Als einen "Anzug, der zu groß geworden ist", bezeichnet Jens Korn (CSU) die Wallenfelser Infrastruktur. In den 70er Jahren hatte die Stadt an die 4000 Einwohner. Heuer sind es unter 3000. Ein Beispiel für infrastrukturelle Taillierung ist das multifunktionale Bildungszentrum. Der blockige Bau ist zum einen ökonomisch, zum anderen ein pädagogisches Alleinstellungsmerkmal.

Die Ergebnisse einer vorbereitenden Untersuchung (Voraussetzung für Mittel aus der Städtebauförderung, der FT berichtete) zeigen, wo der bildliche Anzug locker sitzt. Allem voran die rund 50 Gebäude, die im Sanierungsgebiet Ortsmitte ganz oder teilweise leer stehen. "So wie sie sind, wird es schwer, sie einer Nutzung zuzuführen", weiß Bürgermeister Jens Korn. Eine Herausforderung werde es sein, sie zu sanieren und in zeitgemäßere, kompaktere Wohneinheiten für junge wie alte Menschen zu wandeln.
Diese Herausforderung hat Wallenfels mit vielen Kommunen im Landkreis gemein. Es sei "eine der größten im Zuge des demografischen Wandels", meint der 42-Jährige.

In seinem Büro im Rathaus fährt der Wallenfelser Bürgermeister mit dem Finger über eine Tabelle, die die Bevölkerungsstruktur und deren Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren umreißt. Etwa ein Achtel seiner Einwohner hat Wallenfels in dem Zeitraum verloren - von 3289 auf 2887. Besonders drastisch ist der Rückgang der 25- bis 49-Jährigen um mehr als 300 (2004: 1141; 2014: 825, ausgestellt am 31. Dezember 2014). Für das Jahr 2014 sind 18 Geburten und 54 Sterbefälle verzeichnet.


Ein Stück noch runter, dann stabil werden

Die Zahlen bringen den erfahrenen Kommunalpolitiker nicht aus der Fassung. Er verweist auf die Unterlagen einer Bürgerversammlung von Dezember 2014. "Es ist wichtig, dass die Bürger das ganze Ausmaß der Veränderungen begreifen, die auf uns zukommen", sagt er nüchtern.

Es werde nie mehr so, wie es war. Die 4000 Einwohner, die Wallenfels Anfang der 70er Jahre hatte, würden nicht wieder erreicht. Ebenso wenig die 80 Geburten aus dem Babyboomer-Jahr 1964. "Realistisch ist, dass es noch ein Stück weiter runter geht. Unser Ziel muss sein, dann stabil zu werden", meint der Bürgermeister.

Seine Ziele hat er auf einer der Folien von der Bürgerversammlung skizziert: Bevölkerungsrückgang stoppen, Attraktivität als Wohnort erhöhen. Junge Menschen an die Heimat binden, Arbeitsplätze sichern, Perspektiven aufzeigen und Infrastruktur anpassen.


Gute Strukturen für Familien

2014 wurden nur vier Kinder weniger geboren als 2004. Ein guter Wert. Korn führt ihn darauf zurück, dass Wallenfels schon jetzt ein attraktiver Wohnort für junge Leute sei. Vor allem die intakte Vereinskultur, ein gutes Kinderbetreuungsangebot und viele Spielplätze werteten das Sozialleben auf: "Hier lässt es sich als junge Familie gut leben."

Die pädagogischen Strukturen des Bildungszentrums seien gar herausragend. In dem rundum sanierten Bau können Kinder von der Krippe bis zum Ende der vierten Klasse ihre Sozialisierung in konstanten Gruppen erleben. "Keine Schwellenängste der Kinder" und "intensive Zusammenarbeit der Institutionen unter einem Dach", nennt Korn die Vorzüge, die der multifunktionale Standort in Wallenfels bietet.


Wirtschaft im Wettbewerb

Als ehemaliger IHK-Referent (Industrie- und Handelskammer Oberfranken) für Regionalpolitik weiß Korn um Folgen des demografischen Wandels für die Wirtschaft. Handwerker und mittelständische Unternehmen leiden oftmals schon darunter. "Ich glaube, dass eine verantwortungsbewusste Kommunalpolitik das Thema auf dem Schirm haben, sogar zu einem Mittelpunkt ihrer Überlegungen machen muss."

Auf dem Markt für junge Arbeitnehmer haben die Unternehmen Vorteile, die die attraktivsten Bedingungen bieten. Korn verweist auf einen Global Player mit Sitz in Coburg, für den er tätig war: Auszubildenden bot die Firma Seminare, Auslandsaufenthalte, duale Studiengänge, ein Fitness-Studio und vieles mehr. Da können selbst die größten Arbeitgeber aus Wallenfels nicht mithalten. "Ein kleiner Mittelständler muss sich anstrengen, um das auszugleichen." Trümpfe seien das sehr intakte soziale Gefüge in der Stadt sowie die Lage mitten im Naturpark Frankenwald. Beides hätten vor allem Großstädte so nicht zu bieten.


Schulden massiv reduziert

Die Caritas und die Sägewerke zählen zu den größten Arbeitgebern in Wallenfels. 2014 generierten alle ansässigen Unternehmen rund 550 000 Euro Gewerbesteuer. Bis zu einem Fünftel der fünf Millionen Euro Einnahmen im Verwaltungshaushalt machten Schlüsselzuweisungen aus. Dank Stabilisierungshilfen kam Wallenfels 2013 erstmals seit 2005 wieder unter sieben Millionen Euro Schulden.

Trotzdem lag die Pro-Kopf-Verschuldung Ende 2014 bei rund 2400 Euro (Bayerischer Schnitt: 717 Euro in Kommunen bis 3000 Einwohner). Auch das liegt laut Korn am bildhaften "großen Anzug": Allein 47 Kilometer Gemeindestraßen müssen unterhalten werden, ebenfalls ein großes Kanalnetz. "Dass sind eben Aufgaben, die sind schwer zu schultern."

Wallenfels soll in Zukunft aber nicht nur effizienter werden, sondern auch schöner. Erstes Projekt nach Abschluss der vorbereitenden Untersuchung wird die Aufwertung des Kirchenumfeldes sein, eine Umgestaltung des Marktplatzes (der FT berichtete) soll folgen.


Potenzial der Flößerstadt

Als Alleinstellungsmerkmal der Stadt erkannte die Vorbereitende Untersuchung die Flößerei. "Unsere Geschichte wollen wir sichtbar und zugänglich machen", meint Korn. Dazu gehört der Erhalt der beiden Schleusen, die derzeit in schlechtem Zustand sind. "Das Potenzial der Flößerstadt wird bisher nicht komplett genutzt", ergab die VU wörtlich. Informationstafeln zur Geschichte der Denkmäler, Aufenthaltsbereiche und weitere Aufwertungen seien vorzusehen.

Zwischen 5000 und 7000 Touristen, die jährlich zum Floßfahren nach Wallenfels kommen, schätzt Franz Behrschmidt, Vorsitzender des Heimatgeschichtlichen Arbeitskreises Wallenfels. Das sei eine stolze Zahl. "Allerdings müssen wir es zukünftig schaffen, die Leute auch in der Stadt oder Stadtnähe unterzubringen", meint Behrschmidt.

Wenn Touristen in Bayreuth untergebracht seien und nur für eine Floßfahrt nach Wallenfels kämen, profitiere die örtliche Wirtschaft wenig. Ein Ausbau der Gastronomie und Übernachtungsmöglichkeiten, eine Ausarbeitung von Alternativprogrammen - wie geführten Wanderungen - müssten forciert werden. Die Potenziale, schätzt Behrschmidt, seien lange nicht ausgeschöpft.

Die Serie (5)

Wie sind die Kommunen im Landkreis für die Zukunft aufgestellt? In unserer Serie "Demografie im Kreis Kronach" beleuchten wir die aktuelle Lage in den 18 Gemeinden: Wie steht es um die Alters- und Infrastruktur? Wie wird die Zukunft aussehen? Lesen Sie selbst!