Wer wissen will, wie Verzweiflung klingt, der sollte Carmen Schreiber zuhören. Einsam schreitet die zertifizierte Hundetrainerin ihr verwaistes Gelände ab, direkt hinter dem Sportheim des TDC Lindau gelegen. Seit Monaten hallt hier kein Bellen mehr über den Platz, jagt kein Vierbeiner spielerisch dem anderen nach, folgt kein "Sitz" oder "Platz" oder "Fuß" von Herrchen und Frauchen. Leinen los - lange ist's her...

Das letzte Training konnte die 48-Jährige Lindauerin am 15 Dezember vergangenen Jahres halten. Seitdem ist Schicht im Schacht. "Ich darf meinen Job nicht ausüben, warum auch immer, schließlich sind wir im Freien auf einem Grundstück, das rund 2500 Quadratmeter groß ist, ich also locker alle Abstandsregeln gewährleisten kann. Und nicht mal die versprochenen Hilfen fließen. Insofern wird es wohl darauf hinauslaufen, dass ich die Segel streichen muss, wenn es noch länger so geht. Ehrlich gesagt fällt mir nach all den Irrungen und Wirrungen auch nichts mehr ein, was die Situation für mich und meine Branche noch irgendwie zum Guten wenden sollte."

Versucht haben sie und ihre Gleichgesinnten alles. Mittlerweile hat sich bundesweit eine Initiative von Hundetrainern formiert, die sogar bis vor den Verwaltungsgerichtshof und notfalls das Bundesverfassungsgericht ziehen und eine Öffnung einklagen will. Das Regularien-Wirrwarr der vergangenen Monate hat Carmen Schreiber dokumentiert. Logik kann sie dahinter keine erkennen.

"Wir Hundecoaches hatten, wie auch in anderen gewerblichen Bereichen, unser Hygiene- und Sicherheitskonzepte fertig: mit Desinfektionsmittel, Mundschutzpflicht, Pylonen zur Abstandssicherung, damit ein Halter und sein Hund nicht anderen zu nahe kommen. Wir haben Unterschriftslisten für unsere Kunden ausgelegt wegen der möglichen Nachverfolgung und haben drauf gedrungen, dass jemand, der sich unwohl fühlt, zum Schutz aller nicht zum Training erscheint. Alles, was fas Landratsamtz Kulmbach uns erlauft hat, haben haben wir eingehalten - mit dem großen Erfolg: Bei uns auf dem Hundegelände gab es keinen einzigen Corona-Fall!" Und ironisch schiebt sie nach: "Als Dank hat man uns die Bude dichtgemacht, als wären wir ein Infektions-Hotspot!"

"Wir haben alles Geforderte eingehalten"

Bereits im Frühjahr 2020, zu Beginn der Pandemie, musste Carmen Schreiber für zwei Monate zusperren. "Damals wurden wir von der Staatsregierung unter der Sparte ,Hobby & Freizeit' eingruppiert. Später änderte sich das, plötzlich waren wir Dienstleister, und noch etwas später wurden wir unter der sogenannten außerschulischen Bildung eingruppiert. Das soll noch einer verstehen."

Immerhin konnte die Lindauerin in der Folge ihr Gelände wieder öffnen - wenn auch unter Auflagen. "Die Abstands- und Maskenregeln haben ich und meine Kunden immer strikt befolgt. Hauptsache war für uns alle doch, wir konnten überhaupt aufmachen." Mitte November 2020 wurde zuerst das Gruppentraining untersagt, seit 15. Dezember ebenso jedes Einzeltraining. "Unterm Strich wurde uns ein Berufsausübungsverbot auferlegt, das seither gilt."

Und was ist mit den Hilfen des Staates? Carmen Schreiber wird hörbar ungehalten. "Diese angepriesenen umfassenden Hilfen kommen nicht. Das ist ein Witz." Vom Bundesgesundheitsministerium habe sie "ein standardisiertes Antwortschreiben erhalten, sie möge sich doch gedulden. "Das scheint bundesweit so zu laufen, ich bin mit vielen Coaches in der Republik vernetzt. Jetzt haben wir Mitte März, dürfen nicht aufmachen, sehen aber auch kein Geld. Wie soll das funktionieren? Auch wir Hundetrainer haben Versicherungen und Fixkosten jeden Monat, die beglichen werden wollen. Bei null Einnahmen wird das schwierig."

Auch die Hundehalter sehen die Entwicklung mit Sorge, sagt Carmen Schreiber. "Es kommen fast täglich Anrufe und E-Mails mit verzweifelten Hilferufen. Ich kann nur sagen: Es tut mir leid, ich würde gerne helfen, aber ich darf schlicht und ergreifend nicht. Aber: Die Tiere sind ja da und lösen sich nicht in Luft auf. Es sind Welpenbesitzer, noch unerfahrene Ersthundebesitzer, Menschen mit Hunden sozusagen aus zweiter Hand mit schwieriger Vorgeschichte, ängstliche Hunde, die Probleme machen: Sie alle wären dringend auf Coaching angewiesen und fragen das händeringend nach. Aber das scheint niemanden in den Behörden zu interessieren."

Das einzige, was sie anbieten kann: Tipps am Telefon. Aber das ersetze niemals den persönlichen Kontakt. "Die Hunde müssen ja die Nähe zu Artgenossen spüren und kennenlernen, sonst kann das schnell dramatische Folgen haben. Gerade bei Welpen ist die erste Zeit der Prägephase wichtig - dazu gehört unbedingt die Sozialisierung mit anderen Hunden und Menschen." An diverse Stellen hat sich Carmen Schreiber gewandt und den Schriftverkehr penibel dokumentiert. "Ich habe ans Landratsamt geschrieben, die Regierung von Oberfranken, die Ministerien in München. Es kam immer nur die gleiche Standardantwort zurück."

Keine Chance wegen der Inzidenz

Apropos Landratsamt. Die BR wollte wissen, was genau die Wiederöffnung von Hundeschulen verhindert. Antwort der Pressestelle: "Laut aktueller bayerischen Infektionsschutzverordnung ist die Öffnung von Ladengeschäften mit Kundenverkehr für Handels-, Dienstleistungs- und Handwerksbetriebe in Landkreisen und kreisfreien Städten, in denen eine 7-Tage-Inzidenz von 100 überschritten wird, grundsätzlich untersagt. Gemäß der Auflistung ,FAQ Corona-Krise und Wirtschaft' vom 11. März des Staatsministeriums für Gesundheit können nach jetzigem Stand Kulturstätten und Bildungsangebote erst bei einer vorliegenden Inzidenz unter 100 öffnen. Hierzu zählen unter anderem Hundeschulen/Hundetraining. Aufgrund der momentanen Inzidenz von deutlich über 100 liegen die Voraussetzungen für Hundetraining in Präsenzform im Landkreis Kulmbach demnach nicht vor."