Christine Zahn wollte es unbedingt. "Im Fernsehen haben sie gesagt, die dritte Impfung ist wichtig, weil mich das noch besser schützt, also habe ich mich dafür entschieden." Die 91-Jährige zeigt auf ihren Oberarm. Da ging er rein, der so genannte Booster gegen Covid-19, der Schub fürs Immunsystem, wie er auch genannt wird. Bei der Drittimpfung von Biontech, verabreicht vom Hausarzt, habe sie "gar nichts gespürt".

Thomas Koch, Vorsitzender des ärztlichen Kreisverbands Kulmbach, weiß, dass es vor allem die Hochbetagten sind, die nun die Auffrischung bekommen - und in dieser Gruppe so gut wie keiner mit unerwünschten Wirkungen reagiere. "Ich impfe selber seit Dezember, in dieser Altersgruppe gab es nach meinen Erfahrungen nie etwas."

Drei Gruppen im Fokus

Wer sich jetzt darüber Gedanken machen sollte, die Nadel ein drittes Mal ansetzen zu lassen? Es sind erneut die vulnerablen Gruppen, also die besonders zu schützenden Personen: Senioren, Risikopatienten, Vorerkrankte. Laut Koch ist es breiter wissenschaftlicher Konsens, dass mindestens sechs bis neun Monate Schutz gegen Covid-19 nach der Zweifach-Impfung besteht. "Dass der Antikörper-Titer im Lauf der Zeit fällt, ist zu erwarten. Dennoch ist die Person ja auch dann nicht schutzlos, selbst gegen die Deltavariante. Im schlimmsten Fall kommt es bei Ansteckung und Ausbruch der Krankheit zu einem milden Verlauf."

Die derzeit zugelassenen "Booster"-Vakzine stammen von Biontech und Moderna. Ein solcher mRNA-Impfstoff sei für eine dritte Impfung das Mittel der Wahl. "Es ist dabei, so weit abschätzbar, unproblematisch, wenn man zuvor bei der Zweifachimpfung Johnson&Johnson oder Astrazeneca erhalten hat." Interessant wäre, wenn die Auffrischung gezielt auf die Deltavariante des Coronavirus' getrimmt werden könnte. "Aber das wird die Pharmabranche so schnell wohl nicht hinbekommen." Übrigens: Für die Auffrischung gibt es von der Ständigen Impfkommission (Stiko) bislang noch keine Empfehlung. Auf die hofft Marcel Hocquel, Mitglied im Krisenstab des Landratsamts. "Es wäre eine zusätzliche Sicherheit für uns - und die Leute fragen ja auch danach."

Im Impfzentrum selber wurde am 23. August mit den Drittimpfungen begonnen. Derzeit sind 257 Immunisierungen (Stand Sonntagabend) vorgenommen worden - die Zahl beinhaltet auch jene Impfungen über die Hausärzte, sagt Hocquel.Zum Vergleich: In Lichtenfels waren es bis Freitagabend 506 (davon 35 über Hausarztpraxen), in Bayreuth 273 (Zahlen liegen nur fürs Impfzentrum vor), und in Kronach 414 (Impfzentrum plus Hausärzte).

Wie die vergleichsweise hohe Zahl für Lichtenfels zustande kommt? Andreas Grosch, Pressesprecher für das Landratsamt, umreißt es so: "Unsere Heimaufsicht hat frühzeitig Seniorenwohnheime und Pflegestationen angeschrieben und Impfungen ab Ende August angeboten. Das verlief anfangs schleppend, mittlerweile gibt es viele Rückmeldungen." Es sei den Verantwortlichen wichtig gewesen, eine neue Corona-Welle im Herbst mit vielen Kranken und möglicherweise Toten zu verhindern, heißt es aus dem Landratsamt. "Wir bieten über mobile Teams zusätzlich Erst- und Zweitimpfungen in den Einrichtungen an, das wird gut angenommen." Das gelte für 14 Pflegeeinrichtungen (stationär), 16 für Menschen mit Behinderung (stationär und teilstationär) sowie 19 ambulante betreute Wohngemeinschaften und Pflegediensten.

Eine Erklärung dafür, dass die Zahlen in Kulmbach noch niedriger sind, könnte sein, dass in den Sommerferien viele Allgemeinärzte in Urlaub waren. Anja Tischer, ärztliche Leiterin des Impfzentrums Kulmbach, hat bereits Mitte August auf diesen Umstand hingewiesen, ist aber davon ausgegangen, dass die Hausärzte jetzt nach Schulbeginn damit beginnen werden, in den Heimen verstärkt zu impfen.

Keine Priorisierung mehr

Eine Priorisierung bei den Impflingen gebe es nicht, wohl aber eine Empfehlung der Gesundheitsminister der Länder, besagte vulnerable Gruppen zuerst zum impfen, sagt Marcel Hocquel für Kulmbach. "Jüngst kam eine Mitteilung aus München, dass auch die Gruppe der 60-Jährigen den dritten Piks erhalten kann." Möglichen Vorrang sollen Berufsgruppen wie medizinisches Personal haben. Eine Pflicht zur Anmeldung gibt es seit einiger Zeit nicht mehr im Impfzentrum - und das gilt auch für die Auffrischung. "Wer kommt, der kommt. Man muss freilich mal mit einer gewissen Wartezeit rechnen."

Es sei auch genügend Impfstoff da. "Mittlerweile besteht die Möglichkeit, kurzfristig zu reagieren, sollte erhöhter Bedarf bestehen. Es gibt Ultratiefkühl-Standorte, nicht weit entfernt von uns, die uns schnell mit Nachschub versorgen können." Hocquel betont, dass Personen, deren Zweitimpfung nicht mindestens sechs Monate zurückliegt, derzeit nicht berücksichtigt würden. "Wir bitten da um Verständnis, dass wir diese Bürger im Zweifelsfall wieder heimschicken müssen. Das liegt schlicht an der wissenschaftlichen Vorgabe."

Überzeugungsarbeit leisten

Ärztesprecher Thomas Koch würde sich wünschen, er hätte überhaupt alle seiner "Kandidaten" zweifach geimpft. "Fast noch wichtiger ist, all jene zu erreichen, die ohne Immunisierung sind. Da lasse ich in meinem Bemühen auch nicht nach." Er habe in seiner Praxis manchen 80-Jährigen ohne Impfschutz. "Da brauche ich nicht mit einer Drittimpfung kommen, da mangelt es generell an der Einsicht, dass man bei Corona nicht nur sich selber schützt, sondern die Gesellschaft. Das ist für mich ein solidarischer Akt."

Er wisse auch von einigen Kritikern und Skeptikern innerhalb des Pflegepersonals. "Ich frage mich, ob man es für solche Berufe nicht so halten sollte wie Frankreich: Wer sich dort als Pfleger, Arzt oder Krankenschwester bis Mitte September nicht impfen lassen will, darf seinen Beruf nicht weiter ausüben. Das ist sicher hart, aber mit Blick auf den Schutz gegenüber den Patienten richtig." Im Kreisverband hätten sich alle vertretenen Ärzte impfen lassen.