"Real-Papa", so wird Roman Höchtl von seinen Mitarbeitern genannt. Zumindest nennt ihn Frauke Weber so, die 20-Jährige arbeitet seit 2009 für den Kulmbacher Real-Markt. Jetzt steht sie da, mit Tränen in den Augen. Vor einer Stunde hat Roman Höchtl, der sie eingestellt und ausgebildet hat, sich offiziell verabschiedet. Der Geschäftsleiter, der jetzt in Ruhestand geht, ist groß wie ein Bär, doch auch Bären müssen weinen. "Es tut schon weh, mehr als weh", und als ob es nicht schon genug wäre, fügt der 61-Jährige noch hinzu: "Es tut richtig weh".

Klare Spielregeln
Es ist kein gewöhnlicher Abschied. Zumindest nicht für den Leiter eines Supermarktes, der 6000 Quadratmeter Verkaufsfläche hat und 110 Mitarbeiter beschäftigt. Trotz der Größe, sagt Höchtl, sei es wie eine Familie.
Er habe immer den Jugendlichen, die kaum eine Chance hätten, eine geben wollen. Das habe sich gelohnt, die meisten habe er übernommen. Das macht der Mann, der früher Ausbilder bei der Bundeswehr war, mit klaren Vorgaben: "Ich habe eine weiße Linie, wenn die überschritten wird, muss man das besprechen." Klare Spielregeln also. Die Mitarbeiter würden das honorieren. Er habe noch keinen entlassen müssen, das sei der Erfolg der deutlichen Ansage.



Höchtl hat vor 16 Jahren den Real-Markt mit aufgebaut. Und sich immer um Kontakte bemüht, auch um den guten Draht zu den Kunden. Bei den Zeitschriften spricht ihn, als ob es einer Bestätigung bedürfte, Rita Schröter an. "Sie verlassen uns", sagt die 73-Jährige mit feuchten Augen. "Ihr Bild hängt gar nicht mehr da." An der Service-Theke des Marktes prangt jetzt bereits das Foto von Höchtls Nachfolger Hans Ramming. Am Montag war bereits offizielle Übergabe. Seitdem leitet der 59-Jährige den Markt.

Doch noch ist Höchtl da und dreht seine Runde wie gewohnt. Das Cutter-Messer immer in der Hosentasche griffbereit. "Woanders sieht man die Chefs gar nicht, aber er hat immer die Regale mit ein- und ausgeräumt", lobt Kundin Rita Schröter und fährt etwas geknickt mit ihrem Einkaufswagen davon. Auf dem Weg in den ersten Stock meint Höchtl: "Das ist mein Verständnis von Teamgeist!" Deshalb sei es auch letzten Mittwoch, als er den Mitarbeitern offenbart hat, dass er aufhört, "total der Schock" gewesen.


Die Gesundheit spielt nicht mehr mit

Eigentlich ist er ja noch nicht in dem Alter, um sich zur Ruhe zu setzen, doch sei seine Gesundheit angeschlagen, sagt Höchtl, der jetzt in der ersten Etage neben den Einkaufskörben steht. Hinter ihm fahren die Kunden die Rolltreppe wie gewohnt hoch. Die Einkaufswagen rattern an ihm vorbei. Und der Mann mit den Hosenträgern hält sich am Geländer fest, als ob er sich einer starken Böe widersetzen muss.

Er wolle kürzer treten, es gehe nicht mehr. Und da seinem Nachfolger, der bisher Bezirksleiter war, die Stelle nicht mehr verlängert wurde, bot Höchtl ihm kurzerhand seine Geschäftsleiter-Stelle an: "So einen guten Mann kann man nicht gehen lassen", sagt der dreifache Vater und Opa von drei Enkeln. Schließlich ist es ihm wichtig, dass der Markt auch in seinem Sinne weitergeführt wird. Reinreden will er seinem Nachfolger nicht, auch dann nicht, wenn er nur noch als Kunde zum Einkaufen kommt.

Höchtl zückt das Mobiltelefon. Er will seinen Nachfolger Hans Ramming mal schnell hier im Markt anrufen und verwählt sich erst einmal. "Es ist seltsam: Die Zwölf war immer meine Nummer, ich hab noch nie meine Nummer angerufen", sagt er verdutzt. Jetzt muss er es tun, schließlich soll sein Nachfolger ja auch noch was zum Abschied sagen.


Der Nachfolger ist auch ein Altbekannter

Als Ramming dann da ist, lobt der seinen Vorgänger: Der Markt sei gut bestellt, sagt der Neue, der gleichzeitig ein Altbekannter im Unternehmen ist. Der dreifache Vater und siebenfache Großvater aus Neuenmarkt hat hier im Vorgänger-Markt "Meisterkauf" gelernt. 1971 war das. Jetzt ist er zurück - und Höchtl weg.

Der "Real-Papa" ist jetzt "Privat-Opa", der demnächst auf Reisen nach Portugal, Spanien und Frankreich gehen wird. So viel Zeit habe er noch nie gehabt, sagt Höchtl und wischt sich ein letztes Mal den Schweiß von der Stirn. Sein Urlaub beginnt ab Donnerstag dauerhaft.