Alfred Vießmann ist glücklich. Jahrzehntelang hat er sich für den Bau der Umgehung eingesetzt, dafür gekämpft, dass der Verkehr aus dem Ort herauskommt. Donnerstag war es soweit: Um Punkt 10.20 Uhr wurde die Ortsumgehung Untersteinach den Verkehr freigegeben.

Bis zu 15 000 Fahrzeuge (davon etwa 1000 Lkw) fuhren Tag für Tag auf der B 289 durch den Ort, rumpelten direkt am Anwesen des 81-Jährigen vorbei. "Unser Schlafzimmer ist nur einen Meter von der Dorfautobahn weg", sagte Vießmann, der nun auf ruhige Nächte hofft.

Und dafür sieht es gut aus. Der erste Eindruck am Nachmittag in seinem Haus war: "Der Verkehr ist weg, es ist absolute Ruhe eingekehrt." Auch der Lärmschutz wirke: "Man hört auch draußen gar nichts. Mal sehen, wie es im Sommer ist."

Seit den 70er Jahren setzte er sich für den Bau der Umgehung ein, "mein Kampf dauerte 50 Jahre". Umso mehr war der gestrige Donnerstag nicht nur für ihn "ein Glückstag".

Auch viele weitere Anlieger der Straße würden sich auf die Ruhe freuen, betonte Bürgermeister Volker Schmiechen (SPD), der daran erinnerte, dass der erste Bauentwurf für die Umgehung bereits auf den 24. Juli 1970 datiert sei.

Er würdigte die "filigrane" Brücke und freute sich, dass "kein Klotz" in das Tal gestellt wurde. Er wisse auch um die Belange des Naturschutzes, sagte Schmiechen, aber die Bürger entlang der Hauptstraße hätten die Entlastung verdient. Nun werde man die Dorferneuerung anstreben und die Hauptstraße zurückbauen.

Im kommenden Jahr werden noch eine weitere Anschlussstelle im Westen von Untersteinach sowie eine etwa 200 Meter lange Lärmschutzwand errichtet. "Der durchgängige Lärmschutz war ganz wichtig."

Schmiechen freute sich zudem über ein Geschenk des Staatlichen Bauamts Bayreuth: eine Bronzefigur in Form eines Greifs, des Wappenvogels der Gemeinde. Die Figur steht am Ende der Brücke und soll ein Dank für das Verständnis und die Geduld der Anwohner und der Kommune sein.

Von einem Tag der Freude sprach Altbürgermeister Heinz Burges. "Wir haben lange gekämpft, aber der Kampf hat sich gelohnt." Vor allem für die 200 bis 300 Anlieger der Straße. Dass der Bau der Umgehung auf großes Interesse gestoßen sei, hätten die sonntäglichen "Völkerwanderungen" auf der Straße gezeigt.

Eine Kämpferin für die Umgehung war auch CSU-Bundestagsabgeordnete Emmi Zeulner. Die Verkehrsfreigabe bezeichnete sie als "einen Moment, auf den viele gewartet haben und für den ich mich seit Beginn meiner Arbeit für den Wahlkreis eingesetzt habe". Sie nannte die Umgehung ein Infrastrukturprojekt zur Stärkung des ländlichen Raums.

Der Blick der Abgeordneten richtet sich aber schon in die Zukunft: auf die benachbarte Ortsumfahrung von Kauerndorf. Diese Umfahrung mit dem 700 Meter langen Tunnel stelle den Lückenschluss zwischen Kulmbach und der Untersteinacher Umgehung dar.

Es gibt auch kritische Stimmen

Doch nicht alle sind von der neuen Umgehung begeistert - so wie der Bund Naturschutz. Der Vorsitzende der Kreisgruppe Kulmbach, Karlheinz Vollrath, sprach von einem "Paradebeispiel für verfehlte Verkehrspolitik". Das schöne Tal sei ruiniert, die Verkehrsproblematik mit der Umgehung nicht gelöst worden: "Weil es weiterhin einen gewissen Anteil innerörtlichen Verkehrs geben wird." Es würden zwar Bürger entlastet, dafür andere aber durch die neue Straße belastet. Auch der Gestaltung der Brücke kann er nicht viel abgewinnen. "Ich kann nicht sagen, dass das Bauwerk so schön ist. Ich finde die ganze Ansicht schlimm."

Drei Kauerndorfer machten sich zusammen mit dem früheren Zweiten Bürgermeister der Gemeinde Ködnitz, Hermann Popp, in den Morgenstunden auf, um bei der Eröffnung der Ortsumfahrung von Untersteinach auch auf die Situation in ihrem Ort aufmerksam zu machen. Dazu hatten sie auf ihren Traktoren Plakate angebracht.

Zugleich erinnerten sie an den vor wenigen Tagen verstorbenen Sprecher der Kauerndorfer Bürgerinitiative, Reinhold Dippold, der sich zusammen mit der CSU-Bundestagabgeordneten Emmi Zeulner erfolgreich für die Tunnellösung in Kauerndorf eingesetzt hatte. Hermann Popp hatte mit Manfred Hahn, Gerhard Wehner und Stefan Dippold weitere Verbündete gefunden, die sich gegen 9 Uhr mit ihren Traktoren auf den Weg nach Untersteinach machten - und das bei nicht gerade angenehmen Temperaturen.

Das erste Urteil

Das erste Urteil für die neue Umgehung einschließlich der Talbrücke kam aus dem Munde von Hermann Popp: "Sie ist super, hat gehalten und lässt sich schön fahren!"

Nachdem Corona-bedingt kein offizieller Akt zur Freigabe der Ortsumfahrung von Untersteinach stattgefunden hatte, hatte die Truppe um Hermann Popp überlegt, doch "was zu machen". Ziel der Aktion sei es, daran zu erinnern, dass es in Kauerndorf mit dem Umgehungsbau weitergehen soll.

"Wir wollten damit unserem Reinhold das Andenken bewahren, der ja so viel für uns in Kauerndorf, aber auch für die Umgehung von Untersteinach getan hat. Unter seiner Führung haben wir Kauerndorfer für Untersteinach mit gekämpft, weil wir wussten, ohne Untersteinach geht auch bei uns nichts."

Emotionales Erlebnis

Für Stefan Dippold, den Sohn des Verstorbenen, war die Fahrt nach Untersteinach auf der neuen Ortsumfahrung ein emotionales Erlebnis: "Ich wollte dabei sein, weil es ein Andenken an meinen Vater ist.

Auch wenn die Ortsumfahrung Untersteinach für den Verkehr freigegeben ist, ist das Projekt noch nicht abgeschlossen. Der Ort Untersteinach wird die nächsten Monate nur aus Richtung Ludwigschorgast/Stadtsteinach erreichbar sein.

Die Zufahrt aus Richtung Kulmbach ist gesperrt, weil dort noch Arbeiten für die zweite Anschlussstelle erforderlich sind.

Das bedeutet: Wer von Kulmbach nach Untersteinach fahren will, muss bis Ende Mai 2021 über die neue Umgehung fahren, um dann von Ludwigschorgast aus in den Ort zu gelangen.

Die Umgehung ist insgesamt rund 4,2 Kilometer lang, verläuft in einer Entfernung von rund 700 Metern von der jetzigen Ortsdurchfahrt und quert insgesamt zweimal das Schorgasttal. Zur Gestaltung der Brücken- und Galeriebauwerke in diesem landschaftlich sensiblen Bereich wurde bereits 2010 ein Realisierungswettbewerb durchgeführt.

Der Spatenstich erfolgte 2016, zwei Jahre später konnte der erste Bauabschnitt dem Verkehr übergeben werden.

Im kommenden Jahr werden noch eine weitere Anschlussstelle im Westen von Untersteinach und eine etwa 200 Meter lange Lärmschutzwand errichtet.

Rund 78 Millionen Euro investierte der Bund als Baulastträger in den Bau der Straße, der vom Staatlichen Bauamt Bayreuth koordiniert wurde.

Auf der Bundesstraße fuhren zuletzt pro Tag bis zu 15 000 Fahrzeuge durch die Ortschaft, davon knapp 1000 Lkw. Durch diese große Verkehrsbelastung wurde die Bundesstraße zu einer schwer überwindbaren Barriere quer durch den Ort, die für Fußgänger kaum gefahrlos zu überqueren war.

Sogar Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer gratulierte in einer Pressemitteilung: "Der Bund hat Wort gehalten: großer Nutzen für die Region und eine hohe Investition. Das ist unser Dafür-Versprechen: für Infrastruktur, für Entlastung, für Leistungsfähigkeit."