Auf dieser Schnellstraße in die Hölle swingt es. Kein Hartmetall wummert, auch wenn AC/DC ihren "Highway to hell" ursprünglich mit Riffs aus E-Klampfen asphaltiert haben. "pik10" drehen zwar nicht am Tacho des Titels, wohl aber an der Instrumentierung. Der Schlagzeuger taktet dezent auf dem Ridebecken die Geschwindigkeit ein; die Bläserabteilung, sechs Mann hoch, klarinettet und posaunt sich durch die Hammer-Nummer, während die Sopranistin zur filigranen Klangunterlage den Text mehr haucht als singt - und schon gar nicht guttural hinausschreit wie Brian Johnson.

Wer sich das orchestrale Arrangement des Hardrock-Klassikers anhört, dem purzeln die Gedanken wie in einer Lostrommel durcheinander: Der Wiedererkennungswert möchte zu gern die Oberhand gewinnen - und doch hakt es unter der Kalotte, denn AC/DC wird plötzlich verwertbar für, genau: Standardtänzer! So als hätten sich Angus Young und Glenn Miller zum gemeinsamen
Gig getroffen und ein wenig geschwoft.



Schlagzeuger aus Kulmbach
Die beiden Verursacher dieser Melange lassen sich nicht auf einen Rhythmus, nicht auf einen Musikstil allein festlegen: Karsten Friedrich, studierter Schlagzeuger aus Kulmbach und mittlerweile von den Trommelfellen zu den Tasten am Piano gewechselt, und Peter Übelmesser, Bayreuther und ein Meister am Saxophon. Die Profimusiker haben sich 2009 überlegt, wie sich der Big-Band-Sound in die modernen Zeiten transformieren lässt. Alle Titel - von Frank Sinatra und Benny Goodman über Bruno Mars und Michael Jackson bis Abba - sind unter dieser einen Prämisse abgeklopft: "Dass wir sie mit dem Orchester als qualitativ hochwertige Tanzmusik spielen können", sagt Karsten Friedrich.

Ob es dafür in der Zeit von Cover-Gedudel, Schlagerseligkeit und Download-Mucke überhaupt einen Markt gibt? "Die Frage haben wir uns anfangs wirklich gestellt", sagt Peter Übelmesser. Jetzt, im fünften Jahr des Bestehens, bleibt als Zwischenbilanz: "pik10" hat sich eine feste Fangemeinde erspielt, die von Hof bis Nürnberg reicht. Mit Auftritten im ganzen Bundesgebiet.

Der Ritterschlag sozusagen folgt am 29. November, in Zürich beim "Polyball" an der Eidgenössisch-Technischen Hochschule (ETH). 10  000 Besucher werden erwartet zu Europas größter Tanzveranstaltung dieser Art, die es - jedenfalls laut Überlieferung - seit 130 Jahren gibt. In 16 Sälen, gemäß dem diesjährigen Motto "Tanz der Elemente" dekoriert, gastieren diverse Musiker und Gruppen.

Musikvideo hat überzeugt
"pik 10" spielen bei ihrer Premiere gleich im Hauptsaal. "Das ist natürlich der Knaller", sagt Peter Übelmesser. Er hatte die Bewerbungsmail an die Schweizer Veranstalter versendet. "Offenbar hat unser Musikvideo für uns gesprochen." Für Trompeter Sebastian Strempel wird es ein Déjà-vu: Er trat noch mit dem Orchester des großen Bandleaders Pepe Lienhard, der Haus-Kombo von Udo Jürgens, beim Polyball auf.

An diese Zeiten der großen Tanzorchester will "pik10" anknüpfen. "Unsere Auftritte bergen natürlich jede Menge Nostalgie", sagt Karsten Friedrich. Die zehnköpfige Formation aus Profimusikern kann diverse Stile bedienen: Rumba, Jive, ChaCha, Tango, Salsa und Discofox. "Wir können uns auf das Publikum einstellen." Peter Übelmesser kennt quasi beide Seiten: die der Musiker und der Tänzer. Er selber wurde mit seiner Partnerin Alexandra Groß im Juli dieses Jahres Bayerischer Meister im Standardtanz.



Die Arrangements zu vielen klassischen Stücken wie Henry Mancinis "Moonriver" im 200 Titel umfassenden Repertoire fielen dem gebürtigen Marktredwitzer vor 18 Jahren in Coburg in die Hände. "Ich habe dort Noten gekauft aus dem privaten Fundus eines Musikers, der am Landestheater arbeitete. Ein kleiner Teil der Blätter enthält Notationen von Fritz Mensching aus den 1960er-Jahren." Mensching ist eine Größe in der langen Geschichte deutscher Tanzmusik und arrangierte viele Jahre für das Tanzorchester von Studio Franken in Nürnberg. Dorthin holte ihn ein gewisser Peter Herbolzheimer, neben Bert Kaempfert, Hugo Strasser und Max Greger der wohl namhafteste Bandleader der Republik.

"pik10" haben sich in der Besetzung an klassische Bigband-Vorgaben angelehnt: Die Rhythmusgruppe bilden Piano, Schlagzeug und Bass. Hinter den schmucken Stuhldekoren mit der Pik-Spielkarte und der stilisierten 10, einem Tanzpaar nachempfunden, sitzt das Blech mit den Saxophonisten, Trompetern und Posaunisten. Wer in Zürich neben Karsten Friedrich den Gesangspart übernimmt, steht noch nicht fest. Auch sonst wechselt die Besetzung des öfteren durch. "Wir verfügen über ein umfassendes Reservoir an Musikern, mit denen wir unsere Auftritte bestreiten. Da es sich um lauter Profis handelt, können wir uns kurzfristig abstimmen und ohne Proben die Termine angehen", sagt Pianist Friedrich.

Für Aufnahmen im Tonstudio
Mit "pik10" spielen er und Kollege Übelmesser im Jahr etwa fünfzehn Auftritte. Den Großteil der Live-Gigs, 50 bis 60 an der Zahl, bestreiten die beiden zusammen mit zwei weiteren Musikern in der Formation "Barfly". Für Privatfeiern, Betriebsfeste, Abschlussfeten, aber auch Bälle kann das Quartett gebucht werden.

Für den "Polyball" aber, da muss es, dem Rahmen angemessen, die große Lösung sein. Zwischen 21 Uhr abends und 5 Uhr morgens - mit Unterbrechungen - kredenzt die Kulmbach-Bayreuther Kombo ihre Melange aus Quick-Step-Songs wie Richard Rodgers "The Lady is a tramp", Victor Lopez' "Mambo Hot", der den Groove schon im Namen trägt, und eben "Highway to hell" - als Jive. Somit auch tanzbar für jene, die bei AC/DC für gewöhnlich die Ohren verschließen und deren Füße nicht aufs Parkett drängen, sondern eher Richtung Ausgang. Wer sich anhören möchte, wie das klingt und nicht extra bis nach Zürich fahren will, der kann sich im Herbst "pik10" nach Hause holen: Das Orchester weilte jüngst zu Aufnahmen für eine CD im Tonstudio.

"Es werden Covernummern von bekannten Titeln sein, denen wir unseren ganz eigenen Anstrich verleihen", sagt Karsten Friedrich. Was genau drauf ist, ist noch ein Geheimnis. "Es macht uns Spaß, viele Genre zu probieren. Aber es gibt auch Stilistiken, die wir nicht bedienen. Sachen von Helene Fischer etwa bekommt man von uns nicht zu hören."

Die Schlagerspur führte dann wohl doch zu sehr auf die Straße in die Hölle ...