Seit rund 20 Jahren leidet Rolf Täuber unter Ohrgeräuschen. "Ich wusste anfangs gar nicht, was das ist. Bei mir ist es ein Rauschen. Ein Rauschen auf beiden Ohren, das nie aufhört", sagt der 56-Jährige, der beim Tinnitus-Treffen in Rugendorf offen über seine Krankheit spricht. Es sind Geräusche, die nur er wahrnehmen kann. Dabei handelt es sich laut Täuber nicht um ein angenehmes, ruhiges Rauschen, wie es etwa das Rauschen von Wasser sein kann, sondern um "ein nervtötendes Rauschen", das ihm das Leben schwer macht.

Das Geräusch ist Tag und Nacht da. Tagsüber raubt es dem 56-Jährigen den letzten Nerv. Es macht es ihm schwer, soziale Kontakte zu knüpfen. Rolf Täuber kann nicht einfach so ein Gespräch mitverfolgen, er muss sich voll konzentrieren. Nachts kann er nicht schlafen. "Man muss erst lernen, trotz des Geräusches einzuschlafen", schildert er eine weitere Folge einer Krankheit, die offiziell immer noch nicht als solche anerkannt ist. Dabei trägt Täuber inzwischen ein Hörgerät. Die Ärzte haben eine Hörminderung von 35 Prozent diagnostiziert.

Kaum in Worte zu fassen

"Je nach körperlicher und psychischer Verfassung verändert sich das Rauschen", versucht er sein Leiden in Worte zu fassen ist. Beim 56-Jährigen ist es ein Rauschen, andere Tinnitus-Betroffene sprechen von einem hohen Pfeifton, von Piepsen, Fiepen oder anderen Klängen, die sich manchmal sogar verändern können.
"Durch Tinnitus verändert sich alles. Auch der Umgang zu Menschen", berichtet Täuber, der herausgefunden hat, dass ihm das Entspannen am Wasser, dort, wo ein natürliches Rauschen vorhanden ist, hilft. "Das beruhigt."

Seit 20 Jahren leidet er unter dem ständigen Ohrgeräusch. In den Anfangsjahren sei er mit der Belastung nicht klar gekommen, habe mit seinem Leben abgeschlossen gehabt. "Ich konnte nicht mehr", sagt der 56-Jährige, der sich zurückgezogen hat, an starken Depressionen litt, sich das Leben nehmen wollte. Mittlerweile hat er das Tief überwunden - mit viel Kraft und dank medizinischer Hilfe.

Seit acht Jahren arbeitsunfähig

Seit acht Jahren ist er arbeitsunfähig. Noch immer dauert der Kampf mit der Sozialversicherung an. Denn Rente bekommt er nicht. "Bis heute ist Tinnitus nicht als Krankheit anerkannt, sondern nur als Symptom", weiß der Mann, der nicht wegen Tinnitus, sondern wegen seiner Depressionen arbeitsunfähig ist. "Ich war bis zum Jahre 2004 als Außendienstler bei einer Versicherung tätig, davor Werkzeugbauer. Ich könnte diese Berufe nicht mehr ausüben. Nur, weil ich mich privat abgesichert habe, kann ich überhaupt existieren."

Bis heute kämpft er um die Berentung. Der Umgang mit der Sozialversicherung und den Behörden ist auch das Thema, über das Michael Bergmann beim Treffen der Tinnitus-Gruppe Kulmbach im Haus der Jugend in Rugendorf referiert. Denn die Tatsache, dass Tinnitus nur ein Symptom ist, nicht als Krankheit anerkannt ist, ist ein großes Problem. "Die Betroffenen sind auf sich alleine gestellt", erklärt Bergmann.

Die Selbsthilfegruppe

"Wir kämpfen im Vorstand der Tinnitus-Liga darum, dass chronischer Tinnitus als Krankheit anerkannt wird und dass sich die Situation verbessert", betont Herbert Rösch von der Tinnitus-Selbsthilfegruppe. Auch Rösch, der aus Rugendorf kommt, leidet seit vielen Jahrzehnten unter Tinnitus. "Bei mir war es so schlimm, dass ich mir 1995 das Leben nehmen wollte", berichtet der 59-Jährige, der in der Klinik in Bad Arolsen Hilfe fand. Dort habe man ihn langsam ins Leben zurückgeholt, sagt Rösch, der 1996 die Tinnitusgruppe Kulmbach gegründet hat. Die Aussichten auf Besserung oder Heilung stünden gut, "wenn die Betroffenen es schaffen, durch Behandlung, gesunde Lebensführung, positives Denken, Entspannung und soziale Kontakte den Tinnitus zu überwinden". Deshalb sei die Selbsthilfegruppe wichtig. "Wissenschaftler haben erwiesen, dass Mitglieder der Deutschen Tinnitus-Liga eine bis zu sieben Mal höhere Besserungschance haben als Nichtmitglieder", so Rösch.

Experten waren zu Gast

Beim Treffen in Rugendorf sind der Präsident der Deutschen Tinnitus-Liga, Volker Albert, und Gerhard Goebel aus Prien am Chiemsee zu Gast. Goebel ist Professor für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde und war selbst von Tinnitus betroffen. "Ja, ich war", sagt Professor Goebel.

Er habe es geschafft, den Tinnitus loszuwerden. "Bei mir war es ein sehr hohes Pfeifen", berichtet Goebel, der mitteilt, dass 17 Millionen Deutsche irgendein Hörgeräusch haben. "Bei ungefähr fünf bis zehn Prozent ist es so schlimm, dass man fast von einer Krankheit sprechen könnte", so der Professor für Ohrenheilkunde.