"Das ist unsere Kirche, nicht meine oder die des Kirchenvorstands", sagt Jürgen Singer, der Pfarrer der Kreuzkirche. Eines Gotteshauses, das baufällig ist, dessen Dach saniert werden muss. Singer will die Gemeinde dazu bewegen, einen Beitrag zu leisten, um das kostspielige Projekt finanziell stemmen zu können. Er hat auch Präparanden und Konfirmanden dazu aufgerufen, an einer Haussammlung für die Kirchenrenovierung teilzunehmen. "Da wir wegen Corona sonst kein Praktikum machen können, bitte ich euch, euch eine Sammelbüchse geben zu lassen und in einer Straße zu sammeln, die ihr auswählen könnt", heißt es in einer WhatsApp-Nachricht an die jungen Leute.

"Kirche sollte Vorbild sein"

Es ist ein Aufruf, der nicht bei allen Eltern Verständnis findet. Kritik übt beispielsweise Monika Holhut, deren Tochter Präparandin ist. "Diesem Aufruf werden wir nicht folgen", stellt die Mutter in einem Schreiben an den Pfarrer fest. Monika Holhut ist der Meinung, dass in der Corona-Krise, in der zur Kontaktvermeidung aufgerufen wird, in der die Kinder keinen Präsenzunterricht haben und keine Treffen im Freundeskreis möglich sind, gerade die Kirche mit gutem Beispiel vorangehen sollte. Sie kann nicht nachvollziehen, dass die Gemeinde eine solche Aktion ins Leben ruft, während viele Organisationen wie etwa der Bund Naturschutz, die normalerweise regelmäßig Spendensammlungen veranstalten, 2021 bewusst darauf verzichten und nach Alternativen wie die einer digitalen Spendendose suchen würden. Selbst wenn sich die Situation bis zum Ende des Sammelzeitraums am 18. Juni entspannt haben sollte - "eine solche Initiative zum jetzigen Zeitpunkt ist aus unserer Sicht ein völlig falsches Signal, weshalb unsere Tochter daran nicht mitwirken wird", betont Monika Holhut, die, die feststellt, dass die aktuellen Auflagen ein Sammeln in Zweiergruppen nicht möglich machen. "Und alleine lassen wir unsere Zwölfjährige nicht von Haus zu Haus laufen." Zudem zweifelt sie an, dass sich gerade ältere Leute in der Pandemie darüber freuen würden, wenn fremde Kinder an der Haustür klingeln.

Rechtliche Fragen geklärt

Überrascht vom spürbaren Gegenwind ist Pfarrer Singer, der im Gespräch mit der Bayerischen Rundschau erklärt, dass er die Aktion mit dem Dekan abgesprochen sowie mit dem Ordnungsamt und dem Gesundheitsamt rechtliche Fragen geklärt hat.

Keine Genehmigung nötig

Genehmigen lassen muss man solche Sammlungen nicht, wie die Behörden auf Nachfrage unserer Zeitung erklären. "Es ist nicht verboten, unter Einhaltung der geltenden Schutz- und Hygienemaßnahmen eine solche Sammlung durchzuführen", sagt David Buchwald, Pressesprecher am Landratsamt. Es müssten jedoch die geltenden Kontaktbeschränkungen und Schutzmaßnahmen eingehalten werden. "Es dürfen daher nicht mehrere Sammler gemeinsam an einer Haustüre klingeln, es sei denn, sie kommen aus dem gleichen Hausstand." Bei einer derartigen Sammlung komme es zu einer Vielzahl von Kontakten mit unterschiedlichen Personen. "Ob und wie man sie dennoch durchführt, bleibt die Entscheidung der Durchführenden. Es sollte in jedem Fall mit Vorsicht und Rücksicht auf die Allgemeinheit gehandelt werden", heißt es aus dem Kulmbacher Landratsamt.

Singer: Sicherheit geht vor

Dass die Teilnahme an der Sammlung freiwillig sei und Vorsichtsmaßnahmen ergriffen würden, stellt Pfarrer Singer fest. "Die Sammler sind alleine unterwegs, tragen Maske, halten Abstand." Die Geber müssten keinen Eintrag auf einer Spendenliste vornehmen, um jeglichen Kontakt zu vermeiden. Die Sammler sollten Vorsicht walten lassen, dabei eventuell vorab einen Schnell- oder Selbsttest machen.

Ella macht mit

Die Resonanz auf den Aufruf sei gut. Etliche Gemeindeglieder, darunter drei von sechs Konfirmanden, würden sich beteiligen. Auch die 15-jährige Ella ist dabei. "Ich habe Verständnis, wenn jemand nicht sammeln will. Ich helfe aber gerne, damit das Geld für die Sanierung zusammenkommt", sagt Ella, die bei der Haussammlung auf Nummer sicher gehen will. "Ich mache an dem Tag zuvor auf jeden Fall einen Schnelltest."

25 Büchsen im Umlauf

25 Büchsen seien bereits im Umlauf, sagt Jürgen Singer. "Ich habe selbst Geschäfte und Praxen aufgesucht, in denen wir Sammelbüchsen aufstellen dürfen", betont der Pfarrer, der deutlich macht, wie wichtig die Gelder für die Baumaßnahme sind. Vorschläge für weitere Aktionen nehme er gerne an. Wie er mitteilt, ist auch eine Fahrradputzaktion geplant, bei der jeder gegen eine Spende sein Fahrrad von ehrenamtlichen Helfern gründlich reinigen lassen kann.

90 000 Euro fehlen

Die Gesamtkosten für die Sanierung beziffert der Geistliche auf 342 000 Euro. 114 000 Euro steuere die Evangelische Landeskirche bei, 71 500 Euro kämen von der Oberfrankenstiftung, der Bayerischen Landesstiftung und dem Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Von den 156 500 Euro, die die Gemeinde selbst schultern müsse, seien noch 90 000 Euro offen. Einen Teil dazu soll die umstrittene Sammelaktion beisteuern.