Der Bayreuther Rechtsanwalt Benjamin H. Eismann ist ein Spezialist in Sachen Vereinsrecht. Wir haben im Rahmen unserer Themenwoche "Vereine" mit dem Experten über die juristischen Herausforderungen und Stolpersteine bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in den Vereinen gesprochen. Haben Sie generelle Tipps, die Vereine bei der Arbeit mit Kindern beachten sollen?

Benjamin H. Eismann: Der Verein muss sich bei der Auswahl seiner Übungsleiter sorgfältig verhalten. Das Hauptmerkmal liegt hier auf der Fähigkeit des Übungsleiters, seine Aufsichtspflicht zu erfüllen. Allgemein gesagt ist das die Pflicht, Jugendliche so zu beaufsichtigen, dass sie weder selbst einen Schaden erleiden noch irgendeinem anderen Dritten Schaden zufügen. Der oder die Aufsichtspflichtigen müssen die Jugendlichen daher belehren und warnen, Gebote und Verbote aufstellen, den Ablauf der Aktivitäten überwachen und gegebenenfalls eingreifen.

Entscheidend ist, was ein Übungsleiter unternehmen muss, um zu verhindern, dass der Jugendliche selbst zu Schaden kommt oder Dritte schädigt, wobei Aufsicht und Überwachung um so intensiver sein müssen, je geringer der Erziehungserfolg ist.

Zu beachten ist, dass der Übungsleiter diese Aufsichtspflicht auch tatsächlich erfüllen kann, sodass die Gruppengröße angemessen zur Anzahl der eingesetzten Übungsleiter sein muss. Weiterhin müssen auch geeignete Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, um Unfälle und Verletzungen zu vermeiden. Mithin ist also bei Geräten mit Verletzungsgefahr auf diese Gefahr deutlich hinzuweisen, und es sollten die entsprechenden Vorkehrungen getroffen werden, wie etwa das Auslegen von Matten oder eine geeignete Hilfestellung durch den Übungsleiter. Schließlich ist es unabdingbar, dass die eingesetzten Übungsleiter zumindest Grundkenntnisse zu Sofortmaßnahmen bei Unfällen haben. Was raten Sie Eltern, wenn sie ihr Kind in einem Verein anmelden?

Aus rechtlicher Sicht besteht zwischen dem Verein und den Eltern ein Vertrag, durch den die Aufsichtspflicht auf den Verein und dessen Beauftragte übergeht. Dementsprechend sollten diese dem Verein die relevanten Informationen über ihr Kind geben. Hierunter fallen Vorerkrankungen wie etwa Allergien oder mangelnde Fähigkeiten, beispielsweise bei Nichtschwimmern, wenn Aktivitäten im Wasser geplant sind. Auch eine Erklärung, ob das Kind uneingeschränkt an allen Aktivitäten teilnehmen darf oder ob die Eltern damit einverstanden sind, dass das Sportangebot in Ausnahmefällen verlegt wird, beispielsweise bei großer Hitze nach draußen oder bei Regen in die Halle, ist empfehlenswert.

Weiterhin sollte in Bezug auf Beginn und Ende der Aufsichtspflicht geklärt werden, ob die Minderjährigen von den Eltern übergeben und übernommen werden oder ob sie selbstständig zur Sportstätte kommen und weggehen.

Wie sieht es bei Aktivitäten aus, die über die normalen Trainings-/Übungsstunden hinausgehen, zum Beispiel Ausflüge, Zeltlager, Schwimmbadbesuche?

Für solche besonderen Unternehmungen ist immer eine Zustimmung der Eltern erforderlich! Zu beachten ist hierbei, dass die Aufsichtspflicht in fremder Umgebung höher ist als in vertrauter. Bei Ausflügen gibt es auch keine aufsichtspflichtfreie Zeit. Gegebenenfalls sollte zudem bei auswärtigen Aktivitäten geschultes Personal herangezogen werden, wenn die Aktivität mit einem gesteigertem Unfallrisiko verbunden ist, etwa beim Klettern. Die Aufsichtspflicht erlischt hierdurch jedoch nicht! Das gilt auch für den Trugschluss, dass bei Besuchen in öffentlichen Bädern keine Aufsichtspflicht mehr besteht, weil hier ein Bademeister oder eine Badewacht vorhanden ist.

Kann die Aufsichtspflicht auch auf minderjährige Jugendleiter übertragen werden?

Die wirksame Übertragung der Aufsichtspflicht auf einen Minderjährigen ist nur dann möglich, wenn dessen Eltern hierzu einwilligen. Liegt eine solche Zustimmung der Eltern vor, verfügt der minderjährige Jugendleiter über die gleichen Rechte und Pflichten, wie sie ein volljähriger Jugendleiter hat. Aus Vereinssicht sollte darauf geachtet werden, dass die eingesetzten Minderjährigen neben der geistigen Reife hinreichende Qualifikationen besitzen, so dass sich der Verein nicht die fahrlässige Falschauswahl des Betreuers vorwerfen lassen muss, wenn doch mal etwas passiert.

Was gilt beim Eintritt eines Versicherungsfalls?

Vereine, die dem Landessportverband angehören, sind mit ihren Mitgliedern über den jeweiligen Sportversicherungsvertrag versichert. Er tritt in Schadensfällen dann ein, wenn der notwendige Leistungsumfang über das Maß hinausgeht, welches von der Krankenversicherung abgedeckt ist. Des Weiteren tritt diese bei Schäden, die von der Krankenversicherung nicht oder nur teilweise beglichen werden, wie etwa bei Brillen- oder Zahnschäden, sowie bei Wegeunfällen ein.

Sind Eltern inzwischen übervorsichtig geworden, wird schneller der Rechtsweg eingeschlagen als früher?

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass eine Tendenz dahingehend zu erkennen ist, dass Eltern den Rechtsweg schneller einschlagen als früher. Dies gilt nicht nur für den Sportbereich - auch im schulischen Bereich haben sich solche Fälle gehäuft.

In welchen Fällen wird ein Rechtsanwalt eingeschaltet? Können Sie kurz ein, zwei Fälle aus Ihrer Praxis schildern?

Eltern wählen den Weg zum Rechtsanwalt zumeist dann, wenn es zu schwerwiegenderen Verletzungen oder Schäden gekommen ist. Hierbei geht es insbesondere um Schadensersatzansprüche. Der "Klassiker" ist die Verletzung eines Kindes durch einen gegnerischen Spieler beim Fußballspiel. Als Rechtsanwalt wird man hier häufig mit der Regulierung etwaiger Schadensersatzansprüche beauftragt. Ein weiterer, nicht selten vorkommender Fall ist die Schlichtung von Meinungsverschiedenheiten zwischen Übungsleitern und Eltern über eventuell zu "harte Trainingsmethoden".