Winfried Wachter steht vor einer lebendigen, braun-grünen Wand. Wirr laufen die Äste von Hecken und Büschen ineinander, bilden ein kaum noch zu durchblickendes Dickicht. Da herrscht nach Ansicht des Kreisjagdberaters akuter Handlungsbedarf. Doch so mancher Waldbesitzer kümmert sich nach Wachters Erfahrung nicht mehr darum, das Wirrwarr zu lichten sowie Hecken und Wiesen zu schaffen, die einer Vielfalt von Tieren als Lebensraum dienen könnten. Stattdessen wird über eine Schafhaltung auf dem Kreuzberg diskutiert, um die Magerrasen zu pflegen. Eine Maßnahme, die von Wachter und seinen Jagdgenossen am Kreuzberg mit einem gewissen Argwohn beobachtet wird.

Der Grünen-Stadtrat Peter Witton hatte kürzlich auf dieses Projekt aufmerksam gemacht (FT vom 31. Januar, Seite 9), das unter dem Namen "Beweidungskomplex Kreuzberg" vor allem in Randhanglagen und auf so genannten Grenzertragsflächen (also in Bereichen, die sich landwirtschaftlich schlecht nutzen lassen), eine Beweidung durch Schafe und Ziegen ermöglichen soll. So soll unter anderem ein Zuwuchern der Kalkmagerrasen verhindert werden. Bis in die 1980er Jahre sei eine solche Beweidung gebräuchlich gewesen. Mit der Zeit sei jedoch aufgeforstet und die Beweidung immer mehr aufgegeben worden, betonte Witton bei einem Ortstermin.
Nun steht Winfried Wachter nur ein paar Meter weiter als Witton damals auf einer Wiese am Hang über dem Crana Mare. Er stellt fest, dass es früher natürlich eine Schafbeweidung am Kreuzberg gegeben habe. Und er unterstreicht, dass die Jägerschaft nicht kategorisch gegen eine Beweidung eingestellt sei. "Es gab früher sogar so genannte Hutanger", blickt er zurück. Auf solchen Flächen habe man nichts anpflanzen können, also seien sie für die Schafhaltung genutzt worden. Diese Form der Beweidung würden die Jäger auch tolerieren, führt er aus und erklärt: "Wir möchten eine Wanderschäferei." Ein Wanderschäfer sei mit seinen Tieren von Tag zu Tag unterwegs. Anders als bei der momentan gängigen Haltung der Tiere hinter Gattern.

Die Befürchtung des Kreisjagdberaters ist, dass große, eingepferchte Schafherden alles niedertrampeln und vollkoten könnten, weil sie sich für einige Zeit in großer Zahl auf einer einzelnen Fläche aufhalten würden. Gerade wegen des Kotes könnten sich auch vermehrt Krankheiten und Parasiten unter den Wildtieren ausbreiten und damit letztlich auch für den Menschen zum Problem werden.

Wachter wisse einerseits zwar, dass zum Beispiel Entwurmungen der Schafe vorgeschrieben seien. Andererseits kenne er auch Berichte aus anderen Gegenden, dass sich der Wurmbefall beim Wild dort trotzdem erhöht habe, wenn Schafe in Koppelhaltung vor Ort gewesen seien. Früher habe wenigstens die Möglichkeit bestanden, bei der Fütterung des Wildes ein entsprechendes Mittel beizumischen, doch das sei inzwischen nicht mehr erlaubt.

Bessere Kommunikation

Wenn Wachter zudem an die elektrifizierten Zäune denkt, wird ihm spürbar unwohl. "Da dreht sich mir der Magen um", sagt er in Anbetracht dessen, dass sich schon Rehkitze darin verfangen haben sollen, die dann permanent Stromstöße abbekommen haben. Was für Wachter jedoch ein Hauptkritikpunkt ist, ist die seiner Ansicht nach mangelhafte Kommunikation zwischen den Projektbeteiligten und der Jägerschaft. "Die Jäger gehören doch dazu", betont er. Schließlich müssten sie für die Reviere ordentlich in die Tasche greifen und gegebenenfalls auch für Schäden aufkommen. Dann müsse man sie doch von Anfang an auch in Planungen und Entscheidungen mit einbeziehen - "oder man muss über die Pacht reden". Zu gerne würden die Jäger wissen, welche Gebiete für die Beweidung vorgesehen oder gar schon dafür gesichert sind. "Aber ich habe noch kein Konzept gesehen", stellt Wachter einen Nachholbedarf fest. Für Gespräche seien die Jäger jedenfalls offen.

Entwurmung muss sein

Winfried Wachter verweist auf Berichte über Krankheiten und Würmer, die von Schafen auf Wildtiere übertragen und möglicherweise auch dem Menschen gefährlich werden könnten. Auf unsere Nachfrage nimmt Amtstierärztin Stephanie Heyl hierzu Stellung.

"Generell kann man natürlich sagen, dass jedes Tier erkranken kann. Das gilt sowohl für unsere Haustiere als auch für Wildtiere", erklärt sie. Somit sei auch eine Übertragung zwischen Schaf und Wild möglich. "Schaf und Rehwild können sich zum Beispiel gegenseitig mit Endoparasiten, wie zum Beispiel Würmern, anstecken." Jedoch sei es die Aufgabe eines Tierhalters, seine Tiere gesund zu halten. Dazu gehörten auch regelmäßige Entwurmungen, welche die Schafzüchter durchführen müssten.

Risiken minimieren

Krankheiten wie das so genannte Q-Fieber, das auf den Menschen übertragbar ist, und die Blauzungenkrankheit wurden von Wachter ebenfalls angesprochen. Laut Heyl liegt beim Q-Fieber ein Erkrankungsrisiko in erster Linie für die Personen vor, die eng mit Tieren Kontakt haben, zum Beispiel Tierärzte, Landwirte oder Schlachthofmitarbeiter. "Im Rahmen der staatlichen Tierseuchenbekämpfung, sowie der Bekämpfung von Infektionskrankheiten werden allerdings Maßnahmen ergriffen, um das Auftreten solcher Erkrankungen zu minimieren."
Die Blauzungenkrankheit sei für den Menschen nicht gefährlich, und Deutschland sei offiziell seit 2012 frei davon.


Eine Wanderschäferei ist auch das Wunschziel der Projektleitung


Christine Neubauer von der Ökologischen Bildungsstätte ist zuständig für das Projekt "Beweidungskomplex Kreuzberg", das im Rahmen des Bayern-Netzes-Natur durchgeführt wird. Dieses ziele darauf ab, Wege zum Erhalt der biologischen Vielfalt aufzuzeigen. Das solle in Absprache mit den Beteiligten und mit einem möglichst breiten Einvernehmen vonstatten gehen, wie Neubauer feststellt. Daher suche sie gerne - wie bisher auch schon - das direkte Gespräch. "Bei dem Projekt Beweidungskomplex Kreuzberg geht es um den Erhalt, die Entwicklung und die Vernetzung der Kalkmagerrasen", erklärt Neubauer. "Ziel ist es, den speziell in diesem Lebensraum vorkommenden Tier- und Pflanzenarten einen möglichst umfassenden genetischen Austausch zur Arterhaltung zu ermöglichen."

Ein Mittel hierzu ist die Beweidung durch Schafe und Ziegen, wie sie ausführt. Und bei dieser Maßnahme liege man eigentlich auf einer Linie mit den Wünschen der Jäger, denn "der optimale Weg wäre, bei ausreichender Weidefläche, im Laufe der Jahre eine Schafbeweidung aufzubauen, die einer Wander schäferei am nächsten kommt."

Höchstens 200 Tiere

In diesem Zusammenhang spricht sie von einer Herde, die am Ende wohl maximal eine Verdopplung des jetzigen Bestandes auf etwa 150 bis 200 Tiere erfahren würde. Wie Winfried Wachter, so verweist auch Christine Neubauer auf die Beweidung, die es am Kreuzberg schon in früheren Zeiten gegeben habe. "Im Landkreis Kronach, speziell im Bereich des Kreuzbergs, wurden die letzten Hüteschäfereien in den 50er bis 60er Jahren aufgegeben. Darum fielen große Teile der ehemaligen Magerrasen brach und wuchsen mehr oder weniger stark mit Sträuchern zu oder wurden zum Teil mit Waldbäumen bepflanzt", erklärt sie. Seit etwa 1994 würden jedoch im Zuge von Landschaftspflegemaßnahmen entlang des Muschelkalkzuges der Fränkischen Linie koordiniert Entbuschungen und Beweidungen durchgeführt. Da die Weideflächen momentan noch sehr isoliert lägen, würden sie zurzeit mittels mobiler Koppelhaltung, je nach Größe der Fläche, einmal im Jahr für ein bis drei Wochen beweidet.

Grundsätzlich sei der Berufsstand des Schäfers in seinem Bestand gefährdet. Auch deshalb gebe es das jetzige Projekt, um die wenigen Schafhalter unter den Landwirten im Landkreis Kronach zu unterstützen.