Es sind nur eine Handvoll Regionen bayernweit, in denen Essensreste noch überwiegend in der Restmülltone landen. Kronach zählt zu den sieben bayerischen Landkreisen, die sich neben vier kreisfreien Städten dazu entschlossen haben, ein Bring- statt ein Abholsystem einzuführen. Das stößt gerade bei Umweltverbänden auf Kritik.

Zuletzt hat das sozialwissenschaftliche Quartalsmagazin Katapult über den Fortschritt der Biomüllsammlung in Deutschland berichtet. Anhand einer Karte ist zu sehen, dass nur 48 Landkreise und kreisfreie Städte von 402 deutschlandweit noch kein Abholsystem für den Biomüll eingeführt haben. In sieben weiteren Landkreisen gibt es die braune Tonne nicht flächendeckend.

Auch in Oberfranken klafft ein Loch bestehend aus drei Landkreisen und einer kreisfreien Stadt: die Stadt Coburg und die Landkreise Coburg, Lichtenfels und Kronach. Auch in Kronach hat sich der Kreistag 2015 dazu entschlossen, das Kreislaufwirtschaftsgesetz, das auf Initiative der Europäischen Union entstand, als Bring- und nicht als Abholdienst umzusetzen.

Das kritisiert der Naturschutzbund (Nabu) seit mehreren Jahren. Als "wenig nutzerfreundlich" betitelt die Umweltorganisation das Bringsystem: "Es ist naheliegend, dass über dieses Sammelsystem deutlich weniger Biogut gesammelt wird als über eine bequeme Biotonne direkt vor dem Haus."

Doch trifft die Kritik alle Regionen gleichermaßen? Der Landkreis hat nachvollziehbare Gründe, auf die Einführung der Tonne zu verzichten. Auf Nachfrage des FT antwortet die Pressestelle des Landratsamtes. Der Landkreis sei relativ dünn besiedelt, erklärt das Sachgebiet der Abfallwirtschaft. Das Mengenpotenzial von Küchen- und Speiseabfällen sei daher mit etwa 2500 Tonnen von insgesamt 12250 Tonnen Restmüll recht gering, hat das Gutachten von 2015 ergeben. Die Gartenabfälle wiegen dagegen schwerer: "Mehr als 11 000 Tonnen pro Jahr werden über die seit langem vorhandenen und etablierten Kompostplätze erfasst."

Nabu hält dagegen, dass gerade in spärlich besiedelten Regionen mehr Bioabfälle als in städtischen anfallen. Bis zu 72 Kilogramm pro Person und Jahr haben Erhebungen in anderen ländlichen Landkreisen ergeben, die die Biotonne eingeführt haben. Während der Landkreis auch auf den heimischen Kompost baut, antwortet der Nabu: "Auch bei Eigenkompostierern bleiben eine hohe Menge an Bioabfällen bzw. Speiseresten übrig, die sich eben nicht für den Komposthaufen eignen."

Engmaschiges Kompostiernetz

Tatsächlich verfügt der Landkreis über ein engmaschiges Netz aus öffentlichen Kompostplätzen, das bereits Anfang der Neunzigerjahre unter Landrat Werner Schnappauf (CSU) etabliert wurde (siehe Grafik, Bild 2). Der erste Kompostplatz in der Region entstand 1992 in Eichenbühl in der Gemeinde Weißenbrunn. Mittlerweile stehen für die Einwohner neun Kompostplätze bereit, die 24 Stunden geöffnet sind und Gartenabfälle annehmen, um diese in der Landwirtschaft zu verwerten. Speisereste und Essensabfälle hingegen werden in Tonnen der Firma Refood auf den Wertstoffhöfen gesammelt. Der Landkreis bezahlt die Firma für das Abholen der Tonnen.

Dabei ist tatsächlich auffällig, dass die Kompostplätze für Grünschnitt und andere pflanzliche Abfälle gut angenommen werden. Doch zur Tonne auf den Wertstoffhof bringen nur die wenigsten ihre Speisereste. Sie werde von Stammkunden genutzt, schreibt das Landratsamt. Rund 25 Tonnen im Jahr kommen durch die Sammlung im gesamten Landkreis zusammen.

Doch was passiert mit dem Bioabfall, der zusammen mit dem Restmüll entsorgt wird? Der wird in das Müllheizkraftwerk Coburg geliefert, das auch dazu beigetragen hat, dass in den Neunzigerjahren keine Biotonne im Landkreis eingeführt wurde, erklärt das Landratsamt. Statt knapper Kapazitäten und Preissteigerungen sei der Landkreis damals in der glücklichen Situation gewesen, durch den Neubau der Müllverbrennungsanlage die Entsorgung auf Jahre zu gewährleisten. Nabu hingegen kritisiert das Konzept "feuchte Bioabfälle" zusammen mit dem Restmüll zu verbrennen: "Viel effizienter und ökologischer ist die Kaskadennutzung der Bioabfälle." Das bedeutet: Sammeln, vergären lassen, Biogas als Energielieferant einsetzen und anschließend die Reste als Kompost nutzen.

Ein weiteres Argument gegen die Einführung der Biotonne ist der Preis. Im Gutachten berechnen die Experten Zusatzkosten von 700 000 Euro, was eine Steigerung der Gebühren von 18 bis 62 Prozent zur Folge haben kann. Der Nabu argumentiert hingegen mit einem möglichen Spareffekt. Landkreiseigene Betriebe könnten den Kompost verkaufen. Zudem falle im Schnitt 40 Prozent weniger Restmüllgewicht an. Damit kann die Tonne verkleinert werden.

"Der ökologische Nutzen bei Einführung einer umfassenden Getrenntsammlung von Bioabfällen über eine Biotonne ist relativ gering", argumentiert das Landratsamt, und auch in der Praxis gibt unter anderem Michael Schubert vom Kompostplatz in Eichenbühl den Entscheidungsträgern recht. Mit den Kompostplätzen wird hochwertiger Dünger gewonnen. In den minderwertigen Speiseabfällen landen oft auch Plastik und Abfälle, die dort nicht hingehören.