Für Roman Konovalov, seine Frau Marina und die drei Kinder Anastasia (4), David (9) und Katheryna (15) ist so etwas wie Alltag eingekehrt. Roman Konovalov, der mit seiner Familie zu Kriegsbeginn aus der ukrainischen Hafenstadt Mariupol geflüchtet und in Rugendorf gelandet ist, arbeitet inzwischen bei der Kulmbacher Firma Ireks, spielt in seiner Freizeit Tischtennis und hat mit der Mannschaft des TTC Rugendorf am Wochenende sogar schon an der Deutschen Pokalmeisterschaft auf Verbandsebene in Hamm (Nordrhein-Westfalen) teilgenommen. David und Katheryna gehen in die Schule, die kleine Anastasia kommt im Herbst in den Kindergarten. "Wir haben uns eingelebt", sagt der 39-Jährige, der im Landkreis Kulmbach wohnt, mit seinen Gedanken aber oft in der ukrainischen Heimat ist.

Die Leiche im Hinterhof

Während seine fünfköpfige Familie in Deutschland in Sicherheit ist, leben die Verwandten im lange Zeit umkämpften Mariupol unter dramatischen Verhältnissen. Die Stadt ist nach wochenlangen Bombardements inzwischen unter russischer Kontrolle. "Mariupol ist kaputt. Es hat unzählige Tote gegeben. Alle, die noch dort sind, leben in Trümmern. Es gibt keinen Strom, kaum Wasser", sagt Roman Konovalov, der mit seinem großen Bruder Eugen (49) in Kontakt steht. Was der ihm am Telefon mitteilt, macht den 39-Jährigen traurig und sprachlos. "Die Zustände sind chaotisch, sagt Eugen." Es gebe nach wie vor nur wenige Lebensmittel. Roman Konovalov: "Mein Bruder bereitet das Wenige, das er hat, unter offenem Feuer zu."

Bei Angriff ums Leben gekommen

Traurig macht ihn auch das, was er von seiner Schwiegermutter erfahren hat. Diese war Anfang März in den eigenen vier Wänden bei einem russischen Angriff ums Leben gekommen und ist noch immer nicht beerdigt. "Sie liegt, mit Erde abgedeckt, im Hinterhof", weiß Roman Konovalov. Es gebe keine Menschen, die die vielen Leichen begraben könnten, hat vor wenigen Tagen Petro Andrjuschtschenko, der Berater des Bürgermeisters von Mariupol, erklärt. "Das hat mein Bruder bestätigt", sagt Roman Konovalov, der hofft, dass seine Schwiegermutter doch noch eine friedliche Ruhestätte findet. Es heiße, die Russen würden das nun ermöglichen. Ob man dem Glauben schenken kann? "Da ist viel Propaganda dabei", so der 39-Jährige.

Die russische Propaganda

Aus den Nachrichten hat auch er erfahren, dass das russische Ministerium für Katastrophenschutz seit kurzem mehrere Lastwagen mit großen Fernsehbildschirmen durch die Straßen touren lässt. Diese fahren durch die zerstörte Metropole und zeigen das Programm des russischen Staatsfernsehens. Propaganda-Beschallung in einer Stadt, in der neben vielen Soldaten auch Zehntausende Zivilisten ums Leben gekommen sind.

Der Überlebenskampf

Wer überlebt hat, kämpft ums weitere Überleben. Wer den Russen helfe, die Trümmer zu beseitigen, erhält kein Geld, sondern Nahrungsmittel. Das hat Roman Konovalov von seinem Bruder Eugen erfahren, der wie er große Zweifel daran hat, dass die Heimatstadt Mariupol wieder aufgebaut wird. "Auch wenn die Russen das nun behaupten."

Was wird aus dem Haus?

Wenn der Krieg beendet ist, will der 39-Jährige nach Mariupol zurückkehren, "aber nur, um alles zu regeln". Was wird aus den Sachen in der alten Mietwohnung, was aus seinem Haus in einem Vorort, an dem er bis zum Kriegsbeginn gebaut hat? Fragen, die alle noch offen sind. In dem Dorf, das 20 Kilometer vor der Stadt liegt, halten sich zurzeit sein Vater und dessen Lebensgefährtin auf. "Mein Vater will dort bleiben."

Schwiegervater will nach Deutschland

Sein Schwiegervater, der die vergangenen Wochen auch in dem Ort verbracht hat, will das nicht. Er hat seinen Koffer bereits gepackt und sich auf die Busreise Richtung polnische Grenze begeben. Marinas Vater will nach Deutschland. "Er will zu uns", sagt Roman Konovalov, der mit seiner Familie im Landkreis Kulmbach eine neue Heimat gefunden hat. Eine Heimat, die er nicht mehr verlassen will. Ob er daran denkt, irgendwann in die Ukraine zurückzukehren? "Nein, wir haben unsere Entscheidung für ein Leben in Deutschland getroffen."