Die Haare stoppelkurz, der Blick fest, Hände in der Größe von Telefonbüchern, sogar die Wangenknochen wirken gestählt. Wer Maternus Will betrachtet, der weiß, warum er den Spitznamen "Klitschko" trägt. Einer wie er, der boxt sich durch. In diesem Fall durch eine Reihe Bierfässer; ein jedes wiegt 67 Kilogramm. Der Kraftfahrer der Kulmbacher Brauerei manövriert die Schwergewichte über die Ladefläche des 18-Tonners, als wären es leere Mülltonnen. Gemeinsam mit Kollege Dieter Leitner stapelt er die Silberlinge transportfertig. Sobald alles gesichert ist, geht es runter von der hydraulischen Bordwand, rein ins Führerhaus und rauf in die Obere Stadt.
Diese Fuhre nämlich ist nicht für den Bierstadel gedacht, sondern ein paar Meter weiter für die "Zunftstube". Manuela Schmidt wartet schon auf Nachschub.
"Wir dürfen in der Bierwoche die Gastronomie außenrum nicht vernachlässigen", sagt Maternus Will und bugsiert mit dem Sackkarren den ersten Fass-Doppeldecker die Stufen hoch ins Lokal, wirft dabei ein fröhliches "Morg'n!" in die Runde. Kurz darauf ist die Lieferung erledigt, jetzt geht's zurück zum Epizentrum der Stadt.



Vom Filz bis zum Fasskühler
Das eingespielte Fahrer-Duo schafft alles unter die Zeltplane, nicht nur den Gerstensaft. Maternus Will hebt einen Packen Bierfilze an. "Sowas wird ja auch in rauen Mengen benötigt. Aber auch Biergarnituren, Fasskühler, Schankzubehör." Für den 50-Jährigen ist die Bierwoche jene Zeit im Jahr, in der er die meiste Arbeitszeit direkt in Kulmbach verbringt. "Ansonsten fahre ich viele Touren außerhalb. Forchheimer Annafest oder Erlanger Bergkirchweih. In der Woche komme ich so auf etwa 1200 Kilometer mit dem Lastwagen."
Der 50-Jährige und sein drei Jahre älterer Kollege Dieter Leitner sind neben der Beladung auch für die Pflege des 18-Tonners verantwortlich. Die beiden Männer sind eingespielt, können sich blind aufeinander verlassen. Sie haben sogar exakt am gleichen Tag vor 27 Jahren bei der Brauerei angefangen - aber nicht immer waren beide in ihrem Berufsleben Kraftfahrer.
Wenn Dieter Leitner heute Discotheken oder Bowlingbahnen mit Bier und anderen Getränken beliefert, dann kann es sein, dass er noch auf seine Werke aus früherer Zeit stößt. Der Kulmbacher hat mit 20 geheiratet, wurde bald Vater. "Da musste ich Geld verdienen." Er werkelte auf Montage als Schreiner, baute Ladeneinrichtungen. "Jetzt bringe ich Bier dahin, wo ich als junger Mann die Theken zusammengezimmert habe."
Ein Leben vor dem Bier-Laster hatte auch Maternus Will: "Ich bin ursprünglich Fleischermeister." Sein Blick fällt auf seine Hände, er spreizt die Finger. "Meine Steaks, die ich heute noch rein aus Hobby mache, fallen genauso groß aus." Ein mindestens ebenso breites Grinsen folgt. Der gebürtige Motschenbacher verdankt seinen ungewöhnlichen Vornamen zwei Tatsachen: den gläubigen katholischen Großeltern und der Kirche St. Maternus in seinem Heimatort. "Als Kind ist man mit dem Vornamen nicht immer glücklich. Aber mittlerweile, naja so heiße ich halt."
Wer übrigens glaubt, Maternus Wills Gesicht nicht nur hinter dem Steuer eines Brauereilasters gesehen zu haben, sondern schon mal im Fernsehen - der irrt nicht: Der 50-Jährige hatte vor 17 Jahren eine kleine TV-Berühmtheit erlangt, als er mit seinem Partner Folker Ochs die Stadt Kulmbach bei der Sendung "Bayern-Champions" vertrat. Es ging damals im Duell gegen Schliersee. Will und Ochs mussten eine Fass-Pyramide versetzen. Der Motschenbacher wuchtete seinem Kompagnon 36 Fässer in 70 Sekunden zu. Dass das Team aus der Bierstadt trotzdem im Wettstreit unterlag, lag an den Fußballern. "Die haben beim Schießen kläglich versagt." Will grinst wieder.

Routine für das Fahrer-Duo
Er bugsiert den Lastwagen vorsichtig um die Stadel-Ecken. Jetzt, kurz nach 9 Uhr, sind die Tore noch geschlossen. Der Tag der Bierfahrer geht gegen 5 Uhr los, dann wird erst einmal das Vehikel vollgepackt. Für Maternus Will ist es die zehnte Bierwoche. "Mittlerweile Routine für uns." Die Bewegungsabläufe funktionieren wie im Schlaf.
Gegen Zerrungen hilft die richtige Technik. "Aus dem Kreuz anheben ist optimal." Dann drückt der 50-Jährige dem Fass das Knie ins Kreuz. So blieben die Schwerarbeiter vor Verletzungen verschont. "Gut, ganz früher hat man sich ab und an mal die Füße malträtiert, als wir beim Fässertransport keine Sicherheitsschuhe trugen, sondern noch Jesuslatschen. Da waren unsere Zehen die Stahlkappen." Und Treffer an dieser Stelle, ganz ohne Tiefschutz: Die schmerzen auch "Klitschko".