Ein Busfahrer aus dem Landkreis Kulmbach ist zum Lebensretter geworden. Der 40-jährige David Heidenreich, der mit seiner Familie in Lanzendorf wohnt, hat in der Bayreuther Hegelstraße einen 70-jährigen Fußgänger vor dem Verbluten gerettet. Mit etwas Abstand erhebt er nun schwere Vorwürfe gegen herumstehende Passanten.

Heidenreich, der bei den Bayreuther Stadtwerken angestellt ist, stoppte am vergangenen Donnerstag seinen Linienbus, nachdem er bemerkt hatte, dass ein Fußgänger auf dem Gehweg zusammengebrochen war, und eilte sofort zur Hilfe. Eine geplatzte Krampfader hatte bei dem Mann zu einer massiven Blutung am rechten Bein geführt. Während er die Schlagader abdrückte, um den großen Blutverlust zu reduzieren, setzte der Lanzendorfer den Notruf ab. Rettungskräfte brachten den Rentner ins Bayreuther Klinikum, er befindet sich auf dem Weg der Besserung.

Busfahrer stoppt Linienbus in Bayreuth und rettet Mann vor dem Verbluten

David Heidenreich, dessen Elternhaus in Wasserknoden bei Bad Berneck steht, wird den Donnerstag so schnell nicht vergessen. "Ich war um 10.40 Uhr mit dem Linienbus in der Hegelstraße unterwegs. Plötzlich sah ich einen Passanten, der an einem Jägerzaun lehnte und dann zusammenbrach. Er lag am Boden und wie aus einem Wasserschlauch drang das Blut aus seinem Bein. Mir war klar, dass es aufgrund des hohen Blutverlusts ganz schnell gehen musste", erinnert er sich im Gespräch.

Sofort drückte Heidenreich die Hauptschlagader an der Hüfte ab. Bis die Einsatzkräfte und der Notarzt an Ort und Stelle eintrafen, dauerte für den Lanzendorfer eine gefühlte Ewigkeit. Was ihn aber noch mehr bewegte, war, dass kein einziger Fahrgast aus dem Linienbus ausstieg, um ihm zu helfen. "Ich habe ,Hilfe, Hilfe' gerufen und laut gesagt:  ,Das gibt es doch gar nicht.'"

Auch ein Autofahrer sei einfach vorbeigefahren. Die Passanten auf der anderen Straßenseite hätten ebenfalls keine Anstalten gemacht, herüberzukommen. "Da war eine riesige Blutlache auf dem Gehweg. Da kann mir keiner erzählen, dass das niemand mitbekommen hat."

"Riesige Blutlache auf dem Gehweg"  - niemand hilft

Irgendwann sei dann eine ausländische Studentin aus dem Bus gestiegen. Der jungen Frau sei es gelungen, in der Nähe einen Verbandskasten aufzutreiben, erst danach hätten sie den Verletzten verbinden können. "Erst jetzt kamen Passanten, um zu helfen, aber die entscheidenden ersten zwei, drei Minuten war ich ganz alleine."

Er habe auch versucht, dass der Rentner die gesamte Zeit ansprechbar blieb. "Er gab mir nur zu verstehen, dass er sich an der Krampfader gekratzt hat", so Heidenreich. Der Notarzt habe ihn dann in der Erstversorgung abgelöst. Erst später habe er erfahren, dass der ein guter Freund von ihm war.

"Es war mein früherer Nachbar in Wasserknoden. Wir haben uns aber nicht erkannt, weil wir nur auf die verletzte Person fixiert waren und beide natürlich eine Maske trugen. Er sagte mir am nächsten Morgen am Telefon, dass ich im richtigen Moment an der richtigen Stelle war." Dabei hätte er die Hegelstraße bereits drei Minuten früher passieren müssen ...

Retter setzt emotionalen Facebook-Post ab

David Heidenreich versuchte am nächsten Tage, die Bevölkerung in einem Facebook-Post wachzurütteln: "Wie kann es sein, dass ein Mann in seinem eigenen Blut liegt und keiner hilft? In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich? Ich bin immer noch fassungslos und zutiefst enttäuscht, was sich gestern auf der Straße abgespielt hat. Es haben Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer gesehen, doch keiner hat in diesen entscheidenden Moment geholfen. Sie haben nur geglotzt und sind einfach weiter gefahren, einfach unglaublich und für mich absolut nicht nachvollziehbar. Leute, wacht endlich auf! So egal können uns unsere Mitmenschen doch gar nicht sein."

Bereits hatte David Heidenreich zur Kirchweih in Wasserknoden mit weiteren Freunden einem Mann geholfen. "Er hatte sich den Unterarm aufgeschnitten, als er durch eine Glastür fiel. Alles war durchtrennt, Sehnen, Arterien und Muskeln - das Blut ist nur so geflossen, ich hatte nur noch den Knochen in der Hand. Damals war es aber einfacher, weil meine Freunde mithalfen."

Er will kein Held sein

Mit diesen erhielt Heidenreich eine Ehrung der Stadt Bad Berneck. Eine Anerkennung ist für ihn aber nicht ausschlaggeben, er will auch kein Held sein: "Ich bin einfach nur ein Mensch, und da ist für mich selbstverständlich zu helfen. Mir genügt die Dankbarkeit des Menschen, dem ich geholfen habe. Ich weiß, dass er überlebt hat und dass es ihm gut geht, das ist für mich das Wichtigste."

Gefreut hat er sich freilich über eine Nachricht, die ein Mann an die Stadtwerke Bayreuth schickte: "Größten Respekt und Anerkennung verdient ihr Mitarbeiter, der ... einem Schwerverletzten Hilfe leistete. Leider ist es heutzutage nicht mehr selbstverständlich, Menschen in lebensbedrohlicher Lage zu helfen. Umso mehr ist es ihrem Mitarbeiter hoch anzurechnen, einem Menschen mit extrem starken Blutungen ohne Rücksicht auf seine eigene Person Erste Hilfe zu leisten."

David Heidenreich ist verheiratet und hat zwei Kinder. Der gelernter Maurer diente vier Jahre als Zeitsoldat und war dabei auch im Kosovo eingesetzt. Seit zwölf Jahren ist er Busfahrer bei den Stadtwerken Bayreuth, neben arbeitet er als Fotograf, ist bei der Feuerwehr aktiv und seit Januar 2019 Kirchenpfleger der Autobahnkirche Himmelkron.