Die richtigen Fragen zu finden, das ist schwergefallen. Welche Worte wählt man, wenn man einem Mann gegenübersitzt, der mit seiner Ehefrau einen Schicksalsschlag verkraften muss, vor dem sich alle Eltern fürchten. Anna und Patrick Walther (29 und 33) haben ihr einziges Kind verloren - nicht durch eine Krankheit, sondern durch ein tragisches, auch heute noch unerklärliches Unglück: Ihr Sohn Paul (2) ist am 20. Juli 2021 unbemerkt aus dem Ludwigschorgaster Kindergarten gelangt und auf dem Nachbargrundstück in einem aus einem großen Fass gefertigten Wasserbecken ertrunken.

Kein Loch im Zaun

Wie er das Freigelände der Tagesstätte verlassen konnte, warum von den Erzieherinnen niemand Paul beobachtet und aufgehalten hat? Fragen, die auch neun Monate nach dem tragischen Ereignis nicht beantwortet sind und die vermutlich unbeantwortet bleiben. Bei den polizeilichen Ermittlungen wurde kein Loch im Zaun gefunden, durch das sich Paul hätte hindurchzwängen können. Es gibt auch keine Spuren, die darauf hindeuten, dass der Zweijährige über den Zaun gestiegen ist, der, das hat die Polizei festgestellt, an einer Stelle gegenüber den geltenden Vorschriften zehn Zentimeter zu niedrig war.

"Als wäre es gestern gewesen"

Es ist die Ungewissheit, die den Eltern zusetzt, für die der Todestag allgegenwärtig ist. "Es ist, als wäre es gestern gewesen", sagt der Vater, dem es etwas leichter fällt als seiner Frau, über den großen Verlust zu sprechen. Patrick Walther trifft sich mit uns in der Kanzlei seines Kulmbacher Anwalts Andreas Piel, denn Pauls Tod ist nach wie vor auch ein Rechtsfall. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die drei Erzieherinnen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung. Wie der Fall ausgeht? Ob ein Strafverfahren eingeleitet wird? Die Entscheidung darüber ist auch im Mai 2022 noch nicht gefallen.

Familie wartet auf Antworten

Um das Unglück verstehen zu können, bräuchte es für die Familie Antworten. Auf die wartet das Ehepaar seit Monaten. "Ich schaue jeden Tag in den Briefkasten, ob Post von unserem Anwalt drin ist. Post, in der das Ermittlungsergebnis steht", sagt Patrick Walther. Dass die Staatsanwaltschaft noch zu keinem Ergebnis gekommen ist, ist für Pauls Vater nicht nachvollziehbar. "Wir hoffen, dass der Fall nicht zu den Akten gelegt wird. Für uns steht fest, dass es einen Schuldigen gibt", erklärt der 33-Jährige und führt an: "Paul hätte niemals aus dem Freigelände gelangen dürfen. Er ist raus gekommen, weil jemand nicht aufgepasst hat. Jemand hat einen Fehler begangen. Und das muss Konsequenzen haben."

Das sagt die Staatsanwaltschaft

Wann die Anklagebehörde ihre Ergebnisse präsentiert? Wie Leitender Oberstaatsanwalt Martin Dippold auf Anfrage mitteilt, wartet man noch auf Stellungnahmen. In drei bis vier Wochen werde verkündet, ob ein Strafverfahren eingeleitet wird oder nicht.

Hat der Träger Fehler begangen?

Andreas Piel sieht die Garanten- und Vorsorgepflicht verletzt. Für den Rechtsanwalt, der die Familie in der Nebenklage vertritt, kommt neben einer fahrlässigen Tötung auch Totschlag durch Unterlassung in Betracht. Der Jurist fordert auch Ermittlungen gegen den Träger. Er sieht drei Verstöße. Der Maschendrahtzaun sei nicht mit der geforderten Bodenbefestigung gesichert gewesen. Eigentlich, so Piel, sei zudem ein engmaschiger Zaun mit Stäben zwingend. Und drittens dürfe es nicht sein, dass die erforderliche Mindesthöhe unterschritten wird. Wie Leitender Oberstaatsanwalt Martin Dippold mitteilt, werden auch solche bautechnischen Maßnahmen überprüft.

"Regelmäßig überprüft"

Harry Luck, Pressesprecher des Erzbistums Bamberg, hatte für den Träger gegenüber der Bayerischen Rundschau erklärt, dass die vorgeschriebenen jährlichen Prüfungen der Außenanlagen durch einen externen Spielplatzprüfer regelmäßig stattgefunden haben - zuletzt im Mai 2021. Es seien keine Mängel festgestellt worden.

Feuerwehrauto am Sterbebett

Aussagen, die bei Anna und Patrick Walther Kopfschütteln hervorrufen. Für sie ist der 20. Juli ein Tag, der für immer mit dem Trauma verbunden sein wird. Dabei war es für das Ehepaar bis dahin ein Tag der Freude. "Es ist unser Hochzeitstag", sagt Patrick Walther. Ein Hochzeitstag, der 2021 zum Tag der Trauer geworden ist. Statt wie geplant essen zu gehen, haben ihn Anna und Patrick Walther am Sterbebett ihres Sohnes im Bayreuther Klinikum verbracht. "Wir durften lange Abschied nehmen und sind dem Klinikum dankbar. Die Schwestern haben Paul, der ein großer Feuerwehrfan war, auch ein Feuerwehrauto gebracht."

"Er wollte ins Wasser"

Wie er und seine Frau den Verlust verarbeiten? "Wir müssen lernen, damit umzugehen. Es ist ein Prozess, der Jahre dauern kann. Dabei weiß ich eines: Es wird niemals besser werden. Es wird anders", sagt Patrick Walther, den die Bilder des Unglückstages verfolgen. Der Moment, als er und seine Frau vor dem Nachbargrundstück gewartet haben, das die Einsatzkräfte abgesperrt hatten - in der Hoffnung, dass Paul doch noch am Leben ist. "Wir wussten, dass er im Wasser gefunden und reanimiert wurde, wussten aber nicht, ob es noch ein Lebenszeichen gibt." Vieles hätten sie erst im Nachhinein erfahren. So auch, dass Paul Schuhe und Socken ausgezogen und neben dem Teich abgestellt hat. "Er wollte ins Wasser."

Die Beerdigung

Patrick Walther spricht auch über die Beerdigung. Die Anteilnahme sei überwältigend gewesen. Pauls geliebte Feuerwehr hatte den Trauerzug begleitet, auf dem Friedhof haben Kinder Luftballons steigen lassen. "Wir wollten Pauls Beerdigung so schön wie möglich machen. Das hat er verdient", sagt der Vater, der in den Tagen und Wochen nach dem Unglück vermisst hat, dass sich jemand vom Kindergarten meldet. "Von der Kita, dem Träger und der Gemeinde hat nie einer eingestanden, dass was falsch gelaufen ist." Er und seine Frau hätten den Eindruck gewonnen, als wolle man den tragischen Vorfall "unter den Teppich kehren".

Geholfen hat den Walthers das Gespräch mit Eltern, die das selbe Schicksal ereilt hat. "Wer auch sein Kind verloren hat, fühlt gleich", sagt Patrick Walther, der anführt: "Viele, die Anteilnahme genommen haben, haben uns wieder Nachwuchs gewünscht." Ob er und seine Frau noch einmal Eltern werden wollen? "Wir wollen schon noch einmal Verantwortung für ein Kind übernehmen", sagt Patrick Walther. Verantwortung, der er und seine Frau bei Paul gerne weiterhin nachgekommen wären. Doch am 20. Juli 2021 wurde ihnen diese Möglichkeit geraubt.