"Mein Gefühl sagt mir: Es gibt keinen Krieg" - das hatte Roman Konovalov noch vor einer Woche im Gespräch mit der Bayerischen Rundschau erklärt. Von seiner Hoffnung, seiner Zuversicht war gestern nicht mehr viel zu spüren. "Ich befürchte, es gibt doch Krieg", sagte der 38-Jährige am Dienstagmorgen am Telefon

Auf dem Pulverfass

Konovalov, der bis 2020 über fünf Jahre in Rugendorf beheimatet war, sitzt mit seiner Frau Marina und den drei Kindern (3, 9, 15) auf einem Pulverfass. Die Familie lebt in Mariupol, einer 440 000 Einwohner zählenden Stadt in der selbst ernannten Volksrepublik Donezk in der Ostukraine, die von Russlands Präsident Wladimir Putin am Montag anerkannt worden ist.

Was macht Selenskyi?

Während die von Russland unterstützten Separatisten im nahen Donezk und in Luhansk die Anerkennung feierten, zeigte sich Roman Konovalov in Mariupol, der letzten von der Ukraine kontrollierten Großstadt im umkämpften Osten des Landes, schockiert. "Was Putin macht, das ist nicht gut", sagte Konovalov, der weiß, dass es die Dekrete Russland ermöglichen, sowohl Waffen als auch Truppen in die Region zu schicken, "um den Frieden zu wahren", wie es von Seiten des Kreml heißt. Frieden, den sich der 38-Jährige ohne einen russischen Einmarsch wünscht, doch von Tag zu Tag werden seine Zweifel größer, dass die Ukraine-Krise ohne Gefechte gelöst werden kann. "Ich bin gespannt, was unser Präsident Selenskyj macht, ob er weiterhin die diplomatische Lösung sucht. Rückt das russische Militär ein, gibt es Krieg, wenn unsere ukrainische Armee nicht zurückweicht."

Auch Senioren an den Waffen

Eine Armee, für die er im Ernstfall wohl kämpfen müsste, "auch wenn ich an Gott glaube und nicht kämpfen will". Konovalov weiß: "Unsere Armee braucht jeden Mann." Viele seien in seiner Heimatstadt bereit, sich dem russischen Militär entgegenzustellen, was sich in den vergangenen Wochen gezeigt habe. Es hat ein Grundkampftraining für Zivilisten gegeben, das von einer Spezialeinheit der ukrainischen Nationalgarde organisiert worden war. Selbst Seniorinnen haben das Schießen mit dem Gewehr geübt.

Lauter Einschlag

Geschosseinschläge hört man in Mariupol seit Jahren, liegt die Stadt doch unweit der Frontlinie zwischen der Ukraine und den von Russlands unterstützen Separatisten. "Am Montag sind wir um 4 Uhr im Bett aufgeschreckt, als es in der Nähe der Stadt wieder mal laut gekracht hat", berichtet Roman Konovalov.

"Die Lage ist sehr unübersichtlich"

Wer Geschosse abgefeuert hat? War es die ukrainische Armee, waren es die Separatisten oder war es schon das russische Militär? "Ich weiß es nicht, die Lage ist zu unübersichtlich", sagt der Ukrainer, der schon seit langem mit der Angst um seine Familie lebt. Die ist noch viel größer geworden, als Wladimir Putin am Montag von einem Massenverbrechen am russischstämmigen Volk in der Ostukraine gesprochen und die Ukraine als Aggressor bezeichnet hat. "Ich war richtig geschockt", sagte Konovalov, der die Rede am Fernseher verfolgt hat.

Was Putins Ansprache in Mariupol bewirkt hat? Es gebe auch Sympathisanten des russischen Präsidenten. "Die meisten Leute haben aber vor ihm Angst." Auch viele seiner Freunde und Bekannte machten sich auf die Flucht, sagt Konovalov, dessen Frau schon vor Wochen die Koffer gepackt hat. Was er machen wird? Er wolle erst einmal die kommenden Tage abwarten. "Denn es ist keine einfache Entscheidung, die Heimat zu verlassen, alles liegen und stehen zu lassen. Mein Kopf sagt Ja, mein Herz sagt Nein."

Die Flucht nach Rugendorf

2014 hatte Konovalov schon einmal das Weite gesucht. Damals hatte es in Mariupol Kämpfe zwischen den Sicherheitskräften der Ukraine und prorussischen Kräften gegeben, bei denen es viele Tote gegeben hat. Konovalov war nach Deutschland geflüchtet und in Rugendorf gelandet. Als sein Asylantrag 2020 abgelehnt worden war, ist er in die Ukraine zurückgekehrt. Gerne würde er mit einem Arbeitsvisum nun wieder nach Deutschland. In seine zweite Heimat, wie er betont. Er habe seit 2020 schon mehrere Versuche gestartet, sei aber am Veto der Behörden gescheitert.

Der Westen soll sich zurückhalten

In der Bundesrepublik würde er im Frieden leben, in der Ukraine droht der Krieg. Was sich der 38-Jährige jetzt vom Westen wünscht? Roman Konovalov muss lange lange überlegen, bis er eine Antwort findet. "Ich wünsche mir, dass das französische oder auch das amerikanische Militär nicht eingreift, den sonst wird es ganz schlimm. Dann droht ein Weltkrieg."

In einem ist sich der 38-Jährige im übrigen sicher. Die von der EU angekündigten Sanktionen lassen den russischen Präsidentin kalt. "Was die EU beschließt, ist ihm egal. Er ist Putin. Und der macht, was er will."