vor Ostern hatten wir täglich 80 bis 90 Anrufe, über alle Themen hinweg. 14 Tage zuvor waren es noch drei- bis viermal so viele pro Tag, auch samstags und sonntags." Derzeit ist das Bürgertelefon mit zwei bis vier Mitarbeitern besetzt. Am gestrigen Dienstag in der Vormittagsschicht gingen rund 90 Anrufe ein - so viele wie zuletzt an einem ganzen Tag. Es zeigt sich wieder deutlich Klärungsbedarf nach den neuesten Bekanntgaben der Staatsregierung - mit um die 150 Anrufern pro Tag.

Unternehmen spendet

Unternehmen, von denen man dies zuvor niemals angenommen hätte, sind durch die aktuelle Situation in Existenznöte gekommen. Erlebt Wirtschaftsförderer Helmut Kurz trotz der vielen Sorgen, die die Firmen umtreiben, derzeit auch Positives in seiner Arbeit? Ein Beispiel fällt ihm dazu ohne lange nachzudenken ein: Ein hiesiger Hersteller von Röhren für Computertomografen und Röntgengeräte arbeite nun auch an den Wochenenden und in zwei Schichten, um die hohe Nachfrage bedienen können. "Die haben spontan gesagt: Uns geht es so gut, wir wollen etwas spenden für Vereine oder Einrichtungen im Landkreis, damit die davon partizipieren." Es gebe auch Firmen, die zwar Geschäftsbereiche verloren hätten, ihre Leute aber trotzdem weiterbeschäftigen können, weil der Bedarf in anderen Bereichen gestiegen ist. "Es gibt also auch Beispiele, wo es trotz der Einschränkungen gut weiterläuft."

Das Risiko ist hoch

Die aktuellen Corona-Infektionszahlen werden laufend bekanntgegeben. Wem die Zahl der Betroffenen im Landkreis Lichtenfels vergleichsweise niedrig erscheinen mag, der sollte den Blick auf die 7-Tage-Inzidenz-Angabe richten. Sie stellt die Zahl der binnen einer Woche neu auftretenden Erkrankungen pro 100 000 Einwohner dar. Und dieser Wert liegt für den Landkreis Lichtenfels mit 41,89 fast doppelt so hoch wie im Nachbarlandkreis Bamberg (21,76), auch wesentlich höher als im Kulmbacher Raum (23,66) und deutlich über dem bayerischen Durchschnitt (33,99). Das Risiko einer Erkrankung ist also hoch. Dem Ruf nach Lockerungen der persönlichen und wirtschaftlichen Einschränkungen steht diese Erkenntnis entgegen.

Corona-Soforthilfe

Bislang sind bei der Regierung von Oberfranken mehr als 16 500 Anträge auf Corona-Soforthilfe eingegangen; eine Erfassung nach Landkreisen erfolgt nicht. Bis zum 14. April wurden 8200 bearbeitet und 41,16 Millionen Euro angewiesen. Binnen einer Woche stieg die Gesamtsumme um weitere rund fünf Millionen auf 46,1 Millionen Euro an. Die Anträge müssen online gestellt werden (www.reg-ofr.de),

Um eine schnellstmögliche Bearbeitung der Anträge zu ermöglichen, ist in Bayreuth ein Team von zirka 85 Mitarbeitern quer über alle Bereiche der Regierung im Einsatz, auch an Feiertagen und Wochenenden.