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Kulmbach
Verantwortung

Ist der Wald noch ein guter Platz fürs Wild?

Hege und Pflege sind wichtige Aufgaben, die ein Jäger zu erfüllen hat. Warum das manchmal schwierig ist, warum es ohne Schießen manchmal nicht geht.
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Symbolbild: Friso Gentsch/dpa
Symbolbild: Friso Gentsch/dpa
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"Schau dir das an", sagt Peter Müller, und seine Hand weist mit einer ausholenden Bewegung in die Ferne. "Alles braun. Das tut mir schon weh."

Wir stehen auf einer Hochfläche des Jura, unweit von Zedersitz, am Rande eines kleinen Wäldchens. Vor uns liegen Äcker. Braune Erde bis zum Horizont, auf der in wenigen Wochen Mais wachsen soll oder Getreide. Dazwischen ein Flurbereinigungsweg, aber keine grünen Wiesenstreifen, keine Hecken: Kein guter Platz für das Wild.

Peter Müller ist Jäger. Eigentlich wollten wir in seinem Revier über die Verantwortung des Jägers für Wald und Wild sprechen. Aber dann wird es, wie so oft in den letzten Wochen, wieder ein Gespräch über die Artenvielfalt und über das komplizierte Geflecht vieler unterschiedlicher Faktoren, die ein Ökosystem ausmachen.

Trügerische Idylle

Augenfällig wird das an unserem Standort: Das Wäldchen ist der ideale Unterschlupf für das Wild. Aber draußen gibt es keine Nahrung für Hasen oder Rehe. Also bleiben die in ihrer Deckung, suchen sich ihre Nahrung dort. Die Folge ist ein starker Verbiss an den jungen Bäumen, der alle Bemühungen um eine sogenannte natürliche Waldverjüngung und Artenvielfalt im Wald zunichte machen kann.

Unsere nächste Station ist eines der typischen Juratäler. Ein schon in den letzten Spätwintertagen saftig-grüner Wiesengrund, hoch aufragende, besonnte Felsen, keine Menschen, kein Verkehr. Hier müsste sich das Wild doch wohlfühlen.

Aber die Idylle trügt. "Die Wiesen werden schon Anfang Mai gemäht, das Gras kommt in die Biogasanlage", erläutert Peter Müller. Wiesenblumen und Wildkräuter haben da keine Chance. Hasen auch nicht. Sie brauchen die Kräutervielfalt zum Überleben.

So wie die Insekten, deren Sterben mit dem Volksbegehren "Rettet die Bienen" auch politisch ein Thema geworden ist. Wo aber Insekten keine Nahrung finden, bleiben auch die Singvögel weg.

Dem Volksbegehren kann Müller, der Kreisvorsitzender des Jagdschutz- und Jägervereins ist, wenig abgewinnen. Der Bayerische Landesjagdverband hat sich sogar ausdrücklich dagegen ausgesprochen, weil man es als zu restriktiv im Hinblick auf die Landwirtschaft ansah. Was Müller aber wichtig ist: "Das Volksbegehren kann vielleicht die Haltung vieler Menschen zur Natur verändern. Es hat etwas angestoßen."

Hege und Pflege

Als einige Rehe mit großen Sprüngen den Weg vor uns queren, kommt unser Gespräch doch wieder zum Thema Verantwortung zurück.

Jeder Jäger fühle sich für das Wild in seinem Revier verantwortlich, sagt Müller. Es gehe nicht in erster Linie ums Schießen, wie es seiner Zunft oft unterstellt wird: Nicht ohne Grund stehen die Hege des Wildes und die Pflege des Waldes ganz vorne im Bundesjagdgesetz. Wenn es den Tieren nicht gut geht, muss ein Jäger eingreifen. Der letzte Sommer war hart für das Rehwild. Das nimmt die lebenswichtige Feuchtigkeit nur beim Äsen auf. Aber die Wiesen waren über Monate hinweg trocken und verbrannt.

"Wir haben mehrere Rehe gefunden, die abgemagert und komplett dehydriert waren." Damit die geschwächten Tiere gut über den Winter kommen, haben Müller und sein Revier-Partner Futterstellen eingerichtet.

Verantwortung: Wer darüber diskutiert, muss auch über das Schwarzwild sprechen. Wildschweine richten in unseren Breiten immer wieder schwere Schäden auf Wiesen und Äckern an. Wo der Bestand zu dicht ist, steigt das Risiko, dass sich Tierseuchen ausbreiten wie etwa die Afrikanische Schweinepest. Gelangt die über Wildschweine, die sich auf Futtersuche auch nahe an Siedlungen wagen, in einen Hausschweinbestand, können die Folgen verheerend sein. Mit Drückjagden wird versucht, die Bestände zu dezimieren. "Wir Jäger sehen uns hier als Partner der Landwirte, denen ja auch die Flächen gehören, die wir pachten und bejagen", sagt Müller.

Auch Schießen muss sein

Partnerschaften seien immer wichtig, meint er, und kommt damit thematisch zurück zum Artenschutz. "Ohne Partnerschaften wird es nicht gelingen, eine gesunde Artenvielfalt zu erhalten. Das schaffen wir Jäger nicht alleine."

Hege und Pflege - und manchmal eben doch auch: Schießen. Jäger müssen das tun. Um den Wildbestand dort zu regulieren, wo es keine großen Beutegreifer als natürliche Feinde gibt. Um kranke Tiere aus dem Bestand herauszunehmen.

Und manchmal eben auch, weil der Markt Bedarf an Wildfleisch hat. Was für Wildfleisch spricht: keine Massentierhaltung, keine langen, quälenden Tiertransporte, kein Stress fürs Tier, ein kurzer, schneller Tod.

Viele Jäger vermarkten das Wildfleisch aus ihrem Revier selbst. Das kostet mehr als die Schweineschnitzel aus dem Sonderangebot des Discounters um die Ecke. "Aber wem es ernst ist mit dem Tierwohl", sagt Peter Müller, "der sollte auch bereit sein, den höheren Preis zu zahlen."

Letztlich auch das: eine Frage der Verantwortung.

Wieder mehr Arten im Wald

Wald, Wild, Jagd: Das gehört zusammen. Wer über die Verantwortung für ein stabiles Ökosystem Wald diskutieren will, darf aber nicht nur mit Jägern sprechen, sondern muss auch einem Forstmann die entsprechenden Fragen stellen.

Michael Schmidt ist seit wenigen Wochen Leiter für den Bereich Forsten im Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kulmbach. Wie alle Förster und Waldbesitzer steht er derzeit vor einer großen Herausforderung: Den Wald so zu gestalten, dass er dem Klimawandel standhalten kann.

Trockenheit und Schädlinge haben unseren Wäldern in den letzten Jahren zugesetzt.

Dennoch sagt Schmidt: "Bei der Artenvielfalt im Wald sehen wir Fortschritte." Hohltaube und Specht seien wieder häufiger zu sehen als noch vor ein paar Jahren. Experten registrieren eine zunehmende Zahl von Schwarzstörchen. "Da hat Oberfranken die höchste Populationsdichte in Bayern."

Was der Forstverwaltung manchmal Mühe macht, hat auf die sogenannte Biodiversität (also die Artenvielfalt) Schmidt zufolge sogar Vorteile: Gerade im Frankenwald gibt es viele kleine Waldstücke mit unterschiedlichen Besitzern, die ihren Wald auf jeweils unterschiedliche Weise bewirtschaften. "Das fördert die Diversität."

Der Forst bleibt aber dennoch in der Verantwortung für einen stabilen, gesunden Wald. Dazu gehören der sogenannte Waldumbau und die Förderung von Arten, die standortgerecht sind und künftig dem Klimawandel standhalten können.

Der Baum der Wahl ist dabei die Tanne. "Früher gab es im Frankenwald 60 bis 70 Prozent Tannen im Altbestand", weiß Michael Schmidt. "Das ist liegt jetzt in unserer Verantwortung, dass wir die Tanne wieder stärker vermehren."