Es hagelt seit Tagen Bomben auf Mariupol im Osten der Ukraine, einer Hafenstadt, die vor Kriegsbeginn 440 000 Einwohner zählte und die heute vom russischen Militär eingekesselt ist. Viele Gebäude sind zerstört, auch Zivilisten ums Leben gekommen. Bürgermeister Wadym Boitschenko fürchtet schlimmste Kriegsverbrechen, sieht die Gefahr, dass die Bevölkerung von Strom, Lebensmitteln, Wasser, Heizwärme und Infrastruktur abgeschnitten wird.

Chaos in der Heimat

Es herrscht Chaos in der Heimatstadt der fünfköpfigen Familie Konovalov, mit der wir bei ihrer Flucht aus der Ukraine im Kontakt standen und die jetzt im Landkreis Kulmbach gelandet ist - auf dem Hof der Landwirtsfamilie Dreßel im Rugendorfer Ortsteil Eisenwind, auf dem Roman und Marina Konovalov (beide 38) mit ihren Kindern Anastasia (3), David (9) und Katheryna (15) mit offenen Armen empfangen wurden.

"Die Tür ist immer offen"

Die Konovalovs haben schon einmal über fünf Jahre im Landkreis Kulmbach gelebt, ehe sie 2020 nach einem abgelehnten Asylantrag wieder in ihre Heimat zurückkehren mussten. Lange Zeit haben sie in Rugendorf gewohnt, wo Roman Konovalov auch Michael Dreßel kennengelernt hat. Im vergangenen Sommer, als der Krieg noch fern war, hat die Familie zuletzt ein paar Urlaubstage auf dem Bauernhof in Eisenwind verbracht. "Die Tür ist für Roman und seine Familie bei uns immer offen", sagt Michael Dreßel, der mit den Ukrainern während ihrer Flucht regelmäßig telefoniert hat. Deren Ausreise über die ukrainisch-moldawische Grenze war gefährlich und alles andere als einfach. Weil Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren das Land nach der Mobilmachung nicht verlassen dürfen, wurde Roman Konovalov zunächst der Grenzübertritt verwehrt. Dass er drei Kinder habe, habe ihm an einer anderen Grenzstation geholfen. "Wir durften zu Fünft raus. Ich danke dafür Gott" , sagt der 38-Jährige, der auf die Frage, ob er sich nicht überlegt habe, sein Heimatland zu verteidigen, erklärt: "Ich bin gläubig und könnte nie zu einer Waffe greifen."

"Es ist der Glaube "

"Es ist der Glaube, über den unsere Freundschaft entstanden ist", betont Michael Dreßel, der zwischenzeitlich mit dem Gedanken gespielt hatte, Roman Konovalovs Frau und die drei Kinder an der ukrainischen Grenze abzuholen. "Ich hätte das gemacht, wenn Roman die Ukraine nicht hätte verlassen dürfen."

Fünf Tage auf der Flucht

Die Ausreise ist dann aber doch noch geglückt. Über Moldawien, Rumänien, Ungarn und Österreich ist die fünfköpfige Familie mit dem Auto Richtung Oberfranken gefahren. "Wir haben fünf Tage gebraucht und 3200 Kilometer zurückgelegt", berichtet Roman Konovalov, der von der Herzlichkeit vieler Menschen spricht. "Auch in Moldawien werden Flüchtlinge von den Leuten versorgt und dürfen in Hotels übernachten."

Wie lange?

Nach einer Zwischenstation bei Freunden in Forchheim sind die Konovalos auf dem Hof in Eisenwind angekommen. Roman Konovalov und Michael Dreßel haben sich vor der Haustür freudestrahlend umarmt. "Ich bin froh, dass sie wohlauf bei uns angekommen sind", sagt Michael Dreßel, der die Konovalovs mit seiner Frau Carolin gerne aufgenommen hat. Ein Kinderzimmer wurde geräumt, in dem jetzt die beiden Töchter und der Sohn des ukrainischen Ehepaares übernachten. Roman und Marina Konovalov haben ein Gästezimmer bezogen. "Unser Haus ist groß", sagt Michael Dreßel, der mit seiner Frau und vier Kindern sowie den Schwiegereltern auf dem landwirtschaftlichen Anwesen lebt. Wie lange die ukrainische Familie bleiben darf? "Ein Vierteljahr haben wir ins Auge gefasst. Wenn es länger wird, ist das auch kein Problem", sagt Michael Dreßel, der zuversichtlich ist, dass die ukrainischen Freunde in Rugendorf bald ein eigenes Zuhause finden. "Auch der Bürgermeister will uns helfen", sagt der 42-Jährige, was Gerhard Theuer bestätigt: "Wir werden eine Lösung finden. Jetzt lassen wir die Familie aber erst einmal ankommen." Wie der Bürgermeister betont, sind auch rechtliche Fragen zu klären.

Sie hoffen auf Arbeit

Der Schutzstatus für Ukraine-Flüchtlinge soll zunächst für ein Jahr gelten und auf drei Jahre verlängerbar sein. Eine lange Zeit, in der Marina und Roman Konovalov nicht auf der faulen Haut liegen, sondern arbeiten wollen. "Wir suchen natürlich einen Job", sagt Roman Konovalov. Dass beide eine Arbeit finden werden, "wenn es nicht wie beim ersten Aufenthalt in Deutschland bürokratische Hindernisse gibt", davon ist auch ihr Gastgeber überzeugt. Michael Dreßel: "Roman hat einen Metallbauberuf erlernt und ist vielseitig einsetzbar." Marina Konovalov ist gelernte Fotografin und hat vor der Rückkehr in die Ukraine 2020 auch in einer Arztpraxis gearbeitet.

Sorge um Familie in Mariupol

Ob die Konovalovs jemals nach Mariupol zurückkehren werden? "Wir wissen es nicht. Es ist ungewiss, wie das alles ausgeht", sagt Roman Konovalov, dessen Vater und Bruder ebenso in Mariupol geblieben sind wie die Eltern seiner Frau Marina. Wie es den Angehörigen in der bombardierten Stadt geht? Eine Frage, die die Familie umtreibt. "Wir haben sie seit drei Tagen nicht mehr gesprochen, weil in Mariupol alles zusammengebrochen ist", sagt Marina Konovalov. Während sie mit ihrem Mann und den drei Kindern in Rugendorf in Sicherheit ist, ist die Sorge um das Leben der Familienmitglieder in der Heimat groß.