Das ist die Krönung eines sensationellen Jahres für Merlin Hummel: Der Hammerwerfer des UAC Kulmbach wurde zum besten männlichen Nachwuchs-Athleten Deutschlands gekürt. Die frohe Kunde des Deutschen Leichtathletik-Verbands hat Merlin zunächst "schon etwas überrascht". Die Auszeichnung findet er aber natürlich "super geil" und "einen Motivationsschub, um 2021 noch mal was draufzulegen." Etwas gefeiert hat der 18-Jährige bereits - "natürlich Corona-korrekt", wie er sagt.

Normalerweise werden Deutschlands Leichtathleten vom Publikum gewählt. Angesichts der wenigen Wettkämpfe in diesem Jahr entschied der Deutsche Leichtathletik-Verband, "die wertvollsten Leistungen im Corona-Jahr 2020" von einer Fachjury küren zu lassen. Und diese kam in der Nachwuchswertung am "Bären aus Burghaig" nicht vorbei. Denn der Modellathlet wurde heuer nicht nur Deutscher Junioren-Meister im Hammerwerfen, sondern auch Vizemeister bei den Männern. "Er hat 2020 eine sehr starke Entwicklung genommen", lobt Bundestrainer Helge Zöllkau den Oberfranken.

Die Fachjury begründete ihre Wahl so: "Merlin Hummel ist ein rundum bemerkenswerter Athlet, der seine Ziele konsequent verfolgt und widrige Umstände ausblenden kann." Die Preisverleihung soll nach der Corona-Pandemie erfolgen. Dann trifft Merlin Hummel auch sein Vorbild Johannes Vetter, den Speerwurf-Weltmeister von 2017, der neben Malaika Mihambo die Erwachsenen-Kategorie gewann.

Erstmals hatte sich Merlin 2019 ins Rampenlicht geworfen. Bei den Olympischen Jugend-Spielen in Baku (Aserbaidschan) holte sich der Kulmbacher die Silbermedaille. Im Januar 2020 sicherte sich Merlin den Titel eines deutschen Winterwurf-Meisters bei den Junioren.

Training auf dem Acker

Dann kam Corona und schränkte die Trainingsmöglichkeiten der Werfergruppe von Martin Ständner gewaltig ein. Die Sporthalle in Ziegelhütten und das Wurfgelände in der Stadtsteinacher Au wurden geschlossen. Improvisationstalent war gefragt. In seiner Not fragte Merlin Hummel einen Bauern in seiner Nachbarschaft, ob er denn auf seinem Feld trainieren dürfe. Er durfte, und schleuderte die Sportgeräte fortan über den Acker. Die Auszeichnung des Deutschen Leichtathletik-Verbandes sieht Merlin Hummel deshalb auch als "eine Belohnung für den Aufwand".

Trotz der suboptimalen Trainingsbedingungen qualifizierte sich Hummel für die Deutsche Meisterschaft der Männer in Braunschweig. Dort schleuderte er Anfang August den 7,26 Kilogramm schweren Hammer auf starke 70,54 Meter und lag bis zum letzten Wurf des Wettkampfes auf Goldkurs. Doch dann gelang dem zehn Jahre älteren Allgäuer Tristan Schwandke (TV Hindelang) noch die Siegerweite von 72,23 Metern. "Es war ein spannender Wettkampf und eine klasse Atmosphäre, ganz anders als bei normalen Dorfwettkämpfen, auch wenn keine Zuschauer zugelassen waren", blickt Hummel zurück.

Bis zur Deutschen Meisterschaft der U20 im September in Heilbronn konnte Merlin sein Leistungsvermögen "noch einmal steigern", wie er sagt. Dass er in dieser Altersklasse nicht zu schlagen sein würde, war klar. Doch "nur" mit Gold wollte er sich nicht zufriedengeben, sondern auch den fünf Jahre alte deutschen U20-Rekord von Alexej Mikhailov (79,96 Meter) knacken. Am Ende fehlten dem Kulmbacher nur 22 Zentimeter - 2021 will er sich die Bestleistung endlich sichern. In der Jahres-Weltrangliste der U20 liegt Hummel mit seiner Bestmarke auf Platz 2.

Jetzt wird Kraft gebolzt

Nach acht Wochen Grundlagentraining sind Merlin Hummel und sein Trainer Martin Ständner in die Phase "Maximalkraft-Training" eingestiegen. "Knapp die Hälfte des Trainings in Stadtsteinach oder Ziegelhütten wird mit Hanteln absolviert." Vom coronabedingten Trainingsverbot ist Merlin als Mitglied des Jugend-Nationalkaders ausgenommen. "Ich bin dankbar, dass der Staat eine Ausnahme für mich macht", sagt Merlin, den die Schinderei keineswegs nervt, sondern "viel Spaß macht". Er sagt: "Ich stehe voll im Saft."

Die Ziele für 2021

In einem halben Jahr stehen in Tokio die Olympischen Spiele an. Schreibt Merlin Hummel als allererster Kulmbacher Olympionike Geschichte? Doch zur Qualifikationsnorm (77,50 Meter), die bislang 32 Werfer der Welt geschafft haben, fehlen dem knapp 19-Jährigen noch rund sieben Meter. Deshalb wiegelt Merlin auch ab: "Olympia habe ich überhaupt noch nicht im Fokus, Tokio sollte das Ziel von Tristan Schwandke sein." Der Kulmbacher möchte lieber bei der Jugend-Weltmeisterschaft in Nairobi (Kenia) im August um eine Medaille kämpfen, als bei den Olympischen Spielen "nur dabei zu sein". Denn Merlin Hummel weiß, dass er noch Zeit hat: "In vier Jahren sind auch noch Olympische Spiele."

Das sieht auch Martin Ständner so, der aus Rücksicht auf die Gesundheit seiner Talente immer einen behutsamen Karriereaufbau propagiert: "Werfer kommen erst mit Ende 20 in ihr Hochleistungsalter. Merlin trainiert derzeit fünf Mal die Woche, andere in seinem Alter schon zwölf Mal." Ständner hält das für falsch, will den Nachwuchssportler nicht verheizen. "So lange Merlin weiter Fortschritte macht, werden wir das Pensum nicht erhöhen."

Merlin ist bescheiden

Seine Ziele für 2021 formuliert Merlin Hummel bescheiden: "Ich möchte an meine Leistung aus diesem Jahr wieder herankommen und vor allem gesund bleiben - egal, was das Virus macht."

Nicht der erste Kulmbacher

Merlin Hummel ist nicht der erste Kulmbacher, der zum besten Nachwuchs-Leichtathleten gekürt wurde. 2008 wurde die Auszeichnung Kai Grüner zuteil. Der damals 17-Jährige war ein Wurf-Multitalent. Bei der Deutschen Jugendmeisterschaft gewann er mit dem Diskus (59,17) dem Hammer (65,35) Gold, im Kugelstoßen wurde er Zweiter. Doch nur eineinhalb Jahre später beendete Grüner seine hoffnungsvolle Leichtathletik-Karriere. Martin Ständner selbst wurde bereits mehrmals als Bayerns Nachwuchs-Trainer des Jahres ausgezeichnet.