Zum "Lied der Franken" läuft Armin Laschet durch das Eingangsportal des Thurnauer Schlosses. Das Liedgut, intoniert von der Blaskapelle Baunach, wäre nicht weiter erwähnenswert - wenn es der Unionskanzlerkandidat nicht nur fehlerfrei mitsingen könnte, sondern er (fast) alle Strophen auswendig kennt, sogar die vom heiligen Veit zu Staffelstein.

"Ich habe das während meiner Jura-Studentenzeit in München sehr häufig gesungen", erklärt der gebürtige Aachener, dem aber ein besonderer Gesangsanlass noch in bester Erinnerung sei: Am 10. November 1989, ein Tag nach dem Fall der Mauer, erklang das vertonte Kulturgut auf einer Tagung mit Journalisten in Kloster Banz. "Damals fuhren Tausende Trabis aus der DDR vorbei. Da wurde mir bewusst, dass diese Region Oberfranken, die viele Jahrzehnte Zonenrandgebiet war, plötzlich ins Herz Deutschlands gerückt wurde. Und genau diesen schwierigen Wandelprozess haben Sie alle hier in drei Jahrzehnten erlebt."

Nicht nur städtisch denken

Von dieser historischen Begebenheit spannt er in seiner gut 20-minütigen Rede den Bogen zur aktuellen politischen Debatte, die ihm bisweilen zu sehr geprägt sei von der Sichtweise von (Groß-)Städtern und zu wenig von den Nöten im Umland. "Deutschland ist eben nicht nur Berlin-Mitte. Mehr als die Hälfte der Menschen lebt im ländlichen Raum - und Sie haben hier genauso Anerkennung verdient und nicht jene Häme, die in den Debatten durchscheint."

Der Applaus der 200 geladenen Gäste hallt wider von den Wänden. Er wird sich wiederholen, als er von "klarer Kante nach rechts" spricht, er Innovation und Freiheit den Vorrang gibt vor Verbot und staatlicher Bevormundung, vor fragwürdigen Lösungen bei den Mitkonkurrenten von SPD und Grünen zu einer so existenziellen Bedrohung wie dem Klimawandel warnt und das Menetekel eines Linksrutsches in der Republik an die Schlosswand malt.

Einer, der immer wieder Beifall spendet, ist Starkoch Alexander Herrmann. "Was ich heute gehört habe, klingt für mich, als spräche der gesunde Menschenverstand." Der Wirsberger sei vor allem in Sachen Corona-Impfung bei den Vorstellungen der Union. "Ich unterstütze das sehr, und CDU und CSU zeigen in diesem Punkt dankenswerter Weise eine klare Haltung." Kompetent, sympathisch und integer - diese drei Vokabeln fallen Bezirkstagspräsident und CSU-Mann Henry Schramm ein, wenn er Armin Laschet beschreiben soll.

In die Tiefe gehen

Derweil bahnt sich der Ehrengast aus NRW seinen Weg in den Carl-Maximilian-Bau, wo einige Pressevertreter warten. Zum Gefolge zählt Bürgermeister Martin Bernreuther. Er vergleicht den Endspurt im Wahlkampf mit dem Bergbau (Laschets Vater war Kumpel). "Man muss hier wie da in die Tiefe gehen, um Dinge ans Licht zu bringen."

Oben im Schloss schnarren schwere Holztüren, Laschets Wahlkampfteam dirigiert die Medienleute rein und raus. Gastgeberin Emmi Zeulner wartet draußen und schnauft kurz durch. Die vergangenen Tage seien voller Anstrengungen gewesen, um das Event so kurzfristig möglich zu machen. "Es war natürlich unser oberfränkischer Charme", tupft sie verschmitzt auf die Frage hin, wie ihr der Coup des Besuchs gelungen ist. Der einzige in Oberfranken. Laschets Wahlkampfleiterin blickt streng auf die Uhr und drängt zum Gehen. "Wir müssen." Keine Stunde später wird Laschet den Mann treffen, der es ihm im Ringen um die Kanzlerkandidatur lange schwergemacht hat: In Nürnberg geht es mit Markus Söder zum hintergründigen Bratwurstessen. "Lassen Sie sich Zeit, die besseren Würste bekommen Sie eh hier", entgegnet ein Besucher.

Laschet lächelt freundlich, aber müde; für einen Moment wirkt er abgekämpft, schiebt die randlose Brille hoch und reibt sich die Augen. Doch das Protokoll kennt keine Gnade und der Terminkalender an diesem Tag ohnehin nicht. Aus Celle in Niedersachsen kommt er am Morgen angereist, nach den Stippvisiten in Thurnau und Nürnberg geht es für den 60-Jährigen weiter nach Augsburg. Die Ochsentour ist genau getaktet.

Kaum hat der hohe Gast das Areal verlassen, entspannen sich die Gesichtszüge von Peter Hübner. Der Leiter der Kulmbacher Polizei nickt einem Kollegen zu. "Passt." Armin Laschet ist eine so genannte Schutzperson der höchsten Gefährdungsstufe. "Sicherheitstechnisch ist das Schlossambiente durchaus eine Herausforderung. Dicke Mauern können heutzutage auch von Nachteil sein, die Ortschaft ist klein und eng für den Fall, das was wäre." Aber es ist nichts. Nur Ruhe nach dem Ansturm. Das heißt, ganz ruhig ist es nicht: Die Blasmusik spielt weiter.