Bei Novem in Grafendobrach gehen die Lichter aus. Der Kulmbacher Standort des Weltmarktführers für qualitativ hochwertige Zierteile und dekorative Funktionselemente im Fahrzeuginnenraum soll zum 31. Dezember geschlossen werden. Bei dem Automobilzulieferer sind 86 Mitarbeiter beschäftigt.

Belegschaft und Betriebsrat wollen sich gegen die Werksschließung wehren. "Die Nachricht kam völlig überraschend und hat uns wie der Blitz getroffen", so Betriebsratsvorsitzender Michael Rieker.

Schon mehrmals auf der Kippe

Über den Fortbestand des Betriebs im Kulmbacher Stadtteil - eröffnet 1973 - wurde seit vielen Jahren diskutiert. So stand das Unternehmen mit damals noch 320 Beschäftigten im Jahr 2009 auf der Kippe. Damals gelang die Rettung durch einen Ergänzungstarifvertrag, sagt Volker Seidel von der IG Metall.

Die Mitarbeiter verpflichteten sich zu unbezahlter Mehrarbeit. Aber, so der 1. Bevollmächtigte der Gewerkschaft für Ostoberfranken, "der Ergänzungstarifvertrag mit Beschäftigungssicherung läuft Ende des Jahres aus."

Von der Geschäftsführung der Unternehmensgruppe in Vorbach, Oberpfalz, war gestern keine Stellungnahme zu bekommen.

Produktion für Porsche

Aktuell arbeitet man in Grafendobrach für den Porsche Panamera, der in Leipzig hergestellt wird. Dort seien die Stückzahlen zurückgegangen, so dass bei Novem Kurzarbeit angemeldet wurde.

Allerdings ist laut Rieker absehbar, dass die Produktion bei Porsche ab Februar wieder hochgefahren wird. Die Zeit bis dahin hätte man überbrücken können, wenn nicht am 24. Juli in einer Hauruckaktion die Arbeit für den Land Rover abgezogen worden wäre. "Damit hat man uns die Chance genommen, bis Februar durchzuhalten. Hier wurde gegen Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats verstoßen, der nicht informiert worden ist."

Damals sei die Belegschaft von 135 auf 86 Personen reduziert worden. Der Betriebsratsvorsitzende vermutet, dass andere Werke der Novem-Unternehmensgruppe mit weltweit 6000 Beschäftigten nicht ausgelastet sind. Möglicherweise sollen die Kulmbacher Aufträge nach Pilsen verlagert werden. "Und Kulmbach wird dafür geopfert." Hoffnungen, für BMW fertigen zu können, hätten sich ebenfalls zerschlagen.

Hoher Altersdurchschnitt

"Unser Ziel ist es, das Werk zu erhalten. Die Hoffnung geben wir nicht auf", erklärt Rieker. Das sei man den Kollegen ("Wir haben hier eine gute Mannschaft") schuldig. Da in Grafendobrach der Altersdurchschnitt sehr hoch ist, hätten viele Mitarbeiter eher schlechte Chancen, einen neuen Arbeitsplatz zu finden. "Das ist unser Hauptproblem."

Der IG-Metall-Bevollmächtigte hatte bereits Kontakt zur Geschäftsführung. Sein Vorschlag, über tarifvertragliche Möglichkeiten wie Entgeltverzicht und Mehrstunden eine Standortsicherung zu erreichen, sei abgelehnt worden. Seidel: "Die Tür ist zu. Ob wir sie noch mal aufkriegen, ist sehr fraglich. In der Vergangenheit ist es uns gelungen. Momentan sind wir weniger optimistisch. Wir werden kämpfen mit allen rechtlichen Möglichkeiten."

"Auf Gedeih und Verderb"

Seidel kritisiert, dass Grafendobrach von der Zentrale lediglich als verlängerte Werkbank betrachtet wird. Der Standort Kulmbach sei eine eigenständige GmbH, aber man könne keine Aufträge eigenständig akquirieren. "Die Leute hier sind auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen, ob Vorbach ihnen Arbeit zuweist."

Beim weiteren Vorgehen lässt sich der Grafendobracher Betriebsrat vom Rechtsanwalt Friedrich Schindele beraten. Gestern fand ein erstes Gespräch mit dem Landshuter Spezialisten für Arbeitsrecht statt, der in der Region kein Unbekannter ist. Er hat unter anderem auch bei der ersten Insolvenz von Loewe Opta, Kronach, die Arbeitnehmerinteressen vertreten.