Robert Wölfel könnte stolz sein auf das Erreichte und beruhigt seiner Arbeit nachgehen: Der 23-Jährige hat die Prüfung zum Landwirtschaftsmeister bestanden, er führt den elterlichen Hof in Buch am Sand weiter. Und er hat groß investiert. Einen hohen sechsstelligen Betrag hat er in die Hand genommen. Das Ergebnis ist weithin sichtbar - ein neuer Stall für 75 Kühe, nach dem Stand der Technik und den strengen Vorgaben ausgestattet.

Die Finanzierung des benötigten Darlehens war gut durchdacht, die Einnahme-Kalkulation ebenso. "32 Cent brauche ich als Erlös für den Liter Milch, dann geht alles auf. Als ich angefangen habe zu bauen, waren es noch 37 Cent." Robert Wölfel lächelt in Erinnerung an diese Zeiten, obwohl ihm nicht danach zumute ist. Denn genau die Entwicklung des Milchpreises bereitet dem Milchbauern und vielen anderen seiner Zunft Kopfzerbrechen. "Mit den derzeit gezahlten 29 Cent komme ich kaum aus."

Zwei Konstellationen sind eingetreten, die die Milchbauern an den Rande der Existenz bringen und schon einige Hundert in Bayern haben aufgeben lassen. Zum einen hat das Russland-Embargo für Lebensmittel die Ware Milch verbilligt, weil ungewöhnlich hohe Mengen vorrätig sind. Zum anderen ist es der Preiskampf unter den Discountern, die an der Erlösschraube der Bauern drehen. "Wenn da einer anfängt, zieht der andere nach. Wir als Produzenten sind die Dummen."

Ob der 23-Jährige auch schon daran gedacht hat, die Brocken hinzuwerfen? "Naja, was soll ich machen? Jetzt habe ich investiert. Außerdem: Ich kann mir keinen anderen, keinen schöneren Beruf vorstellen", sagt er und blickt auf das Display des Melkroboters. Auch der ist neu, auch der hat den Gegenwert eines Einfamilienhaus-Rohbaus. Auch der muss sich amortisieren. "Aber natürlich nicht unter den gegebenen Umständen."

Der Molkerei der Bayernland AG in Bayreuth, die die Milch seiner Kühe abnimmt, will der Landwirt keine Schuld geben. "Die müssen selber kalkulieren, und wenn der Handel nicht mehr bereit ist zu zahlen - sollen die die Milch wegschütten?" Robert Wölfel und einige Kollegen haben das vor ein paar Jahren mal gemacht. Auch aus Protest gegen die Preise. Haben die Milch in einen Güllewagen gepumpt und aufs Feld gefahren. "Hat nichts gebracht."


Erlös-Paradies Berchtesgaden

Klingt resigniert. "Ja, in gewisser Weise ist man ratlos." Robert Wölfel greift zur Heugabel und schaufelt seinen Kühen Nachschub hin. Lieferant der Molkerei Berchtesgadener Land müsste man sein - dort werden den Bauern fast utopische 38 Cent gezahlt. Der mit Abstand höchste Ertrag im Freistaat. Geschäftsführer Bernhard Pointner begründet das so: "Im Mittelpunkt unserer Unternehmensphilosophie steht, dass wir mit allen unseren Partnern einen fairen Umgang pflegen. Das gilt für die Verbraucher, die unsere Milchprodukte kaufen, und für den Lebensmitteleinzelhandel, an den wir sie liefern."

Und dann sagt er einen Satz, auf den auch Robert Wölfel und seine Kollegen im Kreis Kulmbach warten: "Wenn die Bauern uns Spitzenmilch liefern sollen, müssen wir ihnen auch den Preis bezahlen, mit dem sie wirtschaften können. Deshalb 38 Cent."

"Der Mann hat Recht, Gutes hat seinen Preis." Robert Wölfel schüttelt den Kopf angesichts der um sich greifenden Hauptsache-billig-Mentalität. "Ich bin mir sicher, dass der Verbraucher mehr als 50 Cent für einen Liter Milch bezahlen würde, weil er weiß, dass er ein anständiges Produkt für sein Geld bekommt." Der 23-Jährige verweist auf die laufenden Kosten, die nicht weniger würden. "Ich muss Diesel, Dünger, Kraftfutter kaufen. Und angesichts des trockenen Sommers kann es sein, dass ich etwa Maissilage zukaufen muss, weil bei mir auf den Flächen nicht genug wächst." Nicht zu vergessen: Die Milchviehhalter investierten in die adäquate Haltung der Kühe. "Aber das alles gibt es nicht zum Nulltarif, wir können die Milch nicht verschenken."


Gelder von der EU zurück?

"Die Milchbauern löffeln leider die weltpolitische Suppe aus", sagt Thomas Erlmann. Der Vorsitzende der Kulmbacher Rinderzüchter verfügt nach eigenen Angaben auch über kein Patentrezept gegen Russland-Krise und Wirtschaftsflaute in China. Aber er hätte dennoch zwei Vorschläge, um den Milchbauern das Leben leichter zu machen. Einer betrifft die Europäische Union: "Die EU könnte die Gelder aus der Superabgabe, die Bauern zu Milchquote-Zeiten als Strafzahlung für zu viel produzierte Ware blechen mussten, den Landwirten nun als eine Art Ausgleich zukommen lassen."

Die zweite Maßgabe richtet Erlmann an die deutsche Politik: Mit steuerlichen Vergünstigen könnte den Landwirten unter die Arme gegriffen werden. "Es muss möglich sein, dass ein Landwirt gute mit schlechten Ertragsjahren saldieren kann." Wenn es wieder besser läuft auf einem Hof, dann darf der Betreiber nicht gleich wieder bestraft werden, indem ihn die steuerliche Keule trifft und er nachzahlen muss. Der Fiskus habe gar nichts davon, so Erlmann, wenn immer mehr kleine und mittlere Betriebe in die Knie gehen.