Dort erleben Sie im Unteren Schlosshof "Shakespeares sämtliche Werke... leicht gekürzt", tun etwas für Ihr Bildungsniveau und werden dabei köstlich unterhalten.

Die zweiten Thurnauer Schossfestspiele starteten am Sonntagabend mit einer komödiantischen Parodie sämtlicher Bühnenstücke des englischen Dichters, der vor 450 Jahren lebte und dessen Werke zu den bedeutendsten und am meisten aufgeführten und verfilmten Bühnenstücken der Weltliteratur zählen.


Ein kongeniales Trio


Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield haben in den 1980er Jahren die Köpfe zusammen gesteckt und sämtliche Bühnenstücke auf 90 Minuten zusammengedrängelt. Für Thurnau hat Nico Jilka (Regie, Chef der Schauspielmanufaktur in Nördlingen) das Ganze noch mehr feingeschliffen und zusammen mit Christian Johannsen und Holger Zessner als kongeniales Team auf die Bühne gebracht.

Zum Auftakt Romeo und Julia. Wer sich nicht mehr so ganz erinnert: Das ist die Geschichte, in der sich zwei Familien nicht grün sind und sich anpöbeln, wie das halt so im Assi-Ghetto geht. Deren Kinder haben sich aber unsterblich - am Ende aber doch sterblich - verliebt. Die etwas blöde wie ebenso blondgezopfte pummelige Julia steigt dann zu einer Balkonszene auf eine Stehleiter, wo ihr Romeo nachsteigt und versucht, sich ihr aufzudrängen. Dann fällt Julia ganz dramatisch um und scheint tot zu sein. Romeo ist verzweifelt, trinkt Gift und ist tot; Julia bemerkt den verblichenen Geliebten, lutscht den letzten Rest aus der Giftflasche und fällt auch tot über ihn. Das ganze Leid ist aber so nach vier Minuten ausgestanden.


Anschaulich und zeitgemäß


Das Drei-Mann-Ensemble diskutiert noch mal schnell über die dann folgenden Stücke (das erspart die Ansage derselben). Wobei das Publikum manchmal arrogant belehrt und manchmal als halbwissend niedergemacht wird. Shakespeare-Originaltext gibt es dann zwar nur in kleinen Passagen, aber mit Rücksicht auf die literarisch nicht ganz so Versierten ganz anschaulich und zeitgemäß: Othello als Operndivo, soweit er mit botox-aufgespritzten Lippen überhaupt reden kann; Macbeth als bayerisch-fränkisch-schwäbischen Streit, Julius Caesar kommt tuntig daher, Cleopatra wird von einer wabbeligen Gummischlange in die Lippe gebissen.

Sämtliche Komödien kann man dann auf die Schnelle als Faschings-Klamauk erleben. Der blutrünstige Titus Andronicus wird mit Musik von Rammstein angekündigt und mordet, was ihm über den Weg kommt. Sämtliche Königsdramen sind ein Fußballspiel: die Könige des Sports kündigt Händels Coronation Anthem an, und es endet zum Fan-Gegröhle "Es müssen Köpfe roll'n" als vollendet in Zeitlupe vorgeführtes Foul.


Als Hamlet bockt, ist Pause


Schließlich der "Hamlet": Shakespeares, wie man wissen muss, bedeutendstes Werk. Holger Zessner ist das egal: zu viel Text. Er bockt und weigert sich - Pause.

Fürchterlich bläkend muss er nach der Pause mit einem Strick um den Hals auf die Bühne geschleppt werden. Also doch noch: Hamlet - ein zerzaust langhaarig blonder verzogener Königsohn - vergiftet Vater, vergiftet Mutter namens Ophelia, die schreit und wird dann tot mit fürchterlichem Flennen herumgetragen.

Und nun wird es ganz modern: Holger Zessner interpretiert mit soziokulturellem, psychosozial-esoterischem und langatmigem Geschwafel die Zerrissenheit des Charakters Hamlets aus der Sicht von Sigmund Freud nebst Möchtegern-Jüngern. Um das Gelernte im Publikum zu festigen folgt nun ein Workshop Theater.


Publikum wird eingebunden


Im Abriss: Publikum A links, B Mitte und C rechts lernt und übt szenische Bewegung, lernt und übt Text; A, B und C führen anschließend das Erlernte sich selbst vor. Dann erste Reihe: eine Frau muss freiwillig auf die Bühne, lernt zu schreien: "Nein!" Eine zweite Frau, genauso freiwillig auf die Bühne: muss hin und her rennen wie Davonlaufen. Der Rest der ersten Reihe: La-Ola-Welle üben; wer nicht gleich mitmacht: Einzelübung, bis es klappt. Und nun alles Zusammen: La-Ola-Welle, Frau schreit, Frau rennt, das ganze nach links, dann nach rechts, dann alles noch einmal.

Den Besuchern der weiteren Vorstellungen - sollten sie die Absicht haben, sich in der ersten Reihe niederzulassen - sei deshalb vorsorglich empfohlen, bequeme Oberbekleidung (zwecks La-Ola-Welle) zu tragen, den Damen des Weiteren, möglichst auf hohe Absätze zugunsten von Turnschuhen zu verzichten, sollten sie die Auserwählte sein, die über die Bühne gescheucht wird.


Monolog als Höhepunkt


Und schließlich der Höhepunkt des Abends: Der große Hamlet-Monolog "Sein oder nicht..." Nico Jilka braucht für dieses Glanzstück der Dichtung Konzentration. Also Ruhe bitte und nochmal "Sein oder nicht sein, das ist die Frage" Starrt den Gummischädel an, wie war das noch? Egal, ebenso berühmt und vortragenswürdig ist eine andere Passage aus Hamlet: "Der Rest ist Schweigen."

Weniger von großer Literatur berührt als umso blendender unterhalten spendeten die Zuschauer den sichtbar ausgelaugten Schauspielern großen Beifall.