Silke Schrödel hat ihre alte Heimat besucht. Die Frau, die inzwischen in Italien lebt, ist wie immer mit dem Zug nach Kulmbach gekommen. Hier hat sie Bekannte und Familie getroffen. Jetzt sitzt sie wieder am Gleis 3 und wartet auf die Bahn, die sie zum Flughafen bringt. Die Diskussion in Deutschland über die hohen Energiekosten hat sie natürlich mitbekommen, auch den Vorschlag mit dem 9-Euro-Ticket, mit dem die Menschen zum Umstieg auf den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) bewegt werden sollen.

Mit ihrem Bruder, der in Ramsenthal (Landkreis Bayreuth) lebt, hat sie auch über dieses Thema gesprochen. "Der würde schon gerne umsteigen, wenn das kommt", sagt sie. Ebenso eine Freundin aus Langenstadt, die regelmäßig nach Würzburg pendeln muss. Aber leider sei noch nicht klar, wie das mit dem 9-Euro-Ticket geregelt ist.

Das weiß noch niemand so richtig. Klar ist, dass die horrenden Preise an den Zapfsäulen nicht nur Pendler darüber nachdenken lassen, das Auto stehen zu lassen und auf den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) umzusteigen. Günstig fahren schon jetzt die Nutzer von Verkehrsverbünden - zum Beispiel im Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN).

Viele oberfränkische Landkreise gehören dem VGN bereits an - Kulmbach jedoch nicht. Hier wird seit Jahren diskutiert und verhandelt. Beschleunigen die gestiegenen Energiekosten die Beitrittsverhandlungen?

Sicher ist zunächst einmal: Die Energiekosten und hohen Treibstoffpreise werden am Kulmbacher Beitrittszeitpunkt zum VGN nichts ändern, wie VGN-Pressesprecher Manfred Rupp erklärt. Denn für den Beitritt und die daraus resultierenden Kosten seien umfangreiche, komplizierte Berechnungen erforderlich. "Das geht alles seinen normalen Gang. Es ist ein in sich geschlossener Prozess und ein unabhängiges Verfahren von der politischen Situation", so Rupp. Angepeilt sei derzeit der Kulmbacher Anschluss an den Verkehrsverbund Großraum Nürnberg zum 1. Januar 2024.

Wenn die notwendigen Daten zusammengetragen und die Berechnungen abgeschlossen sind, werden die Zahlen den politischen Gremien der Erweiterungskandidaten zur Entscheidung vorgelegt. Das wird laut VGN-Pressesprecher Rupp voraussichtlich im Frühjahr 2023 der Fall sein. Dann müsse man in Kulmbach den entsprechenden Beschluss fassen. Analog dazu erfolge der Beschluss des VGN im Sommer 2023.

Während hier das Vorgehen klar ist, sieht es beim geplanten 9-Euro-Ticket noch ganz anders aus. Mit diesem Ticket soll jeder für neun Euro pro Monat drei Monate lang öffentliche Verkehrsmittel nutzen können. Da herrsche noch weitgehende Unklarheit - und zwar in allen Belangen. "Im Moment können wir noch nichts sagen, nachdem das Ticket am grünen Tisch vom Koalitionsausschuss beschlossen worden ist", erklärt Rupp. Es wisse niemand, ob es sich um eine bundesweit einheitliche Regelung handelt, ob es für die jeweiligen Länder oder Verkehrsverbünde gilt. Hinzu komme noch der Umstand, dass es gerade in Bayern noch große Gebiete gibt, die keinem Verkehrsverbund angeschlossen seien.

Laut Rupp müssten also erst einmal die Rahmenbedingungen festgelegt und die Eckpunkte für die Einführung des Tickets geklärt werden. Selbst der Zeitpunkt, ab dem das 9-Euro-Ticket gelten soll, stehe noch nicht fest. Hier seien der 1. Mai und der 1. Juni im Gespräch.

So wie der VGN weiß auch der Landkreis Kulmbach noch nicht, wie das 9-Euro-Ticket umgesetzt werden soll. Die Behörde kann nur auf eine Mitteilung verweisen, wonach Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter von einem Schnellschuss spricht und erklärt: "Wir brauchen eine dauerhafte und langfristige Stärkung des ÖPNV und keine Lockangebote, von denen die Pendler im ländlichen Raum kaum profitieren." Unausgegoren ist für Bernreiter auch die mögliche Beschränkung des vergünstigten Tickets auf einzelne Verkehrsverbünde. "Wir haben im ländlichen Raum Pendler, die weit über 60, teilweise sogar 100 Kilometer in die Arbeit fahren. Denen hilft ,9 für 90' praktisch nichts. Der Bund hat hier ein Paket geschnürt, das vor allem den Menschen in den Städten hilft, aber die Menschen im ländlichen Raum schauen in die Röhre."

So wie möglicherweise Kulmbach. Denn laut Landratsamt ist der VGN-Beitritt wie alle weiteren Verbundraumerweiterungen in Bayern so ausgelegt, dass die Kostenermittlung und die Förderbescheide bis 31. Dezember 2023 erfolgen sollen.

Nichtsdestotrotz habe der Landkreis den Nahverkehrsplan von 2018 in den vergangenen Jahren so schnell umgesetzt, dass 90 Prozent der festgelegten ÖPNV-Maßnahmen realisiert wurden, heißt es aus der Behörde. Das umfasst die Neuregelung des Stadtbusverkehrs, die Neu-Vergabe und Sicherung fast aller Regional- und Linienverkehre und die Ausweitung des Bedarfsverkehrs (Variobus Kulmbach).

Wie wichtig das dem Landkreis ist, zeigt sich auch auf der Ausgabenseite: 100 Prozent mehr gegenüber dem Ausbaubeginn 2019/2020. 930.000 Euro sind im Haushalt 2022 jetzt für den ÖPNV eingeplant.