Er ist ein kritischer Geist, fränkisch, frech, unangepasst und ein bisschen schräg, ein anerkannter Künstler, ein Mahner und ein Menschenfreund. Er bezeichnet sich selbst als "Handwerker", und er geht seinen eigenen Weg. Dieser Weg führt den Zeichner, Radierer, Grafiker und Illustrator Stephan Klenner-Otto (60) jetzt weg von Kulmbach. Der Mann, der sich stilistisch zwischen Phantastischem Realismus und düsterem Surrealismus bewegt, bricht seine Zelte ab in Hornungsreuth (Neudrossenfeld), wo er seit fast 25 Jahren lebt. Im Interview erklärt "SKO", wieso er Mitte Juli umzieht, was er von der Kultur- und Kunstszene in Kulmbach hält und warum er zuletzt Morddrohungen erhalten hat. BR:Abschied von Hornungsreuth und Kulmbach, die eigene Facebook-Seite geschlossen: Wollen Sie komplett abtauchen, Herr Klenner-Otto? Stephan Klenner-Otto: Nein, bestimmt nicht. Das eine ist der Umzug nach Rödental, das andere mein Facebook-Account, den ich geschlossen habe. Wenn man Morddrohungen auf Facebook bekommt, dann macht man das. Ich hatte Angst. Ich habe mich ein bisschen lustig gemacht über Markus Söder, über den König von Bayern, der Kaiser anstelle der Kaiserin werden will. Er ist ein Selbstdarsteller, das kapieren die meisten Leute nicht. Zu Facebook gehe ich nicht mehr zurück. Die Dummköpfe dort verstehen keine Ironie - das ist schrecklich. Ich habe andere Kommunikationswege, ich bin gut vernetzt. Warum ziehen Sie um? Vor ein paar Jahren haben wir das Elternhaus meiner Frau Ingrid in Rödental bei Coburg gekauft. Das bauen wir aus. Es ist nicht so, dass uns Hornungsreuth nicht gefällt. Im Gegenteil, wir lieben es - ein Traum, was wir hier in 25 Jahren erlebt haben. Aber das Haus hier ist uns zu eng geworden. Und dort habe ich mehr Platz für meine Arbeit, für meine Produktion. Eine rein pragmatische Entscheidung. Also kein Frust, kein Groll? Obwohl Sie das Kunstverständnis am Kulturstandort Kulmbach schon manchmal zur Verzweiflung brachte, oder? Nein, bei unserem Umzug ist kein Frust dabei. Aber diese Art und Weise, wie Kunst in Kulmbach zum Teil wahrgenommen wird, ist mir zu zeitgeistig. Jeder meint, wenn er mit Acrylfarbe oder mit Rost a bissla rummachen kann, dass das dann schon Kunst sei. Dabei ist man nicht fähig, einen Baum zu zeichnen. Die handwerkliche Ausbildung fehlt vielfach. Dieses Manko wird in der Öffentlichkeit überspielt und übertüncht, das hat mit Kunst nichts zu tun. Auch unsere Politiker vor Ort machen hier mit. Kunst ist keine schnelle Nummer, um sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. In Kulmbach geht die Kultur am Stock - jetzt ist es wieder so weit. Deshalb das satirische Blatt vom blinden Huhn, das die Eierschale über die Plassenburg stülpt? Nein, das hat mit den sogenannten Künstlern nichts zu tun. Damit habe ich vor einigen Jahren die politischen Verhältnisse in Kulmbach karikiert. In Kulmbach läuft nicht alles glatt, das wissen wir alle. Das ist mein Sarkasmus. Das satirische und ironische Element fehlt mir sowieso im Kulmbacher Land - Zitat SKO. Was meinen Sie mit diesem Satz? Ganz einfach: Jeder ist gleich beleidigt, wenn man einen Witz macht. Aber ich habe gemerkt, das Problem geht über Kulmbach hinaus. Sonst hätte ich meinen Facebook-Account nicht gelöscht. Satire und Ironie sind Anregung und anregend. Sie müssen sein, auch wenn sie noch so bitter rüberkommen. In Deutschland und im benachbarten Ausland sind Sie inzwischen ein anerkannter Zeichner, Radierer und Illustrator... In Kulmbach und in der Region kennt man mich schon auch. Aber ich will hier vor allem leben, das macht mir Spaß. Ich will hier nicht berühmt sein. Ich will ein Mensch unter Freunden und Nachbarn sein. Ich finde genug Anerkennung und Achtung. Zum Beispiel kaufte die Europäische Union eine Radierserie zu "Europa und der Stier" mit 28 Blättern. Und ich bekomme demnächst ein Kabinett in der Alfred-Kubin-Galerie in Wernstein/Oberösterreich, ein eigenes kleines Museum mit einem Querschnitt meiner Arbeit. Sehen Sie sich in der Tradition von Alfred Kubin und Caspar Walter Rauh mit deren Vorliebe für das Hintergründige, Brüchige und Bizarre? Natürlich, die haben den Zeitgeist aufgegriffen, das ist auch meine Idee. Hintergründig, bizarr, schräg, ironisch, witzig - so verstehe ich mich. Aber die Zeiten haben sich geändert. Ironie wird als bedrohlich empfunden. Viele Menschen wollen geführt werden, sie wollen einen Führer und wollen nicht mehr selber denken. Es ist so einfach, sich alles vorschreiben zu lassen. Damit habe ich meine Probleme. Kritisch zu sein, ist halt schwieriger. Erschreckend und dumm, was in den letzten Jahren passiert ist. Wie war es, Caspar Walter Rauh in seinem Atelier in der Kulmbacher Kohlenbachstraße zu begegnen? Alle zwei, drei Tage war ich dort, drei Jahre lang - das war meine Ausbildung. Er hat mir das Radieren beigebracht, das richtige Handwerk. Er war ein toller Lehrer, hat gemotzt und war stinkig, wenn was nicht passte. Anfangs habe ich versucht, ihn nachzumachen, nachzuäffen. Da hat er geschimpft. Er war skeptisch, aber nach drei Jahren hat er gemeint, es könnte was draus werden. Und es ist was draus geworden. Was reizt Sie mehr: die Kabinettstückchen mit den Literatenköpfen von Jean Paul bis E.T.A. Hoffmann oder großflächige Wandbilder? Zeichnung, Radierung reizt mich am meisten. Da kann ich mich ausleben: vom Gedanken über den Arm aufs Papier oder auf die Platte. Das ist meine Kunst, und Kunst hat für mich - wie gesagt - vor allem etwas mit Handwerk zu tun. Wie will man sich ausdrücken, wenn man nicht das Handwerk beherrscht Was steht nach dem Umzug an? Welche Ziele und Projekte gibt es? Es kann alles so bleiben. In Rödental werde ich genauso weitermachen wie bisher. Das vergangene Jahr war meine Offenbarung, dass es richtig war, was ich gemacht habe. Unter anderem bekam ich eine Einladung zum renommierten sächsischen Druckgrafiksymposium. Jetzt im Herbst müssen die Illustrationen für ein Insel-Buch im Verlag Suhrkamp fertig werden. Und im November bin ich bei der Leipziger Grafikbörse von Sven Böttcher eingeladen. An Arbeit mangelt es nicht. Was werden Sie vermissen? Die ganzen Freunde natürlich. Aber es gibt Telefon und Autos. Kulmbach werde ich auch vermissen. Als ich 19 Jahre war und Caspar Walter Rauh kennenlernte, habe es ich es nicht verstanden, wie er unter Kulmbach gelitten hat, darunter, dass er nicht anerkannt war. Jetzt verstehe ich ihn ein bisschen.

Zur Person

Stephan Klenner-Otto

1959 geboren in Kulmbach, aufgewachsen in Ziegelhütten, verheiratet, ein Sohn

1975 Mittlere Reife

1975 - 79 Ausbildung zum Zeichner und Siebdrucker

1976 Beginn von Einzel- und Gruppenausstellungen; inzwischen Ausstellungen in ganz Deutschland und im europäischen Ausland

1982 Umzug nach Frickenhausen (Landkreis Esslingen)

1996 Umzug nach Hornungsreuth (Gemeinde Neudrossenfeld)

1998 Kulturpreis des Landkreises Kulmbach

2015 Kulturpreis der Oberfrankenstiftung

Goodbye, großer SKO! - Das sagen Freunde und Kollegen HornungsreuthStephan Klenner-Otto verabschiedet sich aus Kulmbach. Freunde und Weggefährten machen sich Gedanken zum Umzug. Jürgen Zinck, Dekan i.R. Wahrscheinlich darf ich für nahezu all seine Freunde und Freundinnen aus der Kunstszene sprechen. Wir freuen uns mit ihm, dass er künftig richtig viel Raum und Licht im nahezu riesig gewordenen Atelier haben wird. Um den weiterhin intensiven, freundschaftlichen Kontakt machen wir uns keine Sorge. Stephan ist und bleibt ein Netzwerker. Im Spätherbst - oder wann immer Corona es erlauben wird - gründen wir einen regelmäßigen Treff beruflicher Künstler und Künstlerinnen in unserer Region. Er hat zugesagt, daran regelmäßig teilzunehmen. Wolfgang Schoberth, Historiker Sein Wegzug wird im Kulmbacher Raum zu spüren seien. SKO war in vielen Ausstellungen präsent und hat dem hiesigen Kunstbetrieb Zunder gegeben. Spießige, von sich selbst eingenommene Kommunalpolitiker konnten ihn auf die Palme bringen. Nicht selten hat er sich mit ihnen offen angelegt. Vor allem aber ist es der Verlust eines bedeutenden Künstlers. Der Kosmos seines Schaffens ist schier unerschöpflich: Totentänze, Kreuzwegstationen, Gartenzwerge, Wurzelwerk, Blumenträume. Daneben frei fantasierte Köpfe heutiger Prominenter und großer Schriftsteller, Komponisten und Wissenschaftler früherer Jahrhunderte. Und immer wieder beißende Alltagssatire gegen die Dummheit und provinzielle Enge. Für mich die stärksten Blätter sind seine Illustrationen spätromantischer Literatur: Seine skurrilen und witzigen Zeichnungen und Radierungen der Figuren Jean Pauls, E.T.A. Hoffmanns, Achim von Arnims oder Gustav Flauberts suchen ihresgleichen auf dem Kunstmarkt. " Goodbye, lieber SKO, wir bleiben an dir dran. Gerhard Popp, Künstlerkollege Stephan und ich kennen uns seit unserer Jugend. Er ist ein grundehrlicher und bescheidener Mensch, ein belesener Feingeist mit scharfen Ecken und Kanten und starken Emotionen, der einem unverblümt ins Gesicht sagt, was er denkt. Er ist ein begnadeter Zeichner, Maler und Illustrator mit großer Arbeitsdisziplin und Schaffenswillen. Mancher läuft in seinem Leben auf einer Autobahn mit Standspur. Wir beide dagegen sind die Gratwanderer und Höhlenforscher - schöpfen aber daraus unsere Kreativität. Zum Glück haben wir beide seit Jahrzehnten starke Frauen, die uns auf der Wegsuche zur Seite stehen.