Der Angeklagte sitzt äußerlich unbewegt auf seinem Stuhl im Schwurgerichtssaal des Bayreuther Landgerichts. Korrekt gekleidet mit Anzug und Krawatte, schweigt er beharrlich, was sein Recht ist. Auch am dritten Prozesstag sagt er nichts zu den schweren Vorwürfen gegen ihn: Er soll seine Tochter, seine Ex-Frau und die beiden Enkelinnen sexuell missbraucht und vergewaltigt haben.

Weil die Strafkammer den schweren Weg gehen und jeden Anklagevorwurf detailliert aufrollen muss, wird richtig schmutzige Wäsche gewaschen. Neben der Tochter (48) belastet die Ex-Frau den Angeklagten ebenfalls schwer.


Mit offener Hose reingekommen

Die 69-Jährige, die dem Prozess als Nebenklägerin beigetreten ist, beschreibt am Dienstag deutlich und klar, dass sie 2010 selbst Opfer ihres Ex-Mannes geworden ist - bei einem sexuellen Übergriff in ihrer eigenen Wohnung. "Er ist reingekommen und hatte seine Hose schon auf", sagt sie. "Ich habe ihn beschimpft, aber mir fehlte die Kraft, mich zu wehren."

Im Gegensatz zu seinem Mandanten gibt sich Verteidiger Johann Schwenn, der auch Gregor Gysi, Jan Ullrich oder TV-Wettermoderator Jörg Kachelmann bei dessen Vergewaltigungsprozess vertreten hat, ziemlich angriffslustig. Er rückt schon mal das Mobiliar im Gerichtssaal zurecht, damit er den Zeugen bei ihrer Aussage ins Gesicht sehen kann.

Der Staranwalt aus Hamburg versucht, die Glaubwürdigkeit der Belastungszeuginnen zu erschüttern. Als die Tochter bei ihrer Aussage Übelkeit und Kreislaufprobleme geltend macht, stellt er in den Raum, dass es sich auch um einen Inszenierung handeln könnte. Die Ex-Frau konfrontiert er mit 30 Jahre alten Zeitungsartikeln, in denen von Betrugsvorwürfen gegen sie die Rede ist.


"Quatschen Sie nicht dazwischen"

Mitunter wird der Ton im Gerichtssaal schärfer. Schwenn attackiert die Rechtsbeistände der Nebenklägerinnen. "Quatschen Sie nicht immer dazwischen, wenn ich rede", herrscht er Rechtsanwältin Kristina von Imhoff, Coburg, an oder mutmaßt, dass Rechtsanwalt Ulrich Bambor, Dortmund, nichts verstehe. "Unverschämt", wehrt sich Bambor. Aber Vorsitzender Richter Michael Eckstein bremst Schwenn ein und erklärt ihm unter anderem, dass er die Anwältin unterbrochen habe.

Dass sich am Montag der Ehemann der Hauptbelastungszeugin, der selbst kein Prozessbeteiligter ist, vor der Presse zu Wort gemeldet und alle Vorwürfe zurückgewiesen hat, spielt vor Gericht keine Rolle. Auf Nachfrage des Verteidigers wiederholt die 47-Jährige jedoch die Vorwürfe gegen ihren Mann, von dem sie getrennt lebt. "Ich werde nichts mehr verschweigen", sagt sie.

Der Ehemann habe sie dreimal vergewaltigt, erklärt die Zeugin. Sie schildert einen Vorfall aus dem Jahr 2010, ist dann offenbar aber nicht in der Lage, weitere Angaben zu machen. Sie kämpft mit den Tränen und sagt: "Mir geht es nicht gut. Ich habe das Bild vor mir, dass er mir wehtut." Der Vorsitzende entscheidet, dass die Frau nächste Woche weiter vernommen wird.


Zeugin macht sich Vorwürfe

Ihre Mutter wirkt vor Gericht wesentlich gefasster und resoluter. Nach ihrer Schilderung des Vorfalls von 2010 - Verteidiger Schwenn verzichtet auf Fragen "zu diesem angeblichen Geschehen" - beschreibt sie ihren Ex-Mann als Grapscher, der ständig fremdgegangen sei und sogar seiner eigenen Mutter unter den Rock gefasst habe. Bei der Scheidung 1977 sei ihm die Schuld angelastet worden, er habe aber ein Umgangsrecht mit der Tochter erhalten. Das Mädchen, an dem er sich schon im Kindesalter vergangen haben soll, sei von Besuchen beim Vater völlig verstört zurückgekommen. Im Nachhinein, so die Ex-Frau, mache sie sich selbst große Vorwürfe: "Ich musste arbeiten gehen und habe nicht gemerkt, dass sie Hilfe gebraucht hätte."

Die Zeugin will auch die zwei Schwiegersöhne vor ihrem Ex-Mann gewarnt haben, damit sie auf die Enkelinnen aufpassen: "Er kann seine Finger nicht bei sich behalten." Als sie Mitte 2014 von dessen Verhaftung und von den Gründen erfahren hat, habe sie ihn ebenfalls angezeigt. Ihre Enkelin habe ihr damals von den Übergriffen des Großvaters berichtet - gegen seine eigene Tochter und gegen deren beide Töchter. "Wir haben dagesessen und nur geheult", so die Ex-Frau.


Warum ging keiner zur Polizei?

Was nicht nur Prozessbeobachter verwundert: Wenn die Ex-Frau und deren Tochter sowie die Schwiegersöhne gewusst oder geahnt haben, was der Angeklagte für ein Mensch ist und dass auch die Enkelinnen nicht vor ihm sicher sind, warum haben sie dann so lange - über Jahre und Jahrzehnte - zugeschaut? Beisitzender Richter Yves Döll und Staatsanwalt Daniel Götz stellen konkret die Frage: Warum ist keiner zur Polizei gegangen? Mutter und Tochter haben nur eine Antwort: Sie hätten sich nicht getraut, sie hätten die Familie oder die Ehe retten wollen.

Der Prozess wird nächsten Dienstag fortgesetzt. Das Urteil ist im Dezember zu erwarten.