Neuer Name, neues Logo, neue Sektoren: Auf einmal geht alles ganz schnell. Zwei Jahre nach den ersten Überlegungen, einen neuen Nahverkehrsplan für den Landkreis zu erstellen sind die Verantwortlichen inzwischen auf der Zielgeraden angekommen.

Im Oktober sollen die ersten Angebote des "Mobilitätsnetz Kronach" (MNKC) genutzt werden. Unter diesem Namen sollen - je nach Bedarf - Busse, Kleinbusse oder Pkw durch den Kreis Kronach rollen. "Wir wollten einen Namen entwickeln, der die Mobilität auch zum Ausdruck bringt", erklärte Michael Enders dem Ausschuss für Kreisentwicklung. "Das war uns wichtig." Zwar fand der Vorschlag des Geschäftsführers der Stockdorfer Werbeagentur "creativ3" überwiegend Zustimmung, so ganz überzeugt waren aber nicht alle. "Ich sag doch nicht: ,Ich fahre mit dem Mobilitätsnetz‘", wurde unter anderem eingewendet.
"Das ist doch viel zu kompliziert."


Diskussionen ums Tarifsystem

Oswald Marr (SPD) war hingegen pragmatischer. "Das wird sich im Sprachgebrauch sicher schnell regeln", sagte der scheidende Landrat. "Dann heißt es halt: ,Ich fahr' mit'm Mobi.‘" Ihm gefalle das vorgestellte Konzept ebenso gut wie die orange-gelb/lilafarbenen und orange-gelb/türkisen Logos. "Das ist eine Farbwahl, mit der wir wohl alle ansprechen können."

Für Hans Pietz (Freie Wähler) war die Wahl hingegen zu gewagt. Die Logos würden eher in eine Großstadt passen: "Für unseren Bereich ist das zu stylisch." Dem widersprach der Wallenfelser Bürgermeister Jens Korn (CSU). Die an Linien angelehnten Buchstaben seien vielmehr hilfreich, um junge Leute anzusprechen."
Kritischer betrachtete er die von den Regionalmanagern Willi Fehn und Michaela Morhard präsentierten Vorstellungen des geplanten Tarif-Systems. Angedacht ist ein so genannter Streckentarif. Grob zusammengefasst: Je länger die Fahrt dauert, desto teuerer wird sie.

Während eine Kurzstrecke für die Landlinie somit um 1,40 Euro kosten könnte, könnten für die weiteste Verbindung bis zu zwölf Euro auf den Tisch gelegt werden. Bei etwa fünf Euro für knapp 20 Kilometer könne dies zu einem Akzeptanzproblem führen. "Ich habe bei dem Tarif Bauchschmerzen, das sage ich ganz ehrlich", so Korn. Er plädiere daher für ein Zonensystem wie es etwa aus Großstädten wie München bekannt sei.
Marr hat weder an einem Strecken- noch an einem Zonentarif etwas auszusetzen. Solange es nicht zu teuer wird. Zehn Euro für die Fahrt mit der größten Entfernung seien eine Schwelle, die nicht überschritten werden solle. "Vielleicht geht so etwas ja in vier Zonen. Das bitte nochmal nachrechnen", sagte er in Richtung der Regionalmanager.


Große Bandbreite

Es dürfe jetzt nicht ein Preis festgelegt werden, "den wir dann in zwei bis drei Jahren nicht mehr halten können", forderte Klaus Löffler (CSU), Bürgermeister von Steinbach am Wald. "Daher ist eine Mischkalkulation schon wichtig."

Für Rainer Detsch (Freie Wähler) war die Frage des Systems sogar wichtiger als der Preis. "Je einfacher das System ist, desto eher wird es angenommen", vermutete Detsch. Klar sei aber auch, dass die Tickets subventioniert werden müssen. "Wir sollten aber einen Preis entwickeln, der angemessen ist." Dabei solle aber durchaus auch die große Bandbreite des Angebots bedacht werden, forderte Marr: "Wo hat man schon einen Individualverkehr durch die öffentliche Hand?" Eine juristische Hürde gibt es dadurch, dass die bisherigen Tarife nicht zu sehr unterboten werden dürfen. Denn dies könnte den Verkehrsunternehmen schaden. Um den neuen Verkehr kümmern wird sich der "Omnibusverkehr Franken" (OVF), der die entsprechenden Berechtigungen bei der Regierung von Oberfranken beantragt hat.

Aufgeteilt wird der Landkreis dafür in zwölf Hauptsektoren, bei denen es nicht bleibt. Am Wochenende wird es in Kronach einen zusätzlichen geben, der alle Sehenswürdigkeiten ansteuert. Mit der Linie 13 (Express-Sektor), die von Wallenfels nach Teuschnitz reicht, kommt eine eine weitere hinzu. An drei Zeiten pro Tag sollen zudem Anschlussverbindungen bis nach Teuschnitz bestehen. Gleich ist die Strecke allerdings nie. Sie richtet sich vielmehr danach, wie viele Personen mitfahren wollen. Denn wer mitfahren möchte, muss dies telefonisch oder im Internet anmelden. Die Haltestellen kommen dabei näher an die Nutzer heran. 150 sollen hinzukommen, so dass im Landkreis dann an 420 Haltestellen gewartet werden kann. "Eine Mindestanzahl pro Fahrt gibt es nicht", sagt Morhard. "Aber wenn keiner anruft, wird auch kein Wagen losfahren."


Kostenlose Hotline

Abfinden müssen sich die Kunden in der Anfangszeit des neuen Angebots noch damit, dass etwa für Fahrten von Wallenfels nach Tettau zwei Karten verkauft werden müssen, da zwei verschiedene Verbundbereiche benutzt werden. "An der kostenlosen Hotline der Fahrtenmeldezentrale wird da aber auch entsprechende Hilfestellung gegeben", sagte die Regionalmanagerin. Anrufen können Interessierte bald unter einer Kronacher Vorwahl, die die bisherige 0800er-Nummer ersetzen wird. "Da gab es eine Hemmschwelle, da viele dachten, sie sei kostenpflichtig."

Das Landratsamt geht von rund 10 000 Fahrten pro Jahr aus und entstehenden Kosten zwischen 340 000 und  380 000 Euro. "Ich gratuliere Euch, toll gemacht", lobte Rainer Detsch die Regionalmanager und fragte rhetorisch: "Es funktioniert woanders, warum nicht auch hier?"

Oswald Marr: Der Landkreis muss sich seiner Stärken bewusst sein

Einfach zur Tagesordnung übergehen? Das sei der falsche Weg, die Zahlen zu erschreckend. Die Zahlen der Ende Mai vorgestellten Studie "Prognos Zukunftsatlas" nagen auch noch zwei Monate später an den Politikern des Landkreises. Auf einen Antrag der SPD-Fraktion hin befasste sich der Ausschuss für Kreisentwicklung und Verkehr noch einmal mit den Ergebnissen. Denn die Studie stellte dem Landkreis eine äußerst dürftige Zukunftsprognose aus.
"Sie hat schon einen wissenschaftlichen Ansatz, erfasst Daten bundesweit - und Zahlen lügen nicht", sagte Wolfgang Puff, Geschäftsführer der Wirtschafts- und Strukturentwicklungsgesellschaft Landkreis Kronach (WSE). Es sei richtig, sich damit auseinanderzusetzen, sagte Hans Rebhan (CSU): "Aber die Kluft zwischen Stadt und Land beim Anteil junger Erwachsener ist auch in Coburg, Kulmbach oder Bamberg nicht viel anders."
Puff erklärte den Ausschussmitgliedern, dass er sich mit dem Projektleiter der Studie, Peter Kaiser, in Verbindung gesetzt habe. Dabei sei unter anderem herausgekommen, dass es auch positive Faktoren wie die soziale Lage gegeben habe. "Mir ist die Gewichtung der 29 Faktoren auch nicht transparent genug", ergänzt Rebhan seine Mängelliste an der Studie.


Teures Honorar

Er habe mit Kaiser versucht, inhaltlich einzusteigen, aber "sie sind sehr vorsichtig, was Daten angeht". Da der Prognos-Projektleiter derzeit Urlaub in der Fränkischen Schweiz mache, wäre er sogar nach Kronach gekommen, um seine Ergebnisse dem Ausschuss vorzustellen. "Aber dafür hätte er mindestens 3000 Euro haben wollen. Normalerweise nimmt er sogar 5000 Euro", erklärte Puff. "Wir können derzeit nicht sicher sein, wie aktuell die Zahlen sind, aber die Altersstruktur ist unsere große Schwäche."

Da wollte Landrat Oswald Marr (SPD) gar nicht widersprechen. "Wir haben zu wenig Arbeitsplätze für studierte Leute", sagte er. "Und wer keinen Arbeitsplatz bekommt, gründet hier auch keine Familie." Der Kreis müsse sich aber dennoch seiner Stärken bewusst sein. Klaus Löffler (CSU) sieht in der Studie einen "Ist-Zustand aus der Vergangenheit" abgebildet. "Wenn wir uns die Realität mal ansehen, haben wir einiges in Bewegung gebracht", erklärt er. Merkmale wie Lebensqualität für Generationen fänden keine Berücksichtigung. "Wenn wir alles umsetzen, was wir geplant haben, werden wir einen anderen Stellenwert haben."

Sein Gegenkandidat für die Landratswahl, Norbert Gräbner (SPD), würde sich gerne einmal mit Kaiser treffen und die Zahlen genau erläutern lassen. Die interessieren auch Marr. Aber vor einem Treffen müsse definitiv geklärt werden, welche Daten überhaupt mitgeteilt werden könnten. "Denn natürlich steckt da eine Geschäftsidee dahinter", merkte der Landrat an. ham