"Fast forward" drückt man auf der Fernbedienung, um schnell vorzuspulen. Dabei überspringt man zwar einen Großteil von Informationen, konzentriert sich aber auf das Wesentliche und erhält letztendlich dennoch ein Gesamtbild. Anders lassen sich 100 Jahre Zeitgeschichte wohl auch kaum in eineinhalb Stunden Theatervergnügen verpacken.

Cineplex als Partner

Im Sommer hatte Theatermacher Rüdiger Baumann das Stück schon einmal anlässlich des Jubliäumsfestes der Arbeiterwohlfahrt (Awo) auf die Bühne gebracht - als Auftragsarbeit. "Wir dachten uns aber schon im Sommer, dass all der Aufwand für nur eine Vorführung viel zu schade ist", sagte Rüdiger Baumann jetzt bei der zweiten Vorführung. Er hat schon seit langem mit dem Gedanken gespielt, einmal im Kino Theater zu spielen, und fand im Cineplex einen bereitwilligen Partner. "Die Geschichte ist wirklich interessant für die breite Öffentlichkeit", stellte er fest.

30 Akteure standen am Freitagabend, am Tag des 100. Geburtstag der Awo, vor der Kinoleinwand: Mitglieder des "Schauhaufens", Mitarbeiter der Awo und weitere Schauspielbegeisterte. Beginnend im Jahr 1919 wurden für jedes Jahrzehnt kleine typische Szenen gespielt. Im Mittelpunkt standen immer ein Kochtopf oder eine Küche, denn so begann die Geschichte der Arbeiterwohlfahrt - als Essensausgabe für Hungernde.

Awo als "dubioser Zirkel"

Seit 100 Jahren kämpft der Verband für Gerechtigkeit und Solidarität, für Vielfalt und Frauenrechte, für ein menschenwürdiges Leben. In der ersten Szene lag es nahe, das neu erkämpfte Frauenwahlrecht in den Vordergrund zu rücken, im Folgejahrzehnt gab es viele Arbeitslose, die New Yorker Börse brach zusammen, durch die Inflation kostete ein Laib Brot fünf Billionen Mark.

Baumann als Nazi

"Die NSDAP muss man nicht so wichtig nehmen", hieß es in der Szene. Im Jahrzehnt zu 1939 brillierte Rüdiger Baumann als Nazi, der "dubiose Zirkel wie diese AWO, die unter einem leicht zu durchschauenden Deckmantel agieren", zerschlagen will. 1949 ein Blick in die sozialistische Republik, zu den Volksküchen und Rosinenbombern, die von der Awo-Gründerin von Amerika aus organisiert wurden. Dieses Jahrzehnt war die Geburt der Currywurst. Im Folgejahrzehnt waren die Gastarbeiter das Thema, "das sind ja alles nur Männer, die werden sowieso nicht lange bleiben", hieß es. Die Awo organisierte Deutschkurse.

Mondlandung und Rehbergheim

Zwischen den Szenen wurden Bilder aus dem Stadtarchiv, bereitgestellt von Erich Olbrich, und Fotos aus Privatbeständen auf der Leinwand eingespielt. So erfuhr man, dass Willi Brandt und Helmuth Schmidt zu Gast in Kulmbach waren. 1969 war das Jahr der Mondlandung, Demonstrationen waren in Mode, in Kulmbach fiel der Startschuss für den Bau des Rehbergheims.

Ende der siebziger Jahre standen die Nachrichten im Zeichen der RAF. Jugendliche liefen mit dem Walkman durch die Gegend, die Frühförderung kam ins Gespräch. In der Dekade von 1989 an beschäftigte die Bevölkerung der nukleare Supergau von Tschernobyl, Glasnost und Perestroika waren die Schlagworte des Jahrzehnts. 1999 gab es Tamagotchi und die Angst vor dem "Millennium-Bug", der alle Computersysteme zum Absturz bringen sollte. Im Jahrzehnt darauf verspekulierte sich die Welt mit Aktien, 9/11 veränderte Amerika - und die Kinderkrippe Krümelkiste wurde in Kulmbach eröffnet. Heute bereitet die Küche 500 Essen am Tag für Kindergärten, Altenheime und sonstige Einrichtungen.

Trotz des Schnelldurchlaufs traf Rüdiger Baumann mit seinem Stück den Nerv eines jeden Jahrzehnts, und obwohl kein Proben im Kinosaal möglich gewesen war, klappte alles wie am Schnürchen. "Wir konnten erst heute nach 18 Uhr aufbauen, denn vorher lief noch der ,Rabe Socke'", erklärte Baumann und führte an: "Sie erleben heute quasi eine öffentliche Generalprobe." Selbst die Band (Maxi Gaag, Jakob Wenz, Robert Kynast, Felix Wenz), die das Event mit hervorragender Livemusik passend zu den Epochen begleitete, stand erst im letzten Moment fest und hatte noch nicht einmal einen Namen gefunden.

"Großartige Erfahrung"

"Ich fand die Erfahrung hier im Kino großartig, und ich hätte durchaus Lust, mehr in dieser Form zu machen", sagte Baumann. Die begeisterten Zuschauer hätten gewiss nichts dagegen einzuwenden.