Kerstin Trier-Biedefeld ist begeistert von der coronabedingten Neuausrichtung der Kulmbacher Ausbildungsmesse: "Der Tag der Ausbildung ist viel praxisnäher als das Flanieren von einem Firmenstand zum nächsten. Man bekommt einen Einblick in den Berufsalltag."

Informieren und experimentieren

Gemeinsam mit ihrem Mann Marco und ihrem Sohn Lorenz schaute sie am Samstag beim Gewürzshop "Rapsody of Spices" der Kulmbacher Firma Raps vorbei. Ihrem Sohn, der sich vorstellen könnte, einmal Chemielaborant zu werden, scheint die Experimentierfreude im Blut zu liegen.

Wie ein Wasserfall sprudelten die Erzählungen über die Versuche in seinem Home-Labor aus ihm heraus: "Mit Natriumcarbonat und Alaun habe ich Kristalle gezüchtet." Wie bläst man einen Handschuh auf? "Mit Backpulver und Essig", weiß der Jugendliche.

In der Findungsphase

Trotz seiner Affinität zur Chemie sieht sich der junge Kulmbacher, der auf die private Montessori-Schule in Mitwitz geht, noch in der Findungsphase. Den Tag der Ausbildung nutzte er, um sich über verschiedene Ausbildungsmöglichkeiten zu informieren.

54 oberfränkische Unternehmen, darunter viele aus dem Landkreis Kulmbach, öffneten am Samstag ihre Pforten für einen Tag der offenen Tür. Hunderte Schüler, begleitet von ihren Eltern, pendelten auf der Suche nach dem geeigneten Ausbildungsberuf von einem Betrieb zum nächsten.

Organisiert hatten den Tag der Ausbildung der Arbeitskreis Schule-Wirtschaft Kulmbach und der Landkreis Kulmbach. Die Schüler legten bei Ihren Firmenbesuchen mitunter selbst Hand an. Unter der Anleitung von Lehrling Luca Grasi schweißte Schüler Luca Battistella bei der Firma Glen Dimplex, die Wärmepumpen herstellt.

Der 20-jährige, der den technischen Zweig der Kulmbacher Fachoberschule besucht, interessiert sich für den Beruf des Industriemechanikers. Beim Ziehen der Schweißnähte seien Genauigkeit und eine ruhige Hand gefragt, sagte der Kulmbacher, dem das Arbeiten mit Metall Freude bereitet.

Die Firma Ireks, die Backzutaten herstellt, sucht Chemielaboranten. Aus dem 15-jährigen Luis Aenderl aus Stammbach im Landkreis Hof könnte einmal ein solcher werden. Dem jungen Mann macht es Spaß, Neues zu entdecken und Dingen auf den Grund zu gehen. An einem Stand im Forum des Unternehmens bestimmte er den PH-Wert von Flüssigkeiten. Mit seiner Aussage "Cola ist sauer" landete er einen Volltreffer.

Sprachbarrieren kein Hindernis

Kevin Himmelreich informierte sich bei der Kulmbacher Futtermittelfabrik Bergophor über den Beruf des Industriekaufmanns. Der 24-jährige mit argentinischen Wurzeln steht mit der deutschen Sprache noch etwas auf Kriegsfuß. Für Ausbildungsmeister Fred Hugel aus Neuenmarkt ist das kein Hinderungsgrund für eine Lehre. "Es gibt Sprachkurse, ausbildungsbegleitende Hilfen und interne Schulungen, mit denen sich Defizite ausgleichen lassen", machte er dem Interessenten Mut.

Nadja Renner aus Küps fasziniert der Beruf der medizinischen Fachangestellten. "Ich möchte kranken Menschen helfen und dem Arzt bei seiner Arbeit hilfreich zur Seite stehen", sagte die 16-Jährige, die gemeinsam mit ihrer Mutter Anja die Berufsfachschule für Pflege des Klinikums Kulmbach besuchte.

Eröffnet wurde der Tag der Ausbildung in der Logistikhalle der Firma Bergophor. Dass man aus der Ausbildungsmesse einen Tag der Ausbildung gemacht habe, sei der richtige Weg gewesen, waren sich alle Redner einig. "Berufsorientierung ist auch in Corona-Zeiten ein wichtiger Baustein, um Fachkräfte für regionale Unternehmen zu gewinnen und jungen Leuten eine Perspektive zu geben", meinte Landrat Klaus Peter Söllner.

Am neuen Konzept festhalten

Die beiden Vorsitzenden des Kulmbacher Arbeitskreises Schule-Wirtschaft, Clemens Dereschkewitz und Michael Pfitzner, können sich eine Fortsetzung des Tages der Ausbildung als ergänzendes (Pfitzner) oder Hybrid-Format (Dereschkewitz) vorstellen.

Die Landtagsabgeordneten Martin Schöffel und Rainer Ludwig hoben die Bedeutung der dualen Ausbildung hervor. Geschäftsführer Jürgen Brönneke von der Firma Bergophor hatte die Besucher begrüßt.