Es wird viel diskutiert über das 9-Euro-Ticket. Von überfüllten Zügen über Chaos auf den Bahnsteigen bis hin zu schlechten Anbindungen auf dem Land ist die Rede. Ich habe den Selbstversuch unternommen: Wie komme ich mit dem ÖPNV zur Arbeit?

Die Ausgangssituation: Zu meinem Arbeitsplatz von Weismain nach Kulmbach sind es einfach 20 Kilometer. Dafür brauche ich mit dem Auto 20-25 Minuten.

Der Sprit: Bei einem Verbrauch von knapp 7 Litern auf 100 Kilometer kostet mich die Fahrt hin und zurück bei einem Preis von 2 Euro für den Liter Super etwa 5,50 Euro. Verschleiß und Wertverlust und all das nicht mitgerechnet. Das heißt: Zwei Mal das 9-Euro-Ticket für die Fahrt zur Arbeit genutzt und ich bin sprittechnisch im Plus. Das klingt schon mal gut. Punkt für das 9-Euro-Ticket.

Die Zeit: Aber: Auch das 9-Euro-Ticket hat seinen Preis: Neben Geld kostet es vor allem eines: Zeit. Zum knapp 6 Kilometer entfernten Bahnhof in Burgkunstadt fahre ich mit dem Rad: 18 Minuten. Puffer zum Fahrrad abstellen und zum Gleis laufen: 8 Minuten. Fahrtzeit mit dem Zug: 10 Minuten. Vom Bahnhof Kulmbach zu Fuß in die Redaktion: 13 Minuten. Insgesamt: 49 Minuten. Das heißt, ich bin eine halbe Stunde länger unterwegs als mit dem Auto. Punkt für das Auto.

Die Gesundheit: Da ich mich gerne bewege und mir das Radfahren und das Laufen Spaß machen, macht mir das nichts aus - im Gegenteil. Deshalb: auch ein Punkt für das 9-Euro-Ticket (wie es im Winter und bei Schmuddelwetter aussehen würde, weiß ich aber nicht).

Das Rad: Kommen wir zur Fahrradgarage am Burgkunstadter Bahnhof: Da wird es mir himmelangst. Zertretene Räder, hingeschmissene Rahmen, dunkel, schmuddelig. Es sieht aus wie auf dem Schrottplatz. Ob am Abend mein Fahrrad noch heil ist? Ist es überhaupt noch da? Kein gutes Gefühl. Dagegen sieht der Fahrradparkplatz in Kulmbach aus wie Fort Knox. Sicher, hell und sauber. So muss es sein. Der Fahrradstellplatz in Burgkunstadt ist ein Ort des Grauens. Punkt für das Auto.

Im Zug: Der Zug ist pünktlich und sehr gut besetzt. Zum Glück habe ich an die Maske gedacht. Die braucht man da ja noch. Der Schaffner kontrolliert nicht nur das 9-Euro-Ticket, sondern will sogar einen Ausweis sehen. Im Gedränge ist das Herauskramen für den einen oder anderen eine Herausforderung. Aber gut.

Weniger gut ist seine Aussage gegenüber einer jungen Frau aus Nordrhein-Westfalen. Der Schaffner erklärt ihr, dass sie damit rechnen muss, dass ihr der Zustieg bei Überfüllung der Züge verwehrt werden kann. Soll sogar schon vorgekommen sein. Klasse. Wenn das mir passiert, komme ich zu spät zur Arbeit, weil ich auf den nächsten Zug warten müsste, in der Hoffnung, dort zusteigen zu können. Das kann ja nicht sein. Ganz dicker Punkt für das Auto.

Die Mineralölkonzerne: In der Mittagspause laufe ich in die Stadt - und an einer Tankstelle vorbei. War da nicht was mit einer Steuersenkung auf Benzin? Kommt da eine Entlastung bei den Bürgern an? Ich habe das Gefühl, dass das nicht der Fall ist. Dass die Mineralölkonzerne uns abzocken und Milliarden scheffeln. Da kriegt man einen dicken Hals. Und denen das Geld weiter in den Rachen stopfen, indem ich mit dem Auto fahre? Auf keinen Fall. Punkt für das 9-Euro-Ticket.

Die Wochenenden: Man kann das 9-Euro-Ticket aber nicht nur für die Fahrt zur Arbeit nutzen, sondern auch am Wochenende für Ausflüge. Dabei muss es gar nicht in Hotspots wie München oder Nürnberg gehen. Man kann einfach einmal nach Lichtenfels fahren, von dort nach Vierzehnheiligen wandern und von Bad Staffelstein wieder mit dem Zug zurück. Oder zum Bummeln nach Kulmbach, Hof oder Bayreuth. Während der Bierwoche ist es so wertvoll wie eine Biermarke (hoffentlich reichen da die Abteile). Alles ohne Mehrkosten. Punkt für das 9-Euro-Ticket.

Fazit: Ich bin selbst etwas überrascht, aber: Das 9-Euro-Ticket gewinnt, auch wenn es mit relativ viel Aufwand verbunden ist. Wer aber noch schlechter an den öffentlichen Personennahverkehr angebunden ist als ich oder nicht gut zu Fuß ist, der wird sich weiter ins Auto setzen und hat dafür aber mein volles Verständnis.

Die Busse: Natürlich fahren noch Busse. Aber hier ist die Lage äußerst bescheiden. In den Ferien gibt es nur zwei (!) Fahrten von Weismain nach Kulmbach - und keine ist von den Zeiten auch nur halbwegs geeignet für mich. Außerhalb der Ferien würde ich zumindest früh gut nach Kulmbach kommen. Zurück käme ich mit dem Bus überhaupt nicht mehr (weder innerhalb noch außerhalb der Ferien). Denn wenn ich Feierabend habe, ist der letzte Bus in meine Heimat schon vor über einer Stunde losgefahren. Das würde bedeuten: abends mit dem Zug nach Burgkunstadt. Nur: Dann muss ich die sechs Kilometer heimlaufen. Denn das Fahrrad steht bei mir in der Garage, weil ich ja von meinem Heimatort aus mit dem Bus gestartet bin. Das aber nur nebenbei.

Die Zeit danach: Werde ich die Bahn weiter nutzen, wenn das 9-Euro-Ticket ausgelaufen ist? Nein. Warum? Das ist leicht erklärt: Am Aufwand wird sich nichts ändern. Aber dann kostet eine einfache Fahrt von Burgkunstadt nach Kulmbach regulär wieder 5,40 Euro. Und das ist viel, viel zu teuer. Schade. Hier sind andere Lösungen gefragt. Bei einem 365-Euro-Ticket, über das ja auch schon viel diskutiert wurde, würde ich sofort auf den ÖPNV umsteigen.