Im November 2020 wird in Kulmbach der erste Master-Studiengang der Fakultät VII für Lebensmittelwissenschaften der Uni Bayreuth starten - und das, obwohl die räumlichen Gegebenheiten alles andere als optimal sind. Das ergab eine Begehung der Baustelle in der Alten Spinnerei, zu der die Stadtratsfraktionen von CSU und WGK eingeladen hatten.

Industriecharakter wird erhalten

In der dritten Etage im Spinnereigebäude, die einmal Büros, Vorlesungsräume und Bibliothek der Universität beherbergen soll, ist noch Vorstellungsvermögen gefragt. "Es fehlen noch die Fußböden, die Elektroinstallationen, abgehängte Decken", sagte Bernd Ohnemüller, Leiter der Städtebau Kulmbach. Man wolle darauf achten, den Industriecharakter des Gebäudes zu erhalten. "Deswegen werden die Böden auf den Gängen aus geschliffenem Estrich gestaltet."

Weiterhin soll es eine Mensa geben, vermutlich in der zweiten Etage des Gebäudes."

Vier Jahre reichen wohl nicht

Bereits 2013/14 habe man mit einer nutzungsneutralen Sanierung des Gebäudeteils begonnen, den die Stadt 1998 gekauft habe. "Dies umfasste eine Dach- und Fassadensanierung, die alten Fenster wurden ausgetauscht." Gemäß Stadtratsbeschluss von 2015 sei ursprünglich die Nutzung als Kunst- und Kulturzentrum beabsichtigt gewesen. "Diese Planungen wurden jedoch unterbrochen, als es sich ergab, dass eine Universität angesiedelt werden sollte."

Diese neue Universität soll nun temporär in die Alte Spinnerei einziehen, bis der geplante Neubau auf dem Güterbahnhofsareal realisiert werden kann. "Angedacht war eine temporäre Nutzung über vier Jahre, aber ich gehe davon aus, dass wir hier länger bleiben werden", ergänzte Professor Stephan Clemens, Gründungsdekan der Kulmbacher Fakultät. Er rechne damit, dass sich das Campusleben in den nächsten zehn Jahren im Wesentlichen im Spinnereiviertel abspielen werde.

Auch Außenbereiche sind wichtig

"Deswegen bitte ich auch darum, die Außenbereiche in die Planungen einzubinden", sagte er. Das sei eine gestalterische Aufgabe, die mit den übrigen Arbeiten einhergehen müsse. "Wir brauchen zum Beispiel Fahrradstellplätze und wir bitten darum, vor der Verwaltungsvilla keine Tiefgarageneinfahrt für das Grüne Zentrum vorzusehen."

Doch das sind noch die geringsten Probleme, die der Gründungsdekan aktuell hat. "Wir gehen derzeit davon aus, dass die Bauarbeiten in der Alten Spinnerei bis Ende des zweiten Quartals 2021 abgeschlossen sein werden", sagte Bernd Ohnemüller. "Das müssen sie auch", bekräftigte Clemens. Die ersten Studierenden müssten bereits ein Jahr lang ohne adäquate Räumen auskommen. "Das können wir im ersten Semester coronabedingt auch noch einigermaßen abfangen, aber wenn die Fertigstellung bis Juli nicht erfolgt ist, können wir im nächsten Jahr keinen Bachelorkurs starten, das wäre absurd." Hier bräuchte die Universität ein klares Signal.

Dass sich die Baumaßnahmen derart verzögern, stellt die Universität Bayreuth vor echte Schwierigkeiten. "Bis März 2020 lief die Baustelle sehr gut", erklärte Ohnemüller. Dann kam Corona und Handwerker aus dem Ausland konnten nicht mehr kommen. "Einige Firmen haben Probleme mit Personal, weshalb sich Nachfolgegewerke auch immer wieder verschieben", ergänzte Architekt Stefan Eckl.

Für die Fraktionen von CSU und WGK steht fest: Der Schlüssel liegt bei den Ministerien. In München muss daher mehr Druck gemacht werden. "Deswegen haben wir jetzt auch unsere Landtagsabgeordneten aktiviert", sagte Dritter Bürgermeister Ralf Hartnack (WGK). Man habe durchaus den Eindruck, dass die anderen Fraktionen im Stadtrat hinter dem Uniprojekt stehen, "aber wir haben von den anderen Fraktionen noch nichts gehört", merkte Michael Pfitzner (CSU) an.

Ist es den Kulmbachern egal?

Deutlicher brachte es Alexander Meile (WGK) zum Ausdruck: "Wir haben niemanden, der jetzt in München antreibt, man könnte fast meinen, den Kulmbachern sei das egal."

Er habe durchaus die Wahrnehmung, dass alle das Projekt unterstützen, "jedoch müssen wir ständig am Ball bleiben, denn unnötige Zeitverluste können wir uns nicht leisten", meinte Professor Clemens. Die Bauarbeiten seien schon vor Corona in Verzug gewesen, fügte er hinzu: "Bereits im September 2019 habe ich dem Kanzler geschrieben, dass absehbar ist, dass nicht wie geplant 2020 gestartet werden kann."

Die bis zu 30 Studierenden, die im November zum ersten Masterstudiengang erwartet werden, müssen zunächst mit einem Raum in der Hornschuch-Villa vorliebnehmen. "Darüber hinaus sind wir mit dem BRK in Verhandlungen, Seminarräume tageweise anzumieten", erklärte Clemens. Die Volkshochschule zu nutzen, sei Plan B, denn wenn möglich wolle man räumlich alles so weit es gehe beieinander halten. Das gelte natürlich auch für die Laborräume, die demnächst in der oberen Etage des "Fritz"-Einkaufszentrums entstehen sollen.

Labors bei der Ireks

"Wir verhandeln hier aktuell einen Mietvertrag mit den Betreibern, werden aber in der Zwischenzeit wohl die Angebote der Ireks annehmen, ihre Laboreinrichtungen zumindest als Praktikumslabore zu nutzen", sagte der Gründungsdekan. Auch habe Landrat Klaus Peter Söllner die Nutzung der Labore in der Lebensmitteltechnikerschule angeboten. "Da ist seitens der Universität viel Improvisation und Flexibilität gefragt, seitens der Studierenden echter Pioniergeist", sagte Clemens. Eine ungewöhnlich gute Betreuung werde nötig sein, um strukturelle Defizite auszugleichen.

"Und wenn wir wie geplant 300 Studierende bis zum Jahr 2023 unterrichten sollen, brauchen wir einen rund laufenden Betrieb."

Von dem ursprünglichen Vorhaben, den ersten Studiengang vom Ministerpräsidenten Markus Söder persönlich begrüßen zu lassen, habe er bereits vor längerem Abstand genommen. Positiv sei jedoch, dass das Wohnheim an der Dobrachstraße bereits 25 Anmeldungen verzeichnen kann, darunter auch Interessenten aus Bayreuth.