Wie hört sich ein Lauffeuer an? Etwa so: "Haste gehört, der Trojans Franz ist tot!" Ja, der kleine Kulmbacher Trommler vom Weiherer Musikverein, der vor fast 50 Jahren auszog, um sich professionell im Musikbusiness einen Namen zu machen, ist mit 64 Jahren gestorben. Heimlich, still und leise. Vergessen von fast allen.

Moment mal: Wann ist ein Mensch vergessen? Vielleicht dann, wenn keiner mehr von ihm spricht? Dann existiert Franz Trojan seit zwei Jahrzehnten quasi nicht mehr. Aus dem Auge, aus dem Sinn. Abgestürzt, obdachlos, von einer guten Seele schließlich aufgefangen - weit weg von zu Hause - in Kamp-Lintford in NRW. Was aber, wenn die Kategorie lautet: Wenn man nichts mehr von ihm hört? Dann gelten, speziell bei Musikern, andere Maßstäbe. Dann nämlich kommt es darauf an, was an tönendem Erbe bleibt.

Im Falle von Franz Trojan ist da einiges: "Skandal im Sperrbezirk" beispielsweise, die Bayernhymne an das horizontale Gewerbe. Oder aber "Schickeria", der Abgesang auf den Schicki-Micki-Kult in München. Sie laufen wie der berühmte Käfer von VW. Der gebürtige Kulmbacher Trojan hat diesen und anderen Hits der Spider Murphy Gang den Rhythmusgraben geschaufelt. Ohne die treibenden Wirbel und die schnellen Fill-ins hätten sie sich nicht so ins kollektive Songgedächtnis gebrannt.

Davor standen harte Jahre in Kulmbach, das für Franz Trojan immer Provinz war, wie er gegenüber der BR in einem Interview von 2015 erzählte. Er meine das nicht böse und schon gar nicht auf die Bürger bezogen. "Provinz war es in Sachen Musik."

Die aber wird sein Rettungsanker, wie er sagt. Es war die Möglichkeit, der "deprimierenden Welt meiner Eltern" in der familieneigenen Schankwirtschaft "Gasthof Stadt Eger" zu entfliehen. Er hat in mehreren Gruppen gespielt. "Aber irgendwann wird es halt verflixt eng, wenn du was Professionelles daraus machen willst".

Und das wollte er. Beim Musikverein Kulmbach-Weiher folgte der letztlich prägende Wechsel zum Schlaginstrument. "Der Dirigent sagte, sie hätten keinen Trommler. Also spielte ich fortan die Marschtrommel." Er spielte aber nicht nur. Er übte "wie ein Wahnsinniger". Schwänzte die Schule. Sein Stundenplan: erste bis sechste Stunde Schlagzeug. Ein Ferienjob bei einer Mälzerei brachte dem damals 14-Jährigen einen Tausender - der Grundstock für das erste eigene Drumset. Zugleich der Schlüssel in eine größere Welt. München wird ab 1973 zum neuen Mittelpunkt. Dank einer Zeitungsannonce macht Trojan schließlich die lebensprägende Bekanntschaft mit Günther Sigl und Michael Busse, den beiden anderen Gründungsmitgliedern der späteren Spider Murphy Gang.

Es folgten Jahre des Höhenflugs. Trojan steuerte eigene Songs bei, darunter "Mädchen drüben", ein Lied über die Tour der Band durch die DDR 1983. Es war ein Leben wie im Rausch. Und das wurde es buchstäblich. Für den Schlagzeuger war "Sex, Drugs & Rock'n'Roll" nicht bloß eine leere Phrase, sondern tägliche Realität. Ein Leben auf der Überholspur, vergöttert von Zigtausenden, der Sonne nahe und schließlich zu nahe gekommen wie Ikarus, mit verbrannten Flügeln ins Trudeln geraten und abgestürzt.

Über die Trennungsgründe von den "Spiders" gibt es diverse Varianten. "1992 war Stillstand in der Band. Die anderen wollten nur die alten Hits spielen, es kam nix Neues. Da bin ich raus." Das ist eine Version von Franz Trojan, die er später revidierte. Demnach soll Günther Sigl dem cholerischen Drummer den Rausschmiss aus der Gruppe mit 500000 Mark auf die Hand versüßt haben.

Fall ins Bodenlose

Danach folgte der Fall ins Bodenlose. Die Kokssucht hatte Spuren hinterlassen, der Alkohol ebenso. Letztlich landete der Kulmbacher auf der Straße und in einem Obdachlosenasyl in Moosburg. Vom Ruhm - und vom Geld - ist nichts geblieben. Lissy Dicks, eine Musikproduzentin aus Nordrhein-Westfalen, war es, die Trojan bei sich aufnahm, ihm in einem Wohnwagen Obdach gewährte über viele Jahre und auch ein neues Album mit ihm produzierte. Titel: "Wieder im Glück". Das sagt viel. Seiner Retterin war er bis zuletzt dankbar. Auch wenn er nicht mehr trommeln konnte, weil er Probleme mit der Hand hatte, fühlte Trojan doch eine Art von Geborgenheit, die er lange nicht gespürt hatte.

Nach Kulmbach kam er nie dauerhaft zurück. Ein paar Mal besuchte er seine Heimat, etwa zum Altstadtfest. Und 2013 für eine Doku des Bayerischen Fernsehens über sein Leben, die Senta Bergers Sohn Luca Verhoeven drehte. Damals kam auch eine erste zarte Annäherung an seine Geschwister zustande. Ende einer gefühlt ewigen Funkstille. Jetzt ist auch dieser letzte Kontakt nicht mehr möglich. Über die Todesursache ist nichts bekannt. Franz Trojans Biografie trägt den passenden Titel "Hauptsache laut": So war sein erstes Leben. Abgetreten ist er still. Aber in der Musik lebt er weiter - und im Himmel kann er nun mit Stones-Drummer Charlie Watts weitertrommeln.